Lernumgebung : Architekten und Pädagogen fordern moderne Schulgebäude

Derzeit werden in Berlin 35 Sekundarschulen und 22 Gymnasien baulich hergerichtet. Weil Schulen längst mehr sind als Orte, an denen von acht bis 13 Uhr gelernt wird.

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Viel Tageslicht fällt in die Mensa der Kaulsdorfer Franz-Carl-Achard-Grundschule.
Viel Tageslicht fällt in die Mensa der Kaulsdorfer Franz-Carl-Achard-Grundschule.Foto: DAVIDS

„Richtig eingepfercht“ hätten sich Schüler und Lehrer der Freiherr-von-Hünefeld-Grundschule jahrelang gefühlt, erinnert sich Schulleiterin Jutta Perkons. Das Gebäude, das aus den 1960er Jahren stammt und in Steglitz-Zehlendorf steht, war dunkel, eingeschossig und eng. Nach Umbau und Aufstockung fällt nun viel Tageslicht durch die Fenster, die Farbgebung ist hell und freundlich. Die Atmosphäre sei viel ruhiger, so Perkons: „Die Kinder nehmen das Gebäude sehr gern an.“

Berlins Schulen verändern sich. Zwar gehören die grauen, herrschaftlichen Schulbauten oder „Lernfabriken“ aus den 1960er und 70er Jahren, wie der Vorsitzende der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam Michael Braum sie nennt, noch lange nicht der Vergangenheit an. Aber sie werden weniger: zugunsten von Gebäuden, die ästhetisch ansprechend und ökologisch korrekt sind. Und sie berücksichtigen die laut Braum so wichtige „pädagogische Dimension von Räumen“.

In den Jahren 2009 bis 2011 werden an allgemeinbildenden Schulen in Berlin rund 812 Millionen Euro verbaut: zur energetischen Sanierung, für Schulerweiterungen, den Ganztagsbetrieb sowie für Mensen und Sportanlagen. Zusätzlich flossen bis 2009 169 Millionen Euro aus Mitteln des Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) in den Ausbau der Ganztagsbetreuung. Derzeit werden 35 künftige Sekundarschulen und 22 Gymnasien baulich hergerichtet. Weil Schulen längst mehr sind als Orte, an denen von acht bis 13 Uhr gelernt wird – und sich damit auch die Ansprüche an die Räumlichkeiten verändern. In einer Broschüre der Senatsbildungsverwaltung zu Sanierungen an Ganztagsschulen heißt es: „Die Schulstandorte dienen nicht mehr nur dem Unterricht.“ Sie seien für viele Stunden des Tages Lebensorte für Schüler und Pädagogen und müssten einem immer umfassenderen Bildungsanspruch genügen.

Das 60er-Jahre-Gebäude der Freiherr-von-Hünefeld-Grundschule in Steglitz wurde aufgestockt – ökologisch korrekt und mit viel Platz.
Das 60er-Jahre-Gebäude der Freiherr-von-Hünefeld-Grundschule in Steglitz wurde aufgestockt – ökologisch korrekt und mit viel...Foto: Thilo Rückeis

„In den baulichen Stillstand an Berliner Schulen haben erst die Umbauten für den Ganztagsbetrieb wieder Bewegung gebracht“, sagt Sabine Reiß von der Bildungsgewerkschaft GEW. Aus ganz pragmatischen Gründen: Die Schulen brauchten Mensen. Insbesondere für die Klassenzimmer fordert Reiß allerdings, den Dialog zwischen Lehrern und Architekten voranzubringen, damit Schwierigkeiten und Wünsche der rund 35 000 Berliner Lehrer zum Ausdruck gebracht werden können. „Viele Menschen nehmen Raum als etwas Gegebenes hin“, sagt Reiß. Wenn ein Klassenzimmer aber einen uralten Teppich habe und außerdem schlecht belüftet und beleuchtet sei, gehe das auf Dauer an die Substanz – von Lehrern wie Schülern.

Das sieht auch Susanne Hofmann so. Ein gutes Schulgebäude, sagt die Architektin und Professorin an der Technischen Universität, lasse „so viel Tageslicht wie nur möglich“ in die Räume. Es habe eine natürliche Belüftung und ein Farbkonzept. Die Akustik sei sehr wichtig, dafür reiche nur leider das Geld häufig nicht mehr – und Lehrer wie Schüler würden darunter leiden. Eine gewisse Flexibilität der Räume werde vonseiten der Nutzer außerdem häufig gewünscht, so dass ein Klassenzimmer etwa der Arbeit in verschieden großen Gruppen angepasst werden kann. „Die Wirkung des Raums auf Unterricht und Lernerfolg wird stark unterschätzt“, sagt Hofmann. „Wer gern in der Schule ist, lernt auch lieber.“

Auch Berlin habe da noch einiges aufzuholen. Viele Schulen der Stadt seien zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebaut worden: „Die sind zwar schön, aber man tritt ein und fühlt sich klein“, sagt Hofmann. „Diese Bauten spiegeln ein völlig veraltetes Gesellschaftssystem mit sehr autoritärer Atmosphäre.“ In den von Braum so bezeichneten „Lernfabriken“ der 70er Jahre hingegen habe man versucht, Schule zu funktionalisieren – „und alles andere vergessen“, sagt Hofmann.

„Alles andere“ sind etwa die Schüler. Genau auf deren Ideen und Teilhabe setzt das Programm „Grün macht Schule“ der Senatsbildungsverwaltung, das Schulen bei der Gestaltung kindgerechter, naturnaher Schulhöfe unterstützt. „Lehrer und insbesondere Schüler werden hier so stark wie möglich in die Planung und Umsetzung einbezogen“, sagt Bernhard Fliß von „Grün macht Schule“, das 2010 rund 60 Projekte förderte. Das führe zu fantasievollen, gut angenommenen Freiflächen – die außerdem nur selten mutwillig kaputt gemacht würden.

Eine Schule, die momentan mitten in den Umbauten steckt, ist zum Beispiel die Neuköllner Karlsgarten-Grundschule. Die hatte bislang einen grauen Hof aus Asphalt, Schotter und Pflastersteinen. „Aber Kinder brauchen Anregungen, um sich zu bewegen“, sagt Schulleiterin Brigitte Unger: Sie sollen rennen, klettern, balancieren oder in Höhlen kriechen können. Nun stehen in den Fluren Modelle der Wunsch-Schulhöfe, die die Schüler mithilfe eines Architektenbüros selbst gebastelt haben. „Die Kinder hatten ganz machbare Vorstellungen“, sagt Unger. Sie wollten Matsch und Wasser, eine Schaukel, Klettergerät und robustes Gebüsch zum Verstecken. Das alles wird nun Realität – und damit die Kinder erleben, was mit ihren Entwürfen passiert, wird nicht wie üblich in den Ferien, sondern während der Schulzeit gebaut.

Einmal die Woche mischt eine Klasse bei den Bauarbeiten mit – letzte Woche etwa war eine der sechsten Klassen dran. Mit Unterstützung einer Bildhauerin wurden Steine gemeißelt und zusammen mit Bauarbeitern Mauern verfugt. Dina und Amira, beide elf, behauten Schmucksteine für ein Labyrinth. Dass das Ganze Spaß macht, darüber waren sich die beiden einig. Noch dieses Jahr soll der Schulhof mitsamt den Klettergerüsten, Büschen und Balanciertreppen aus Baumstämmen fertig werden – so dass auch die Sechstklässler noch etwas von ihrem selbst entworfenen Schulhof haben.

Lesetipp: Michael Braum, Oliver G. Hamm: Worauf baut die Bildung? Bericht der Bundesstiftung Baukultur, Birkhäuser Verlag, 136 S., 24,90 Euro

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