Kurz vor ACHT : Johannisthaler Schulgeschichten

Schulschließungen sind traurige Geschichten. Denn sie handeln meist vom Geburtenrückgang nach der Wende, der erst leere Kreißsäle, dann verwaiste Spielplätze und Kitas und schließlich halbierte Schülerjahrgänge hervorbrachte.

Nicht traurig, sondern ärgerlich sind die Schulschließungsgeschichten allerdings dann, wenn nicht zu niedrige Schülerzahlen, sondern dumpfe Interessenpolitik oder schiere Fantasielosigkeit im Spiel sind.

Die Schulen haben das alles schon erlebt – als etwa das hervorragende Friedrichshainer Erich- Fried-Gymnasium von den Bezirks- und Bildungspolitikern kaputt gemacht wurde. Oder auch – fast – am Beispiel des Karlshorster Coppi-Gymnasiums, das allerdings durch das immense Engagement der Betroffenen im letzten Moment gerettet werden konnte.

Zurzeit ist wieder einmal zu beobachten, wie äußere Kräfte es schaffen können, eine Schule lahmzulegen. Diesmal betrifft es das Johannisthaler Montgolfier-Gymnasium. Dort klafft eine riesige Baulücke auf dem Schulhof, wo einst die Turnhalle stand. Auch eine Aula gibt es nicht mehr. Die Vorsitzende des Bezirksschulbeirates, Dagmar Sanow, berichtet, dass seit Monaten keinerlei Baufortschritt zu erkennen sei. Kein Wunder sei es daher, dass Eltern, die jetzt ihre Siebtklässler unterbringen wollen, einen Bogen um diese Schule machen: Was nützt ihnen eine 8,6-Millionen-Investition, wenn monatelang nur eine Baulücke zu sehen ist und sie nicht wissen, wann an der Schule Normalität einkehrt?

Aber auch der neue Bildungsstadtrat Dirk Retzlaff (SPD) hat so seine eigene Hypothese, warum die Schule in Schwierigkeiten geraten sein könnte: Die vorangegangene Fusion mit dem Ernst-Friedrich-Gymnasium sei schlecht für die Schule gewesen, erzählt Retzlaff. Er schlägt nun vor, an dem Standort eine Gemeinschaftsschule zu etablieren, weil es in Treptow, wozu Johanisthal gehört, nun mal zu viele Gymnasien für die paar Kinder gebe. Elternvertreterin Sanow und der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Nolte dagegen halten einen derartigen Vorschlag eher für „kontraproduktiv“, weil die Gymnasialkinder erst recht wegblieben, wenn für den Standort eine Gemeinschaftsschule diskutiert werde.

Sanow tritt nun die Flucht nach vor an: Am 3. Juli soll es einen runden Tisch geben, an dem alle Beteiligten aufgefordert werden, mit offenem Visier ihre Interessen vorzutragen – auch der Bau- und der Bildungsstadtrat. Nolte begrüßt das und erinnert daran, dass das Bezirksamt mitsamt BVV doch nur vor kurzem die Millionenspritze für das Gymnasium beschlossen habe. An diesen Beschluss sei doch wohl auch Retzlaff gebunden. sve

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