Kurz vor ACHT : Hamburger Lektion

Susanne Vieth-Entus

Vielleicht ist das Losverfahren ja doch nur das zweitgrößte Übel für Eltern. Dieser Gedanke drängt sich jedenfalls auf bei einem Blick nach Hamburg. Dort gab es vergangene Woche einen fulminanten Erfolg für die Gegner der Hamburger Schulreform: Dreimal so viele Unterschriften wie nötig haben sie gesammelt, um einen Volksentscheid zu erzwingen.

Die Initiative richtete sich unter anderem gegen die Missachtung des Elternwillens beim Übergang von der Grund- auf die Oberschule: Der schwarz- grüne Senat in Hamburg will die Entscheidung, ob ein Kind auf die Stadtteilschule (Berlin: „Sekundarschule“) kommt oder auf das Gymnasium in die Hände der Lehrer geben. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass zu viele Kinder auf das Gymnasium gehen und dann für die andere Schulform zu wenig Kinder übrig bleiben, die das Abitur schaffen könnten. Die gymnasiale Oberstufe an den Stadtteilschulen wäre dann nur Makulatur.

Genau diese Befürchtung gab es auch in Berlin, weshalb sich auch Rot-Rot kräftig den Kopf darüber zerbrochen hatte, wie der Zugang zum Gymnasium beschränkt werden könnte. Letztlich setzte sich Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) durch mit seiner Überzeugung, dass der Elternwille über allem stehen soll und kein einziges Kind an willkürlich festgesetzten Hürden wie einem NC oder einem Eignungstest scheitern soll.

Der Preis für diese Freiheit ist hoch: Er besteht darin, dass bei Übernachfrage ein Losverfahren stattfindet und dass ungeeignete Kinder nach einem Jahr Probezeit das Gymnasium verlassen müssen. Gegen beides regte sich starker Widerstand der Opposition. Die aber wird jetzt neu nachdenken müssen: Angesichts der starken Gegenwehr der Eltern in Hamburg liegt der Schluss nahe, dass Zöllner mit seiner Entscheidung zugunsten des Eletrnwillens vielleicht gar nicht so verkehrt lag. Zumindest wird deutlich, dass es in Berlin oder Hamburg viel schwieriger ist, den Elternwillen zu beschneiden als in Bundesländern wie Bayern oder Sachsen, wo die Eltern solche Entscheidungsbefugnisse nie kennengelernt haben. Susanne Vieth-Entus

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