Schule : Lesen und lesen lassen

Einwandererkinder sollen Lust auf Bücher bekommen. Deshalb trainieren ihre Mütter in einem Kurs das Vortragen

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Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Selma bekommt Applaus und steigt auf die kleine Bühne, die aussieht wie eine Mischung aus einer Puppenstube und einem orientalischen Café. Unter Tüchern aus rotem, gelbem und lila Tüll klappt sie ein deutsch-türkisches Bilderbuch auf, das „Das Allerwichtigste – En Önemlisi“ heißt. Die 31-Jährige liest daraus vor, abwechselnd in beiden Sprachen.

Selma hat von ihrer Trainerin Karin Kotsch gelernt, dass Vorlesen auch immer bedeutet, eine kleine Show hinzulegen – ganz egal, wie viel Publikum man hat. Deshalb versucht sie, allen Tieren im Buch eine eigene Stimme zu geben: dem forschen Biber zum Beispiel oder der weisen ruhigen Eule. Und auch, Blickkontakt zu ihren Zuhörern zu halten und ihnen immer wieder auch die Zeichnungen zu zeigen. Die anderen Mütter klatschen, und Selma steigt von der Bühne und erholt sich bei einer Tasse Tee.

Ein bisschen Überwindung kostet es alle sechs Frauen, Geschichten in verschiedenen Sprachen vorzulesen, die ihnen nicht immer leicht über die Lippen kommen. Trotzdem haben sie sich für den Kurs im Mädchenkulturtreff Dünja in Moabit angemeldet – um ihren Kindern Spaß an einer Sprache zu vermitteln, die so ganz anders klingt als ihre eigene Muttersprache. Bezahlen müssen sie dafür nichts: Die Kosten für den Kurs trägt das Quartiersmanagement.

Karin Kotsch ist zufrieden mit ihren Kursteilnehmerinnen Iltaf, Aliyeh, Zeinab, Fatmeh, Husna und Selma. Sie stammen aus dem Libanon, der Türkei oder den palästinensischen Autonomiegebieten und haben sich eine Woche lang viel Zeit genommen, um „Die Kunst des Vorlesens“ zu erlernen. Außerdem haben sie kleine Püppchen gebastelt, die später in manchen Geschichten eine Rolle spielen.

Genügend Zuhörer werden die Mütter sicher finden, schließlich haben sie insgesamt 25 Kinder. Die meisten sind an diesem Vormittag in Kitas und Schulen. Sieben Kinder hat etwa die Libanesin Aliyeh zur Welt gebracht, die sehr dramatisch erzählen und mit den Augen rollen kann. Im Deutschen kämpft sie vor allem mit dem Präteritum: also etwa mit der Frage, ob es nun bettelte heißt oder betteltete.

„Die Frauen geben sich viel Mühe, und sie machen das richtig gut,“ sagt Karin Kotsch, die Expertin für Sprache, Ausdruck und Literacy ist, zu Deutsch: Lesekompetenz. 2009 wurde sie von der Stiftung Lesen mit dem Förderpreis für Integration ausgezeichnet. Vor vier Jahren hat sie das Projekt „Lies mir vor! Jetzt gleich!“ entwickelt und bildet bundesweit Mütter mit Migrationshintergrund im Vorlesen fort. Frauen, die manchmal nur sehr wenig Deutsch sprechen. „Aber wenn wir Vorlesen, dann sollen Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen“, sagt Kotsch. Wenn die Mütter Probleme mit einzelnen Wörtern haben, rät die Trainerin ihnen, den Finger unter die Buchstaben zu legen, und das Wort Stück für Stück auszusprechen.

Der 33-Jährigen Zeinab, die jetzt auf der Bühne sitzt und sich zunächst den anderen Müttern vorstellt, macht zum Beispiel das Wort Pflaume Mühe. Es dauert ein wenig, bis sie die richtige Aussprache findet. Die Frucht gehört zu den Lebensmitteln, durch die sich die kleine Raupe Nimmersatt fressen muss. Das Bilderbuch, das Zeinab immer wieder ins Publikum hält, ist eigentlich einsprachig. Aber unter den deutschen Buchstaben klebt nun auf Papierstreifen die arabische Übersetzung.

Im Unterschied zu arabischen Büchern blättert Zeinab den Raupentext von links nach rechts durch. „Manche Kinder wundern sich, wenn sie das sehen“, erklärt Karin Kotsch, während sich Zeinab die Haare zusammenbindet, damit das Publikum ihr Gesicht besser sieht. Und sie auf Arabisch und Deutsch vorliest, wie sich die kleine grüne Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Als die Raupe so richtig dick ist, ruft Aliyeh aus dem Zuschauerraum: „Diät“, und alle lachen.

Inzwischen hat sich das Publikum der Lesemütter übrigens vergrößert: Einige Mütter haben bereits an einem Lesetag an der Wartburgschule vorgelesen. Und sicher auch ihren eigenen Kindern zu Hause schon eine ordentliche Show präsentiert. Im Juni hat Karin Kotsch in ihrem vollen Kalender wieder „Moabit“ stehen – engagiert hat sie diesmal das Projekt „Mütter für Mütter“.

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