Lehrerausbildung : Migranten vor die Klasse

Nur ein verschwindend geringer Anteil der Lehrkräfte hat einen Migrationshintergrund. Mit Blick auf die Integration ein Fehler, sagen Experten.

Frank van Bebber
Migranten
Seltenes Bild. Nur ein Prozent der Lehrer hat einen Migrationshintergrund. -Foto: dpa

Sie hatte eine behütete Kindheit, ihre Bildungskarriere führte sie bruchlos vom Kindergarten bis zur Universität. Einmal sprach ein Lehrer penetrant ihren Namen falsch aus. Doch sonst erinnert sie sich an liebe Mitschüler und fürsorgliche Pädagogen. Das Gefühl, im deutschen Bildungssystem eine Außenseiterin zu sein, spürte Ronak Pooya Zand erstmals, als sie ein Lehrerzimmer betrat. „Niemand hat offen etwas gesagt, aber ich hatte den Eindruck, dass man da skeptisch war“, erinnert sich die 25 Jahre alte Referendarin an ihr erstes Praktikum an einem Frankfurter Gymnasium.

Ronak Pooya Zand ist in Teheran geboren. Als sie drei Jahre alt war, kam sie mit ihren Eltern nach Hessen. „Deutsch ist die Sprache, in der ich träume“, sagt sie. In deutschen Klassenräumen ist so ein Lebensweg Alltag – bei Schülern. Doch im Lehrerzimmer bemerkte Ronak Pooya Zand: Sie war hier die Einzige mit einem Migrationshintergrund.

Was der Einwanderertochter auffiel, ist keine Ausnahme: Rund jeder dritte Schüler in Deutschland hat einen ausländischen Hintergrund, in vielen Großstadtklassen sind sie in der Mehrheit. Doch nur ein Prozent der Lehrer hat eine Zuwanderungsgeschichte. Mit Blick auf Integration ist das ein fataler Fehler, sagen Experten. „Für die Kinder ist es wichtig, Identifikationsfiguren zu haben“, erklärt Gerhard Büttner vom Zentrum für Lehrerbildung und Schul- und Unterrichtsforschung der Uni Frankfurt. „Wenn man sich in der Schule fremd fühlt, beeinträchtigt das auch das Lernen.“ Büttner begleitet ein neues Stipendienprogramm der Hertie-Stiftung, das jetzt zehn angehende Lehrerinnen und Lehrer in Frankfurt mit ausländischem Hintergrund fördert, darunter Ronak Pooya Zand. Ab Herbst weitet die Stiftung das Programm zusammen mit der Freien Universität auf Berlin aus. Studenten erhalten 650 Euro im Monat, Referendare 1000 Euro Büchergeld im Jahr.

Der Lehrerberuf steht bei Abiturienten mit Migrationshintergrund derzeit selten auf der Wunschliste. Sie stellen nach der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ohnehin nur acht Prozent aller Studenten, beim Lehramt sind sie mit sechs Prozent noch einmal unterrepräsentiert. Das liegt auch daran, dass viele sich an ihre Schulzeit weniger gern erinnern als Ronak Pooya Zand. Sie sagt: „Ich habe erfahren, dass man als Lehrer Vorbild sein und Kraft geben kann.“ Doch Mit-Stipendiaten erzählten ihr auch Geschichten von Ausgrenzung und Vorurteilen.

Wer will an so einem Ort sein Berufsleben verbringen? Schon bei Gymnasiasten setzte im Frühjahr die Hamburger Zeit-Stiftung an. Sie lud 28 Elftklässler mit familiären Wurzeln in der Türkei, Russland, Litauen oder Afghanistan für vier Tage zum Schülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“. Die meisten hätten sich gegen Widerstände bis zum Abitur gekämpft, sagt die Sprecherin der Stiftung, Frauke Hamann. „Da muss man sie erst motivieren, Schule wieder als ein Ziel zu sehen.“

Auch die Politik hat die Aufgabe erkannt. Im Nationalen Integrationsplan haben die Kultusminister mehr Einstellungen von Lehrern mit Migrationshintergrund versprochen. In Nordrhein-Westfalen gründete Schulministerin Barbara Sommer (CDU) ein Netzwerk für „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“, die wichtige Vorbilder seien. In Berlin können Bewerber Pluspunkte sammeln, in dem bei der Einstellung muttersprachliche Kompetenzen bei der Bestenauslese mitzählen. Nach Angaben des Senats nutzen das besonders Schulen in sozialen Brennpunkten und mit vielen Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Die Auswahl der zehn Frankfurter Hertie-Stipendiaten zeigt aber, dass sich diese kaum als Feuerwehr für Problemschulen verstehen. Acht von ihnen streben ans Gymnasium, nur je einer an Haupt- oder Förderschule. Ronak Pooya Zand unterrichtet als Referendarin an einem Gymnasium in Bad Homburg, einer Stadt der Besserverdienenden. Für die wenigen Migranten dort mag sie wichtiges Vorbild sein. Den größeren Lerneffekt gibt es aber bei den Deutschstämmigen. „Es hilft schon, wenn gesehen wird: Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht nur kriminell und schließen sich aus der Gesellschaft aus“, sagt Pooya Zand.

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