Lehrer : Plötzlich Pädagoge

Chance für Physiker und Musiker: Viele Länder suchen Quereinsteiger in den Schuldienst. Auch ohne Staatsexamen haben vor allem Naturwissenschaftler Aussichten auf eine Lehrerstelle.

Frank van Bebber
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Ein Chemie-Lehrer bei der Arbeit. -Foto: Imago

Der Tipp für die neue Musiklehrerin fiel knapp aus. „Machen Sie mal, probieren Sie mal aus“, riet der Schulleiter Petra Schmidt. Dann stand die studierte Sängerin in einer Gesamtschule in Kassel vor einer Klasse pubertierender Schüler. „Ich habe mich ein wenig alleine gefühlt“, erinnert sich Schmidt an ihre ersten Wochen als Quereinsteigerin im Lehrerberuf. Die 45 Jahre alte Sopranistin war nach dem Auslaufen eines Bühnenengagements ins Klassenzimmer gewechselt.

Ohne Seiteneinsteiger wie Petra Schmidt würden in Deutschland Tag für Tag unzählige Schüler vor einem verwaisten Lehrerpult sitzen. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, spricht von einem Lehrermangel, der viele Bundesländer, Fächer und Schularten erfasst habe. „Bevor Unterricht ausfällt, ist es eine Überlebensnotwendigkeit, auf solche Kräfte zuzugreifen“, sagt Meidinger, der in Bayern ein Gymnasium leitet.

Fast alle Bundesländer setzen auf Quereinsteiger. Vor allem in Berufsschulen fehlen Lehrer, aber auch Gymnasien, Real- und Hauptschulen suchen Lehrkräfte für Mathematik, Chemie, Kunst und Informatik – oder für Latein. Der Sprecher der Berliner Bildungsbehörde, Bernhard Kempf, sagt, bei einem Mangel an Lehramtskandidaten stelle Berlin Seiteneinsteiger ein. Besonders bei Berufsschulen sei dies der Fall. Hessen bietet für diese Schulart bis zu 100 Quereinsteigerstellen je Einstellungstermin.

Klassisches Mangelfach ist Physik, weil die Industrie mit Topgehältern lockt. Zwölf Bundesländer wollen Diplom-Physiker in den Schuldienst holen, sagt Friederike Korneck, Physikdidaktikerin an der Uni Frankfurt. Von einem Randphänomen könne man längst nicht mehr sprechen. „Für Quereinsteiger müssen dringend spezielle Unterstützungssysteme entwickelt werden“, fordert Korneck.

Wer unter welchen Bedingungen wo eingestellt, nachgeschult oder prompt ins Klassenzimmer geschickt wird, ist kaum überschaubar. Jedes Land hat eigene Regeln, die sich nach Schulart und Fach unterscheiden und sich jährlich ändern können. Zwar erfasst die Kultusministerkonferenz (KMK) die Seiteneinsteiger in einer Statistik. 2007 zählte sie bundesweit 529, was 2,3 Prozent aller neuen Lehrer entsprach. Doch mitgerechnet wird nur, wer ohne Referendariat einen vollen Job erhält. Meist aber holen Diplom- oder Magister-Absolventen den Vorbereitungsdienst ganz oder teilweise nach.

In Baden-Württemberg gab es laut KMK-Statistik vergangenes Jahr 67 Seiteneinsteiger. Doch erfasst wurden nur Berufsschullehrer, weil die sofort voll unterrichten. In der Berufsschule sei Fachwissen so wichtig, dass man fehlende pädagogische Vorbildung in Kauf nehme, sagt ein Sprecher des baden-württembergischen Kultusministeriums. Bei anderen Schularten müssen Diplom- oder Magister-Kandidaten wie die normalen Lehramtskandidaten durch das Referendariat. In der KMK-Statistik zählen sie als echte Lehrer, auch wenn sie nicht ein Uni-Seminar für Lehrer besucht haben.

Im Saarland ist das Referendariat dagegen nur für die besonders gesuchten Diplom-Physiker offen. Andere Seiteneinsteiger schickt das Schulministerium durch ein zweijähriges Programm. Sie arbeiten drei Viertel ihrer Zeit in der Schule, in der übrigen Zeit werden sie qualifiziert. 2008 stellt das Saarland vier so qualifizierte Seiteneinsteiger fest an einem Gymnasium ein. Sie treffen auf 60 neue Lehrer mit beiden Staatsexamen. Je nach Bedarf kann der Seiteneinsteigeranteil weit höher sein: Bei den saarländischen Gesamtschulen kam vor zwei Jahren jeder fünfte Junglehrer über den Umweg.

Verbandsvorsitzender Meidinger verteidigt die Professionalität des Lehrerberufs. Die Schmerzgrenze in einem Kollegium sieht er bei zehn Prozent Seiteneinsteigern. In diesem Rahmen wirkten ungewöhnliche Kollegen aber durchaus erfrischend: Meidinger erinnert sich an einen früheren Förster, der seinen Schülern im Wald jede Vogelstimme erklärte. Oder an eine Diplom-Übersetzerin, die vom Synchron-Dolmetschen erzählte.

In Kassel stand mit Petra Schmidt eine Sängerin vor der Klasse, die nicht nur vor der Tafel, sondern auf richtigen Bühnen aufgetreten war. Doch trotz eines Studiums in Gesangspädagogik und der Arbeit als Musiklehrerin war der Schulunterricht für sie ein Abenteuer. „Da bin ich mehr Erzieherin als Lehrerin“, stellte sie rasch fest und vermisste pädagogisches Wissen. Gute Erfahrungen machte sie im Lehrerzimmer: Das Kollegium habe sie offen aufgenommen. Kein Wunder, Seiteneinsteiger sind sehnsüchtig erwartete Entlastung. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt aber, ohne Pädagogik-Nachhilfe könnten sie rasch zur Belastung werden.

Nicht alle Bewerber sind auch pädagogische Talente, sagt Meidinger: „Es gibt auch den verkopften Oberassistenten von der Uni, der schon mit den Studenten nicht zurechtkam.“ Bewerber müssen zudem oft ein zweites Fach nachstudieren und Stellen nehmen, die examinierte Lehrer verschmähen. Niedersachsen warnt Seiteneinsteiger, Jobs gebe es vor allem auf dem platten Land. Im Schulministerium in Hannover liegen 700 Bewerbungen von Interessenten. Doch die Bedingungen erfüllt nur ein Teil. Im Februar stellte das Land bei 1300 ausgeschriebenen Lehrerstellen gerade einmal 29 Seiteneinsteiger ein, meist für Französisch, Musik, Physik und Mathematik. Hessen sucht etwa händeringend Biochemiker, Biologen sind dagegen chancenlos.

Petra Schmidt sagt, sie habe in gut einem Jahr im Lehrerjob viel über sich und ihre Schüler gelernt. Inzwischen fühlt sie sich vor der Klasse sicher. Die Schule würde sie gerne behalten. Doch sie hat ein Angebot für ihren wahren Traumberuf erhalten: Bald wird sie wieder auf der Bühne stehen statt im Klassenzimmer.

Lehrer werden

Informationen für Quereinsteiger gibt es auf den Internetseiten der Kultusministerien. Je nach Land, Schulart und Fach ändern sich die Chancen jährlich. In Berlin werden Quereinsteiger zum berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst nur zugelassen, wenn es nicht genügend Bewerber mit Staatsexamen gibt. Die größten Chancen gibt es derzeit in Latein, Informatik und Mathematik/Physik. In Brandenburg können Seiteneinsteiger nach einjähriger, erfolgreicher Unterrichtstätigkeit die Aufnahme in den zweijährigen Vorbereitungsdienst beantragen.

Informationen im Internet:
www.lehrer-online.de/quereinstieg.php;
www.bildungsserver.de (Rubrik Schule/Lehrerbildung).

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