Lerncamp : Erst baden, dann büffeln

40 Berliner Hauptschüler verbringen einen Teil der Ferien im Lerncamp in Brandenburg. Sie wollen ihre Berufschancen verbessern.

Florian Ernst
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Unterricht in den Ferien. Im Sommercamp am Ruppiner See in Brandenburg bereiten sich 40 Berliner Hauptschüler drei Wochen lang auf...

Es ist ein Mittwoch Ende Juli, und es ist heiß. Die Jugendlichen baden und toben im Ruppiner See. Aber der Eindruck täuscht. Die 40 Kinder sind nicht nur ins Jugenddorf in Gnewikow in der Nähe von Neuruppin gekommen, um Spaß zu haben. Sie haben gerade die siebte Klasse an Berliner Hauptschulen absolviert und nehmen in den Sommerferien freiwillig an einem „Bildungscamp“ teil. Organisiert hat das unter anderem die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. In den drei Wochen vom 20. Juli bis 7. August sollen die Schüler jetzt schon mal auf das Berufsleben vorbereitet werden.

Es geht darum, die eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen und herauszufinden, welche Berufe dazu passen könnten. Um 7.30 Uhr geht es los, um 23 Uhr ist Nachtruhe. Dazwischen stehen Kreativworkshops auf dem Programm, Berufspraktika und Projektarbeit, aber auch Zeit, in den See zu springen. Am besten kommen die Kreativkurse an. Hier können die Jugendlichen zwischen Tanzen, Theater und Gestalten auswählen. Die 14-jährige Berivan hat sich freiwillig zur Schreibwerkstatt gemeldet. Hier wird an der Campzeitung gearbeitet.

Die Kinder- und Jugendstiftung veranstaltet das Sommercamp „FutOUR“ zum vierten Mal. Auf die insgesamt 80 Plätze hatten sich über hundert Schüler beworben. Eine Jury wählt aus, wer in eines der zwei Ferienlager kommen darf. 40 Schüler reisten nach Gnewikow, weitere 40 nach Naumburg an der Saale. Neben einem Bewerbungsbogen, den die Schüler selbst ausfüllen, müssen auch Lehrer und Eltern einen Fragebogen beantworten. Schlechte Noten oder schwieriges Sozialverhalten sind kein Ausschlusskriterium. „Wir wollen ja nicht die ausschließen, die die Hilfe am nötigsten haben“, sagt Matthias Krahe von der Kinder- und Jugendstiftung. Aber die Mischung der Gruppe müsse stimmen. Man achte aber auf jeden Fall darauf, dass gerade Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Chance bekommen.

Berivan wohnt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Spandauer Ortsteil Haselhorst und geht auf die Gottlieb-Daimler-Oberschule. Sie wollte gleich aus mehreren Gründen an dem Camp teilnehmen. „Ich will damit meine Perspektiven für die Zukunft verbessern“, sagt sie. Inwiefern genau, kann sie allerdings nicht erklären, es sei mehr ein Gefühl. Zudem habe sich ihre Mutter gewünscht, dass sie an dem Camp teilnehme. „Letztes Jahr hat sich meine Schwester beworben, aber bei der hat es nicht geklappt“, erzählt sie. Deshalb habe sie sich beim Ausfüllen des Bewerbungsbogens besondere Mühe gegeben. In der Schule sei sie „schon gut“, sagt Berivan. Doch ein Fünfer sei auch dabei, Einsen würden leider fehlen. Sie hatte sich das Campleben anders vorgestellt, anstrengender. „Ich habe gedacht, da gäbe es richtige Schulfächer wie zum Beispiel Mathe.“ Nun freut sie sich, dass die Inhalte anders vermittelt werden und dass es doch auch viel Freizeit gibt.

Dass es genügend unverplante Zeit gebe, sei auch wichtig, sagt Matthias Krahe, schließlich würden die Kinder hierher kommen, während ihre Klassenkameraden ins Schwimmbad gehen. Außerdem lernen die Campteilnehmer in Gnewikow auch in der Freizeit, nämlich ohne Computer und Fernseher auszukommen. „Viele wissen gar nicht, was sie mit ihrer freien Zeit in der ungewohnten Umgebung anfangen sollen.“ Deshalb wird abends zusammen gegrillt und gekocht, „Germanys Next Top Model“ nachgespielt oder eine Diskothek auf dem Gelände organisiert. Ein Höhepunkt ist für viele Jugendliche auch der Ausflug in denVergnügungspark „Hansapark“.

Der Nachmittag ist vorgerückt. Die Kinder draußen am See sammeln gerade Erfahrungen mit der Natur Brandenburgs. Ein Schwan hat sich unter die Schüler am Strand gemischt. „Eine Ente“, ruft es aus einer kleinen Gruppe heraus. „Das ist Schwan“, stellt ein anderer Schüler klar. Im Seminarraum arbeiten Berivan und die anderen Jugendlichen weiter an den Texten für die Campzeitung. „Lies’ es mir noch mal vor, da stimmt etwas nicht in der Satzstellung“, sagt Teamleiterin Lea zu Berivan, die gerade versucht, die Grundidee des Lerncamps zu beschreiben und dabei ganz versunken ist in ihre Sätze.

An den kommenden zwei Tagen werden Berivan und die anderen Campteilnehmer für einige Stunden oder Tage in Betrieben Praktika machen. Dafür konnten sie sich zwischen den Berufsfeldern „Soziales“, „Dienstleistung“, „Kreatives“ und „Handwerkliches“ entscheiden. Schon die Siebtklässler sollen einen realistischen Einblick ins Berufsleben bekommen, sagt Campleiter Frank Prinz-Schubert. Es gehe auch darum, den Jugendlichen klarzumachen, dass berufliche Pläne auch eine bestimmte Schullaufbahn voraussetzen, erklärt Matthias Krahe von der Kinder- und Jugendstiftung. Wer zum Beispiel Tierärztin werden will – ein häufig geäußerter Berufswunsch – muss das Abitur schaffen.

Berivan hat für die nächsten zwei Tage „Soziales“ als Berufsfeld gewählt. Einen Tag wird sie einem Friseur assistieren, den anderen im Hotel. Aber eigentlich will sie Schauspielerin oder Flugbegleiterin werden. Denn sie liebe es, mit dem Flugzeug zu fliegen oder Leute anzusprechen. Keine Scheu vor Menschen zu haben, ist auch im Hotelgewerbe Voraussetzung. Und schlechte Schauspieler gibt es sowieso genug.

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