Kurz vor ACHT : Pädagogik mit Taschenrechner

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) verkündete vor einem halben Jahr Bahnbrechendes. Mit einer Offensive will er den Schulalltag von Bürokratie befreien und die Lehrer von lästigen Pflichten im Umfang von 20 bis 30 Zeitstunden pro Jahr entlasten – damit sie sich pädagogischen Zielen widmen können. Er wolle sie um zwei Prozent Arbeit entlasten, rechnete Zöllner vor.

Einen ganzen Tag weniger Bürokratie! Riefen die Lehrer in Reinickendorf und legten vor lauter Freude noch eins drauf. Für jede von der Verwaltung eingesparte Arbeitsminute wollten sie einen Cent für einen guten Zweck spenden. 2625 Euro sollten auf diese Weise zusammenkommen.

Vor einer Woche stellte Zöllner erste Details seiner Pläne vor: Beim Mittleren Schulabschluss fällt der Zweitkorrektor weg, die Lehrer müssen nicht mehr alle Arbeiten archivieren und nicht mehr jeden Notensprung eines Schülers schriftlich begründen. Die Reinickendorfer Pädagogen zückten die Taschenrechner – und kamen auf eine Zeitersparnis von 65,3 Minuten. Das würde für 20 Lehrer nur etwas mehr als 110 Euro für den guten Zweck ergeben. Mit nicht zu überhörender Ironie dankten die Lehrer jetzt Zöllner in einem „Offenen Brief“ für die „Entlastung um 0,06 Prozent“.

Allerdings, schreibt die Personalvertretung der Lehrer weiter, „müssen wir Sie darauf aufmerksam machen, dass nach Inkrafttreten Ihrer neuen Anweisung, den jährlichen Studientag für die Lehrerkollegien nur noch an Wochenenden in der unterrichtsfreien Zeit zu veranstalten, auch wieder Mehrarbeit im Umfang von fünf Stunden verursacht wird“. Aber, ach, wahre Pädagogik lebe „eben doch erst jenseits kleinkrämerischer Rechnerei und Knauserei“ auf, schreiben die Pädagogen.

Ihre Wut folgt im Anhang des Briefes: Anstatt am Kleinteiligen rumzufrickeln, sollte Zöllner endlich die Pflichtstundenzahl und die Klassenfrequenzen senken und „arbeitsentlastende Entbürokratisierungsmaßnahmen starten“, die seinem Anspruch gerecht werden“. clk

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