Lehrerprotest : "Als Faulenzer beschimpft zu werden, tut mir weh"

Schule schlaucht, doch in Berlin müssen Lehrer über 50 so viel arbeiten wie jüngere. Die Berliner Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft ruft zu einer Streikaktion auf. Ist der Protest gerechtfertigt?

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Fitte Fünfzigerin. Cornelia Fabel (links) ist Lehrerin am Oberstufenzentrum Lotis in Tempelhof und beliebt bei ihren Schülern.
Fitte Fünfzigerin. Cornelia Fabel (links) ist Lehrerin am Oberstufenzentrum Lotis in Tempelhof und beliebt bei ihren Schülern.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

An diesem Morgen hat Cornelia Fabel Glück. Schon das zweite Fernsehgerät funktioniert, der Medienwart, der die dazugehörige Fernbedienung aushändigen muss, ist da und am Kopierer stehen die Kollegen ausnahmsweise mal nicht Schlange. So kann die Lehrerin um 8 Uhr pünktlich mit dem Spanisch-Unterricht in der Jahrgangsstufe 13 am Oberstufenzentrum Lotis in Tempelhof beginnen.

Cornelia Fabel trägt Jeans, wirkt jung, dynamisch. Sie schaut sich mit den Abiturienten den Kurzfilm „Quiero ser“ an, der von zwei Brüdern erzählt, die auf den Straßen von Mexiko-Stadt leben. Dann teilt sie Fragebögen dazu aus, schreibt spanische Vokabeln an die Tafel, erklärt die Grammatik, korrigiert die Aussprache der Abiturienten. Die spielen am Ende einen Filmdialog nach. „Das machen wir oft bei Frau Fabel“, sagt der 20-jährige Kashif Ballauf: „Manchmal veranstaltet sie auch kleine Wettbewerbe. Sie ist fit, lässt sich was einfallen“.

Cornelia Fabel ist seit 33 Jahren Lehrerin und 56 Jahre alt. Als sie 1978 ihre erste Stelle antrat, durften Lehrer ab 50 eine Unterrichtsstunde und ab 55 zwei Unterrichtsstunden weniger arbeiten – jetzt gibt es das nicht mehr. Damals betrug eine volle Lehrerstelle am Gymnasium 22 Stunden, heute sind es 26.

Deshalb und weil alle anderen Bundesländer älteren Pädagogen die sogenannte Altersermäßigung gewähren, hat die Berliner Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) für Dienstag zu einer Streikaktion aufgerufen. GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke rechnet mit 3000 Teilnehmern, obwohl Senatsbildungsverwaltung und Beamtenbund die Aktion für rechtswidrig halten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hätte das Streikrecht für Beamte ausdrücklich bejaht, argumentiert Seggelke – mit wenigen Ausnahmen, etwa bei Gefahrenabwehr im Polizeidienst. Und die angedrohten Disziplinarmaßnahmen seien schon am 15.12.2010 vom Verwaltungsgericht Düsseldorf für unzulässig erklärt worden.

Der Vorsitzende des Berliner Verbands Bildung und Erziehung, Helge Dietrich, unterstützt zwar nicht den Streik, wohl aber die Forderung nach Reduzierung der Arbeitszeit. Er beklagt, dass sich die Unterrichtsverpflichtung durch die Erhöhungen der letzten Jahre „auf oder sogar über dem Niveau der Kaiserzeit bewegen“.

26 Unterrichtsstunden hört sich nicht so viel an, sagt aber auch nichts über die tatsächliche Arbeitszeit der Lehrer aus. Cornelia Fabels Arbeitstag hat selten weniger als zehn Stunden. In der Pause nach dem Spanischkurs wartet schon die von ihr betreute Fremdsprachenpraktikantin, danach unterrichtet sie Geschichte in der 12. Klasse, nach der 6. Stunde hat sie eine Besprechung mit Kollegen, weil die erste Abiturprüfung bevorsteht und Materialien zu organisieren sind. Danach müssen Bücher gesichtet werden, weil ein Fachbereich umzieht. Als Cornelia Fabel gegen 15 Uhr die Schule verlässt, fühlt sie sich erschöpft. Gegen 17 Uhr sitzt sie dennoch wieder am Schreibtisch, um den nächsten Unterricht vor- und nachzubereiten und die Abschlussfahrt mit ihrem Leistungskurs zu organisieren. Für Korrekturen von größeren Klausuren bleiben oft nur die Wochenenden.

Wolfgang Niedrich unterrichtet Wirtschaftswissenschaft.
Wolfgang Niedrich unterrichtet Wirtschaftswissenschaft.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Lehrer war mein Wunschberuf“, sagt sie: „Ich habe es nie bereut, aber die Belastung ist objektiv immer größer geworden. Und wenn man über 50 ist, fällt einiges schwerer.“ Der Unterricht verlange volle Konzentration, die Schüler merkten sofort, wenn ein Lehrer nicht topfit sei. „Außerdem sind Lehrer auch Sozialarbeiter“, sagt Cornelia Fabel. „Immer mehr Schüler, auch junge Erwachsene, haben familiäre oder psychische Probleme und brauchen Hilfe – das trifft Gymnasiasten genauso wie Leute in der Ausbildung.“

Lotis steht für Logistik, Touristik, Immobilien, Steuern – das OSZ bietet auf diesen Gebieten Berufsausbildung und berufsvorbereitende Lehrgänge an. Da sitzen in einigen Klassen auch Jugendliche, die schon mit Drogen oder der Polizei Erfahrungen gemacht haben. „Da gibt es auch Jungen, die haben nicht einmal einen Tisch zu Hause, um Hausaufgaben zu machen. Andere fangen an zu weinen, weil ihr Vater sie rausgeschmissen hat“, erzählt Wolfgang Niedrich. Der 59-Jährige unterrichtet Wirtschaftswissenschaft und betreut mit anderen Lehrern den „Trainingsraum“. In den werden Schüler geschickt, die so massiv stören, dass kein Unterricht mehr möglich ist. „Dort können sie runterkommen und von ihren Problemen erzählen“, sagt Niedrich.

Um dafür besser gewappnet zu sein, bildet er sich nach einer Qualifikation als Streitschlichter nun auch in Entwicklungspsychologie fort. Niedrich ist 59 und noch sehr engagiert – obwohl er vor einigen Jahren nach einer kritischen Situation in einer Unterrichtsstunde einen leichten Schlaganfall erlitt. Er hörte mit Rauchen auf, begann zu joggen – den Beruf wollte er nicht an den Nagel hängen. „Aber als Faulenzer beschimpft zu werden, tut mir weh“, sagt er: „Wir Älteren haben schon vieles mitgemacht“. Dann zählt er auf: Rechtschreibreform, Digitalisierung der Kommunikation, Integration von Zuwanderern, höhere Gewaltbereitschaft.

Von den 150 Lehrern, die am OSZ Lotis rund 3000 Schüler betreuen, sind zwei Drittel über 50 Jahre und 45 Prozent über 55 Jahre alt. „Durch den Wegfall der Altersermäßigung spart der Senat allein an unserer Schule wöchentlich weit mehr als 100 Stunden“, sagt Wolfgang Niedrich: „Das macht mindestens vier Lehrerstellen beziehungsweise etwa 200 000 Euro im Jahr aus. Den Preis zahlen viele mit ihrer Gesundheit.“

Die stellvertretende Schulleiterin Vera Jaspers findet, dass die Belastung der Lehrer immer mehr größer wird. „Wir versuchen, vieles durch noch bessere Organisation abzufangen“, sagt sie: „Aber das ist nicht immer möglich. Zumal der Krankenstand und die Zahl der Dauerkranken zunehmen – ein Teufelskreis.“

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