Lernpaten an Schulen : Mehr als nur Vorleser

Lese- und Lernpaten können Schüler mit Sprachdefiziten fördern und anspornen. Besonders Sekundarschulen suchen neue Helfer.

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Gemeinsam geht’s besser. Die Schüler Emil (li.) und Enes lernen mit ihrem Lesepaten Dieter Zündel an der Hermann- von-Helmholtz-Schule in Gropiusstadt.
Gemeinsam geht’s besser. Die Schüler Emil (li.) und Enes lernen mit ihrem Lesepaten Dieter Zündel an der Hermann-...Foto: Georg Moritz

Geteilte Freude ist ... „halbe Freude?“, rät einer der Schüler. Schließlich hat er „geteiltes Leid“ gerade mit „halbem Leid“ ergänzt. „Wer kein Muttersprachler ist, für den sind diese Sprichwörter schwierig“, sagt Dieter Zündel. Deshalb hat er sich mit den Schülern Emil, 16, und Enes, 15, in den Nebenraum des Klassenzimmers gesetzt, um mit ihnen im kleineren Kreis das Arbeitsblatt mit den Sprichwörtern durchzuarbeiten. Es ist die dritte Stunde für die neunte Klasse der Hermann-von-Helmholtz-Schule in Gropiusstadt, Fach Deutsch. Für den nächsten Tag ist eine Klassenarbeit angekündigt.

Dieter Zündel, 66, aus Rudow ist seit knapp einem Jahr einer von acht Lese- und Lernpaten an der Schule. Die Integrierte Sekundarschule nimmt am Lesepaten-Programm des „Bürgernetzwerks Bildung“ des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) teil. Insgesamt gibt es rund 2000 Freiwillige im Alter von 16 bis 85 Jahren, die über das Bürgernetzwerk an Berliner Schulen und Kindergärten als ehrenamtliche Lesepaten tätig sind. In Kindergärten geht es bei der Arbeit meist um Spracherwerb, in Grundschulen ums Lesen, in Sekundarschulen um die Unterstützung im Unterrichtsstoff. 165 Grund- und Förderschulen, 90 Kitas und 29 Sekundarschulen machen mit. „Wir suchen händeringend nach Lernpaten für Sekundarschulen“, sagt Karola Hagen vom Bürgernetzwerk Bildung. Wenn es darum geht, Jugendliche in der Schule zu begleiten, zeigen sich die Freiwilligen noch zögerlicher als bei Grundschulkindern. Auch an den Grundschulen sei der Bedarf jedoch noch lange nicht gedeckt.

Meist nehmen sich die Paten zwei, drei Schüler zur Seite und üben mit ihnen im kleinen Kreis. Im Idealfall begleiten die Lesepaten die Schüler über mehrere Jahre hinweg. Roland Sowik, Lehrer an der Hermann-von-Helmholtz-Schule, hat den Kontakt zum Bürgernetzwerk Bildung aufgebaut. „Wir als Lehrer kommen ja aus der Schulblase und können gar kein richtiges Vorbild für die Schüler sein“, sagt er. Die Lesepaten kämen von außerhalb und erzählten „aus dem richtigen Leben“. Das hinterlässt Eindruck bei den Jugendlichen. Zudem können die Schüler besser gefördert werden. An Emils Beispiel erklärt Schulleiter Roland Hägler: Mathematisch gesehen sei Emil gut, nur bei Textaufgaben werde es schwierig. „Mit dem entsprechenden Textverständnis ist das aber ein Junge, der ins Abitur gehen kann“, sagt Hägler. Wo Emil von seinen Klassenkameraden aufgrund fehlender Sprachkenntnisse abgehängt wird, kann Zündel ihn im Einzelunterricht auffangen und unterstützen.

Bevor Dieter Zündel den Unterricht mit Emil und Enes beginnt, sprechen sie über das vergangene Wochenende. „Man kennt sich besser“, sagt Emil. Dadurch könne er besser mitarbeiten. „Hier kann ich immer nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe.“ Emil ist dankbar für die Unterstützung – als Stigma für schlechte Schulleistungen werden die Lesepaten nicht begriffen. Enes ist froh, dass Roland Sowik heute ihn für die Arbeit mit dem Lesepaten ausgewählt hat. „Hier macht es deutlich mehr Spaß als mit der ganzen Klasse.“ Schulleiter Roland Hägler sagt: „Wenn die Schüler die Erfolge ihrer Klassenkameraden sehen, wollen sie auch einen Lesepaten haben.“ Ziel sei es, für alle siebten bis zehnten Klassen Lesepaten zu finden. Es gehe dabei nicht nur darum, schlechte Schüler aufzufangen, sondern wie bei Emil und Enes einen Anstoß für noch bessere Leistungen zu geben.

Die Lesepaten müssen keinen bestimmten Schulabschluss mitbringen oder eine besondere Berufsausbildung. Vielmehr komme es auf die Persönlichkeit der Lesepaten an, sagt Karola Hagen. „Die Lesepaten dürfen nicht zu ängstlich sein und müssen auch durchgreifen können. Außerdem müssen sie mit der Unruhe an einer Schule umgehen können.“ Die Lesepaten verbringen einmal pro Woche vormittags zwei bis drei Stunden in der Schule, zunächst für ein Jahr. Das ist vor allem Menschen im Ruhestand möglich. „Aber auch viele Arbeitgeber finden das gut und stellen ihre Mitarbeiter für diese Zeit frei“, sagt Hagen. Neuerdings müssen die Lesepaten ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, das für Ehrenamtliche kostenlos ist.

Interessenten können sich beim Bürgernetzwerk Bildung melden und werden dann zu einem Informationsgespräch eingeladen. Bei der Anmeldung können sie angeben, ob sie in einem Kindergarten, in einer Grund-, Förder- oder Sekundarschule eingeteilt werden möchten und in welchem Bezirk. Der Bedarf ist in Bezirken wie Neukölln und Reinickendorf sehr viel höher als beispielsweise in Steglitz-Zehlendorf, wo es nur zwei teilnehmende Schulen gibt. Voraussetzung ist, dass an der Schule mindestens 40 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben oder 40 Prozent aus lernmittelbefreiten Haushalten kommen. „Das bildet die soziale Lage ab und damit den Bedarf“, sagt Karola Hagen.

Lehrer Roland Sowik beschreibt das Erfolgserlebnis der Schüler: „Die kommen aus dem Einzelunterricht raus und sagen: Jetzt habe ich das verstanden. Und das weckt in ihnen den Willen zu lernen.“

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