Kurz vor ACHT : Ende der Bescheidenheit

Evangelische Schüler sollen in Berlin schon bald am Reformationstag und am Buß- und Bettag zu Hause bleiben dürfen, ohne dass ihre Eltern das speziell beantragen oder gar einen Gottesdienstbesuch nachweisen müssen.

Claudia Keller

Die jüdischen Kinder haben es am besten: Sie können sich an elf jüdischen Feiertagen schulfrei nehmen. Katholiken haben an drei zusätzlichen Tagen frei, Muslime an zwei. Nur die evangelischen Schüler hatten bisher keinen „eigenen“ schulfreien religiösen Feiertag – abgesehen von Weihnachten, Ostern und Pfingsten, wenn ohnehin alle Kinder und – fast – alle Erwachsenen frei haben.

Die evangelische Kirche wollte sich das nicht länger bieten lassen und setzte sich durch. Schon bald sollen kleine Protestanten am Reformationstag und am Buß- und Bettag zu Hause bleiben dürfen, ohne dass ihre Eltern das speziell beantragen oder gar einen Gottesdienstbesuch nachweisen müssen.

Das kann man theoretisch nur begrüßen, schließlich muss für alle Kinder das gleiche Recht auf Religionsausübung gelten. Praktisch werden sich wohl nicht alle evangelischen Eltern über die neue Regelung freuen, denn sie wissen, dass den Schülern an den beiden Tagen Unterrichtsstoff verloren geht. Aber sie werden ihre Kinder kaum überreden können, trotz des Feiertags die Schule zu besuchen, denn die Aussicht aufs Ausschlafen wird wohl allzu verführerisch sein.

Vielleicht könnte man einen der Feiertage der jeweiligen Religion oder Konfession zu einem Bildungsangebot für alle machen, so dass alle Kinder gemeinsam ein christliches, jüdisches und muslimisches Fest feiern und so etwas über die anderen Religionen und ihre Rituale erfahren. Warum nicht als ganze Klasse zum jüdischen Neujahrsfest eine Synagoge besuchen oder zum Reformationstag einen evangelischen Gottesdienst? So hätten alle etwas von dem Festtag. Vielleicht lassen sich sogar jene, die eigentlich schulfrei hätten, dazu überreden, den Schulfreunden eine Einführung zu dem besonderen Tag zu geben.

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