Kunst und Bildung : Über Bilder sprechen

Schüler entdecken Kunst im Museum und verbessern dabei ihre Deutschkenntnisse

Katja Gartz

Mit großen Augen schauen sich elf siebenjährige Schüler im Eingang der Alten Nationalgalerie um und klettern die riesige Treppe hinauf. Es ist ihr erster Besuch in einem Berliner Museum. Aylin will wissen, warum die große Frau aus Stein keine Arme hat, Ebra, was sich hinter der goldnen Schrift verbirgt. Antworten geben zwei Museumspädagoginnen und eine angehende Deutschlehrerin.

Mit zwei weiteren Kollegen haben sie das Projekt der Besucherdienste der Staatlichen Museen zu Berlin „Eins, Zwei, Drei..., Worte kommt herbei – Deutsch lernen mit Kunst“ entwickelt. An der Pilotphase nehmen Zweitklässler der Rixdorfer Grundschule aus Neukölln teil, die überwiegend aus türkischen Familien stammen und Unterstützung beim Lernen der Deutschen Sprache brauchen. Von den Schülern will Pädagogin Ines Doleschal wissen, was auf den Schildern neben den Gemälden steht. „Was die auf dem Bild machen“, vermutet Celcan, Aylin meint „der Künstler“. Doleschal ergänzt ihre Antwort. Bei Carl Blechens „Turmruine mit Drachen“ angekommen, fragt sie weiter: Wo sitzt der Drache? Was macht er? Schnell strecken sich acht kleine Arme nach oben.

Lehrerin Angelika Tielemann begrüßt das Projekt. „Alles was ich sehe, muss ich benennen können“, sagt sie. Die Themenvielfalt des Museums könne die Schule nicht bieten. Eingebunden ist das Projekt in den Deutsch- und Kunstunterricht und wird in diesen Fächern vor- und nachbereitet. Positiv ist laut Tielemann, dass die Schüler drei Monate lang wöchentlich zwei Stunden im Museum lernen. So könne das Projekt nachhaltig wirken.

Vor Ernst Ferdinand Oehmes „Burg Scharfenberg bei Nacht“ stehend, pustet Ines Doleschal, pfeift leise und wiegt ihre Arme hin und her. Ebra weiß sofort, dass der Wind auf dem Gemälde gemeint ist. Mit der Jahreszeit tun sich die Schüler schwerer. Dass Dilara bei Franz Krügers „Ausritt zur Jagd“ schnell erkennt, dass auf dem Bild Männer auf Pferden reiten, freut Tielemann. Die neue Schülerin sei im Unterricht sehr still und schüchtern.

Die zwölf Projekteinheiten orientieren sich an Lehrplänen und Entwicklungen der Schüler. Themen sind Kinder, Familie und Natur. Die Pädagogen leiten die Schüler durch Fragen und korrigieren. Sie lernen dabei, sich besser auszudrücken und erweitern ihren Wortschatz.

„Wir wollen die Kinder in ihrem Wissen bestärken und unterstützen, Neues zu lernen“, sagt die angehende Deutschlehrerin Claudia König, die vor ihrem Referendariat steht. Zur Vorbereitung haben die Pädagoginnen im Deutsch- und Türkischunterricht der Rixdorfer Schule hospitiert. Nach sechs Schulstunden sitzen die Schüler konzentriert vor Auguste Renoirs „Der Nachmittag der Kinder in Wargemont“ und beschreiben, was die Geschwister auf dem Bild machen und wie sie wohnen. Claudia König lässt sie anschließend aus einem Körbchen Karten ziehen. Erst werden abgebildete, dem Gemälde entsprechende Kleidungsstücke bestimmt, danach Wörter und Artikel zugeordnet.

Wenn nach der evaluierten Pilotphase die Finanzierung gesichert ist, soll das Projekt im nächsten Frühjahr von vielen Schulen genutzt werden. „Dafür brauchen wir mehr Mitarbeiter und sind auf die Unterstützung von Sponsoren angewiesen“, sagt Projektleiterin Sigrid Otto von den Besucherdiensten. Das Pilotprojekt wird von der hauseigenen Stiftung finanziert. Jeder Schüler erhält zum Projekt ein Museumstagebuch, in das Bilder geklebt, gemalt und Texte geschrieben werden. Zum Abschluss malen alle sich selbst. Daneben schreibt Seren ganz groß „Hier ist schön“. Damit sie auch Schreiben lernen, sollen sie zum nächsten Mal einen Text über sich verfassen. Seren würde gerne jeden Tag ins Museum gehen.

Einen Teil des Projektes bietet das Kursangebot der Besucherdienste „Deutsch lernen vor Bildern“ für Klasse 1 bis 4. Für Gruppen bis 21 Schüler ist die Teilnahme kostenfrei, größere Klassen werden geteilt und zahlen 35 Euro. Infos: Tel. 266 36 66, E-Mail: fuehrungen@smb.spk-berlin.de

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