Lernen mit Praxisbezug : Meister aller Klassen

Sekundarschulen und Wirtschaft kooperieren – für bessere Bildung. Schülern kommt der Praxisbezug entgegen. Weitere Partner für das Projekt werden gesucht.

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Die Kamera war bestimmt teuer – digitale Spiegelreflex auf dem neuesten Stand der Technik. Aber sie spielt auch Geld ein, denn „Löbes Foto Factory“ ist eine Schülerfirma der Paul-Löbe-Schule, einer Sekundarschule in Reinickendorf. Bildungsstaatssekretärin Claudia Zinke hat hier eben für Fotos posiert und betrachtet nun die Ergebnisse am Rechner. „Ich will mich bei der Polizei bewerben“, sagt sie zu Schüler Jodi, 14. „Welches Bild empfiehlst du mir?“ Jodi schaut nochmals alle durch und wählt eins aus: „Dieses hier. Das kommt natürlich rüber, seriös, ohne zu breites Lachen.“

Was mit dem dualen Lernen nun verstärkt an den Sekundarschulen erreicht werden soll, wird hier schon mit Erfolg praktiziert: die enge Zusammenarbeit von Wirtschaft und Schule. Schüler lernen etwas über Einkauf, Rechnungswesen und Buchführung, sie lernen sich zu organisieren, im Team zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. So sollen sie besser als bisher auf das Leben in der Arbeitswelt vorbereitet werden. Das Land Berlin hat mit den Wirtschaftsverbänden eine Kooperationsvereinbarung geschlossen und im Haus der Wirtschaft eine Anlaufstelle geschaffen. Duales Lernen gibt es schon länger, aber: „Die Verbindlichkeit ist neu“, sagte Klaus-Dieter Teufel von der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg am Donnerstag. „Wir lassen uns jetzt ganz anders in die Pflicht nehmen.“

Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) gibt es eine Liste schon bestehender Kooperationen. Die Bandbreite ist groß, ob Autohaus oder Fleischer, Hotel oder Versicherung, Polizeiabschnitt oder Großkonzern. Viele der 111 Sekundarschulen in Berlin haben mehrere Partner; fast alle sind auf der Suche nach weiteren Unternehmen, um möglichst verschiedene Berufsbilder vermitteln zu können.

Die IHK hat die Schulreform massiv unterstützt – auch aus Eigennutz. „Wir erhoffen uns große Fortschritte bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger“, sagte der für Ausbildung zuständige IHK-Geschäftsführer Christoph von Knobelsdorff. Die verbindliche Partnerschaft mit der Wirtschaft bezeichnete er als „Quantensprung“.

Staatssekretärin Zinke ging deshalb am Donnerstag auf Besichtigungstour, um zu sehen, wie die Partnerschaft anläuft. Ein Ziel ist, über die Schülerfirmen hinaus vor allem Lernorte außerhalb der Schule zu finden. Das obliegt jeder Schule selbst.

Zweite Station der Tour war die Bayer Schering AG in Wedding, wo Siebtklässler der Herbert-Hoover-Schule unter Aufsicht im Chemielabor experimentieren durften. Lehrerin Heidi Zenns zeigte sich zufrieden, allerdings mit Einschränkungen: „Den Realschülern kommt das duale Lernen sehr zugute; sie waren vorher eher auf den Mittleren Schulabschluss konzentriert und lernten mehr mit dem Kopf.“ Die Mischung mit den früheren Hauptschülern sei jedoch problematisch, und dafür sei die Klassenstärke mit 26 Kindern eigentlich zu groß. In Bayers Chemielabor ist davon nichts zu bemerken. Die Kinder, fast alle mit Migrationshintergrund, arbeiten ruhig und konzentriert.

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