Kultuspolitiker Wolfgang Nowak : "Lehrer mit schwierigen Schülern müssten besser verdienen"

Der frühere Bildungspolitiker Wolfgang Nowak spricht im Tagesspiegel über die Gehaltsstruktur im Schulwesen, ein Bundesschulgesetz und die Linie der CDU.

Lehrer mit schwierigen Schülern sollen besser verdienen. "Bisher gilt: Je unkomplizierter die Schüler, umso höher das Gehalt", sagt Wolfgang Nowak.
Lehrer mit schwierigen Schülern sollen besser verdienen. "Bisher gilt: Je unkomplizierter die Schüler, umso höher das Gehalt",...Foto: ddp

Herr Nowak, Sie waren Anfang der 90er Jahre in Sachsen mitverantwortlich für die Einführung des zweigliedrigen Schulsystems. Wie kam es damals dazu?

Wir wollten und konnten der Bevölkerung nicht das westdeutsche System überstülpen, weder die Dreigliedrigkeit mit der Hauptschule noch die Gesamtschule. Wir wollten einen Weg finden, der auf den Verhältnissen in Sachsen aufbaut und gleichzeitig in die Zukunft weist. Entscheidend war auch, eine hohe Durchlässigkeit zum Gymnasium zu erreichen. Bei der Mittelschule haben wir uns von Schweizer Vorbildern, der „scuola media“ zum Beispiel im Tessin, anregen lassen. Und wir ließen uns von Fachleuten des Kantons und der Universität Zürich beraten.

An der Bezahlung der Lehrer kann es nicht liegen, dass die Schulen derzeit in der Kritik sind, denn die ist relativ gut ...

Das ist richtig und falsch zugleich. Die Verteilung stimmt nicht. Es müsste eine andere Gehaltsstruktur geben, mit einem einheitlichen Grundgehalt und Zulagen für jede besondere Verwendung, die auf die Pensionen angerechnet werden. Führungsaufgaben könnten zudem befristet werden. Vor allem aber müssten Lehrer mit schwierigen Schülern besser verdienen. Bisher gilt ja: Je unkomplizierter die Schüler, umso höher das Gehalt.

Schaut man sich die öffentliche Debatte an, hat man den Eindruck, dass die Zuständigkeit – Bund oder Länder – oder das Jahr des Übergangs auf weiterführende Schulen die eigentlichen Probleme sind. Ist das so?

Es ist nicht so entscheidend, ob das System zwei- oder dreigliedrig ist oder ob man die Kinder nach der 4. oder der 6. Klasse aufteilt. Auch wenn solche Fragen gerade die Republik zu spalten scheinen. Es gibt Wissenschaftler, die das eine befürworten, und welche, die das andere für richtig halten. Es sind letztlich Glaubensfragen. Eine gute Schule ist, unabhängig vom System, eine Schule, die ihre Schüler ernst nimmt und sie mit gutem Unterricht fördert und fordert.

Und das leidige Bund-Länder-Spiel?

Ja, ja, alle wollen zuständig sein, keiner verantwortlich. Ich halte ein Bundesrahmengesetz für Schulen für notwendig, um einen Schul- und Bildungswirrwarr in Deutschland zu vermeiden. Landesgrenzen dürfen nicht zu Bildungsmauern werden. Das Gesetz sollte zum Beispiel die Übergänge regeln und die Abiturfrage, wobei ein zwölfjähriges und dreizehnjähriges nebeneinanderstehen können. Bundesweite oder landesweite zentrale Abiturprüfungen und Prüfungen nach der zehnten Klasse sollten die Standards setzten, den Weg dorthin aber könnte man stärker den Schulen überlassen. Eine Experimentierklausel für die Länder würde die nötige Flexibilität für Neues schaffen. Ein solches Gesetz müsste in einer vom Bundespräsidenten eingesetzten Kommission von Fachleuten aus der Praxis erarbeitet werden, um Parteienstreit und parteiische Professoren zu umgehen.

Und wie wollen Sie verhindern, dass jede neue Koalition ihre jeweiligen bildungspolitischen Hobbys hineinschreibt?

Wir haben in Hamburg gesehen, wie gut sich Eltern wehren, wenn sie merken, dass ihre Kinder einem unausgegorenen Experiment ausgesetzt werden sollen. Insofern bin ich sehr optimistisch.

Wenn Sie nochmals in die Praxis müssten, was würden Sie heute gern umsetzen?

Unter anderem eine Einrichtung für die 20 Prozent eines Jahrgangs, die bisher ohne Abschluss aus dem Bildungssystem ausscheiden oder in den Hauptschulen irgendwie mitgezogen werden. In solchen Schulen werden keine Abschlüsse vergeben, ihr Ziel ist die Wiedereingliederung in die Regelschulen, eine Durchgangsstation mit intensiver Betreuung, damit diese Jugendlichen aufholen können. Man bräuchte hierfür besonders geschulte und gut bezahlte Lehrer, und man müsste die Wirtschaft mit ins Boot holen. In dem Zusammenhang wäre es auch richtig, für Einwandererkinder, die besondere Förderung brauchen, zweisprachige Schulen mit einem verstärkten Deutschunterricht einzurichten. Dort würden sie zunächst in ihrer Muttersprache unterrichtet, um dann immer mehr in den Deutschunterricht hineinzuwachsen. Ab der 9. Klasse wird dann nur noch auf Deutsch gelehrt und geprüft.

Kanzlerin Merkel hat die Bildungsrepublik ausgerufen und scheint bemüht zu sein, das Zukunftsthema Bildung stärker mit der Union zu verbinden ...

Mir ist die Bildungspolitik der Union ein Rätsel. Alle guten Pisa-Länder sind von ihr geprägt, ob Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen. Auch die Elite- Hochschulen sind weitgehend in Unions- Ländern. Doch die CDU verschenkt ihre Kompetenz für Schulen und Hochschulen zunehmend an andere, in Hamburg an die Grünen, in Thüringen an die SPD, in NRW zuletzt an die FDP. Die CDU ist offenkundig dabei, eine ihrer empirisch nachweisbaren Stärken preiszugeben. In Hamburg hat sie ihre eigene Wählerschaft verprellt und ist von ihr beim Volksentscheid vorgeführt worden. Die Union ist nicht in der Lage, nach außen zu kommunizieren: Wir sind beim Zukunftsthema Bildung die Stärksten. Es ist schon merkwürdig – nachdem man den Pisa-Wettbewerb gewonnen hat, passt man sich den Verlierern an. Allerdings hat die CDU auch Nachholbedarf: Mit Ganztagsschulen könnte endlich eine Reihe von Problemen gelöst werden, für die man jetzt eine Chipkartenbürokratie aufbauen will.

Das Gespräch führte Albert Funk.

Zur Person

Wolfgang Nowak (67) leitet die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft (Deutsche Bank), war Planungschef in Schröders Kanzleramt und Kultus-Staatssekretär in Sachsen. 2005 trat er aus der SPD aus.

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