Kunstprojekt : Wo Regentropfen Brille tragen

Die Künstlerin Annette Polzer hat mit Schülern der Comenius-Schule Bilderbücher entworfen - von Kindern für Kinder.

Konstanze Nastarowitz
Die bunte Fantasiewelt der Comenius-Grundschüler.
Die bunte Fantasiewelt der Comenius-Grundschüler.Foto: Annette Polzer

Affenmenschen, Nusswürmer, Regentropfen mit Brille, rauchende Ameisen: Es geht bunt zu in den Bilderbüchern des Projekts „Illustrierte Geschichten von Kindern für Kinder“, welche die bildende Künstlerin Annette Polzer mit Kindern der Wilmersdorfer Comenius-Schule gestaltet hat. „Da steckt so ein unglaublicher Witz drin, das können einfach nur Kinder! Die haben eine ganz eigene Sichtweise auf die Welt“, sagt die Künstlerin. Kinderbücher, die nicht von Erwachsenen erdacht wurden, sondern von Kindern – das habe sie machen wollen.

Im vergangenen Herbst begann das Projekt, unterstützt vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, an zwei Berliner Grundschulen; Polzer ließ Kinder ihre eigenen Fantasie-Geschichten zu Bilderbüchern verarbeiten. Die Schüler übten in Kleingruppen verschiedene Drucktechniken, mit denen sie ihre Fabelwesen aufs Papier bringen konnten. Dann wurde gesponnen und erzählt, erdacht und verworfen – bis eine komplette Geschichte entstanden ist. „Was mir sehr wichtig war, ist, dass die Kinder einen Großteil der Arbeit wirklich allein gemacht haben, dass das Buch ihr eigenes Werk ist“, sagt Annette Polzer. Wenn von singenden Karaokeschlangen erzählt wird, welche die armen Schnurrbartspinnen stören, können Erwachsene über so viel Fantasie nur staunen. „Meine Eltern waren richtig stolz auf das, was wir da gemacht haben, die fanden das Projekt toll“, erzählt die stolze Hannah aus der fünften Klasse. In der Geschichte, die sie sich mit vier Freunden ausgedacht hat, geht es um eine Gang rauchender Ameisen, die den sportlichen Locheichhörnchen die Nusswürmer wegfrisst.

Der stellvertretende Schulleiter der Comenius-Schule, Bernd Sörensen, ist begeistert: „Ich schlage vor, dass wir all diese wunderbaren Fabeltiere mal bei Wikipedia eintragen, vielleicht gibt es die ja doch?“ Der Leistungsdruck werde immer größer, da sei es einfach gut für die Kinder, mit so einem Projekt einmal zur Ruhe zu kommen und in ihrer Fantasie zu versinken, sagt er.

Mit der Asperger-Klasse der Schule entwickelte Annette Polzer sogar ein dreisprachiges Buch – ein Schüler hat eine besondere Begabung für Französisch, eine Lehrerin steuerte ihre Russischkenntnisse bei. So erschien das Buch „Gebet an den Phönix“ in drei Sprachen. Als die Schüler kürzlich ihre Bücher in der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek in Wilmersdorf vorstellten, las der begabte Schüler den französischen Text – zum Erstaunen des Publikums.

22 Geschichten hat Annette Polzer seit Projektbeginn in der Helmuth-James-von-Moltke-Grundschule mit 103 Schülern aus zwei Grundschulen ersponnen und gedruckt. Das Projekt ist mit dem vergangenen Schuljahr zu Ende gegangen. Doch die Bücher können in der Heinrich-Schulz-Bibliothek und in der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek ausgeliehen werden. In Zeiten von vollen Stundenplänen und schweren Schultaschen ist eine Reise auf Wolkenkratzerinseln und ein Besuch beim DJ-Igel eine kleine Erholung – für Kinder, aber auch für Eltern. Konstanze Nastarowitz

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