Lernzentrum von Hertha BSC : Zum Unterricht ins Stadion

Im Lernzentrum von Hertha BSC werden Schulverweigerer zum Mitmachen motiviert. Bei dem Bildungsprojekt beschäftigen sich die Schüler mit Themen wie Vielfalt und Antidiskriminierung.

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Mannschaftsfoto . Die Neuntklässler der Gustave-Eiffel-Schule in Prenzlauer Berg besuchen einen Workshop auf dem Hertha-Gelände.
Mannschaftsfoto . Die Neuntklässler der Gustave-Eiffel-Schule in Prenzlauer Berg besuchen einen Workshop auf dem Hertha-Gelände.Foto: Paul Zinken

Mensur hat auf dem Foto der Nachwuchs-Fußballmannschaft jemanden entdeckt. „Das ist mein Sozialarbeiter!“ ruft er. Gerade waren Mensur und seine Mitschüler noch müde und kaum zum Reden zu bewegen. Doch jetzt möchte Richy wissen, wo die Mitglieder der Jugendmannschaft jetzt sind. „Schlafen die?“ Nein, sie sind in der Schule.

Es ist elf Uhr vormittags. Die Neuntklässler der Gustave-Eiffel-Oberschule in Prenzlauer Berg besuchen eine Projektwoche des Fanprojekts „Lernzentrum bei Hertha BSC“. Sie folgen dem Fanbeauftragten Donato Melillo durch die Räume der Nachwuchsspieler. Abseits des Klassenzimmers sollen die Jugendlichen hier über Themen wie Vielfalt und Antidiskriminierung, soziale Netzwerke, Liebe und Freundschaft sprechen. Die 14- bis 16-Jährigen aus der Klasse von Lehrer Dietmar Dönges arbeiten an ihrer Sekundarschule normalerweise nach dem Prinzip „Produktives Lernen“ – sie haben abwechselnd Schulunterricht und Praktika. Bei der Hertha-Projektwoche fehlen von 17 Schülern am ersten Tag acht.

Das Bildungsprojekt der Robert-Bosch- und der Bundesliga-Stiftung richtet sich an Sekundarschulen, Förderschulen und Oberstufenzentren. Bereits über 50 Klassen haben das Berliner Lernzentrum seit 2010 besucht. Die Teilnehmer sind häufig Schulschwänzer und tun sich schwer damit, klassischem Frontalunterricht zu folgen. Sie sind oft unmotiviert und ohne einen Plan für ihre Zukunft. In England gehören Bildungszentren bei Profivereinen längst fest dazu, in der Bundesrepublik gibt es inzwischen zwölf. In unmittelbarer Nähe zu ihren Vorbildern können die Jugendlichen zeigen, dass sie etwas drauf haben, frei von Notendruck. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ der Bundesregierung und der deutschen Industrie hat das Berliner Lernzentrum stellvertretend für die bundesweiten Lernzentren als „Ausgewählten Ort 2012“ ausgezeichnet.

Zu Beginn stellen sich die Schüler gegenseitig mit vorgegebenen Fragen vor. Sie lauten etwa: Was bedeutet dein Name? Was ist dein Lieblingsessen? „Das ist Desiree“, sagt Mensur. „Was ihr Name bedeutet, weiß sie nicht. Ihr Lieblingsessen ist Salat. Versteh ich nicht, aber egal.“ Die Gruppe lacht. Der 16-jährige Mensur aus Friedrichshain ist Schulschwänzer. „Ich hatte in einem Halbjahr 60 Fehltage.“ Gerade hat er sein Praktikum in einem Restaurant verloren, weil er unentschuldigt gefehlt hat. Warum Mensur „faul“ ist, wie er sagt, weiß er nicht. Er zieht die Mundwinkel weit nach unten. Dieses Gesicht kann bei ihm Ahnungslosigkeit ausdrücken, manchmal auch Zufriedenheit, Anerkennung und Verständnis. Als er seinen Sozialarbeiter als Trainer auf dem Jugendmannschaftsbild bei Hertha BSC findet, kommt es wieder.

Die einende Wirkung des Fußballs werde noch nicht genug genutzt, sagt Birger Schmidt. Der Erziehungswissenschaftler ist Projektleiter des Lernzentrums. Das bundesweit erste Lernzentrum startete 2006 in Dortmund, 2010 kam Berlin hinzu. Hier gehört zu den Projekttagen ein Besuch im Olympiastadion, wo auch über die Vergangenheit des geschichtsträchtigen Ortes gesprochen wird. „Das Tolle ist, dass die Schüler bei uns gar nicht merken, dass sie lernen“, sagt Schmidt. Wenn im „Erzählcafé“ ein Vereinsmitarbeiter zur Fragerunde kommt, wie dieses Mal Donato Melillo, blühen die Jugendlichen auf.

Neben Diskussionen, Übungen und Filmbeispielen zum inhaltlichen Schwerpunkt gibt es während der Projekttage auch ein kreatives Projekt – dieses Mal ist es ein Rapsong zum Thema Diskriminierung. In Endlosschleife läuft ein Hip-Hop-Beat aus der Anlage. Paul sitzt mit nickendem Kopf über ein Blatt Papier gebeugt und schreibt. Lehrer Dönges sagt: „Die Schüler geben sich mehr Mühe als in der Schule. Sie fragen nicht einmal nach einer Pause.“ Mensur genehmigt einen Blick auf sein Blatt: „Ich versuch heute mal keinen zu beleidigen, denn ich will dich nicht peinigen.“ Danach wird der Text so schlüpfrig, dass er ihn später nicht aufnehmen kann. Einige haben hart an ihren Zeilen gearbeitet, wagen sich dann aber doch nicht ans Mikrofon. „Das ist wieder dieses Versagen, wie sie es aus ihrer Schulzeit kennen“, sagt Dönges.

Am letzten Tag hat Seminarleiter Thomas Stretzke für alle Schüler die Bedeutung ihrer Namen herausgesucht. Mensur heißt „Krieger, der aus einer gewonnenen Schlacht wiederkehrt“. Mensur zieht wieder sein Gesicht, diesmal aus Zufriedenheit. Desiree heißt „die Erwünschte“. Dann wird der Song vorgespielt. „Seid doch mal leise“, sagt Mensur. Nach Hause gehen möchte keiner, ohne den gemeinsamen Rap aufs Handy zu laden.

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