Leserdebatte : Worunter leiden Berlins Schulen?

Sie stehen heute alle unter Druck: Lehrer, Kinder, Eltern. Das wirkt sich auf das Schulleben aus. Worunter leiden Berlins Schulen? Machen Sie mit, schildern Sie uns Ihre Erfahrungen!

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Stress von außen. Lehrer stehen im Kreuzfeuer der Erwartungen, immer mehr knicken ein unter dem Druck. Die Zahl der dauerkranken Lehrer erreichte 2010 einen Höchststand: 1450 der rund 30 000 Pädagogen sind nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben. Foto: Ullstein
Stress von außen. Lehrer stehen im Kreuzfeuer der Erwartungen, immer mehr knicken ein unter dem Druck. Die Zahl der dauerkranken...Foto: ullstein - phalanx Fotoagentur

Timo stört den Unterricht, und nicht zum ersten Mal. Er schwatzt und läuft durch die Klasse. Immer wieder muss die Lehrerin ihn ermahnen: „Setz dich hin, sei still, hör zu.“ Vergebens – Timo fängt nun auch noch an zu singen. Schließlich setzt die Lehrerin Timo ganz hinten in die Klasse und lässt ihn seitenweise Worte abschreiben. Hinauswerfen will sie ihn nicht, damit könnte sie ihre Aufsichtspflicht verletzen. Nachmittags erzählt Timo seiner Mutter von der langweiligen Schule, in der er immer nur abschreiben müsse. Es ist nicht das erste Mal, und seine Mutter ärgert sich. Gespräche mit der Lehrerin enden an dem Punkt, an dem diese Timo „schwierig“ findet, weil er „die ganze Klasse aufmischt“. Timo will nicht mehr in die Schule, seine Mutter ist überzeugt, das müsse an der Lehrerin liegen, die sein Temperament und seine Fähigkeiten falsch einschätzt. Sie sucht das Problemgespräch mit dem Schulleiter – über die Lehrerin.

Wo liegt die Wahrheit, wer löst das Problem? Die Debatte um die Lehrerin Ursula Sarrazin wirft ein Schlaglicht auf die überaus gespannten Beziehungen, die Lehrer und Eltern heute verbinden. Noch nie standen Lehrer so stark unter Druck und unter Beobachtung. Noch nie haben sich Eltern so entschieden und gründlich in den Schulbetrieb eingemischt. Wie Lehrer sein sollen, wie sie mit unseren Kindern umzugehen haben – das meinen alle beurteilen zu können. „Lehrer ist ja quasi jeder“, sagt Ralf Treptow, Direktor des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow.

Früher – da war der Lehrer wer. Bis vor ein paar Jahren gehörten Lehrer zu den angesehensten Berufsgruppen, Respekt verstand sich von selbst. Autorität und autoritäres Handeln wurde nicht infrage gestellt. Heute stehen Lehrer im Kreuzfeuer der Erwartungen, und immer mehr Pädagogen knicken ein unter dem Druck. Die Zahl der dauerkranken Lehrer in Berlin erreichte im vergangenen Jahr laut Senatsbildungsverwaltung einen neuen Höchststand: 1450 der rund 30 000 Berliner Pädagogen sind nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben, weil sie an Burnout, Herz-Kreislauf- oder Rückenerkrankungen leiden; 50 Millionen Euro kostet das Berlin pro Jahr.

Lehrer, die am Burnoutsyndrom leiden, berichten, dass es vor allem der immense Druck von außen ist, dem sie nicht mehr standhalten konnten: immer neue Vorschriften, gesellschaftliche Erwartungen, zentrale Vergleichsarbeiten, immer höhere Standards. „Früher waren Lehrer eher Einzelkämpfer“, sagt eine 39-jährige Pädagogin aus Wedding. Sie allein waren dafür verantwortlich, was im Klassenzimmer geschah. Heute gibt es offenen Unterricht, Teamarbeit, runde Tische mit Sozialarbeitern und Psychologen, internationale Bildungsstandards. Vor allem ältere Kollegen hätten Probleme, sich den zahllosen Anforderungen anzupassen, sagt die 39-Jährige. Und viele Berufsanfänger seien unsicher, welche Methoden denn nun die besten sind: offener Unterricht – oder doch eher Frontalunterricht und strenge Regeln?

Ursula Sarrazin ist nicht unsicher, sondern routiniert. Und sie verteidigt ihren Unterrichtsstil offensiv. „Wenn ich als Lehrer eine Reaktion unterlasse, nehme ich die Regeln nicht ernst. Dann tun die Schüler das auch nicht mehr“, sagte sie im Interview. Die 59-Jährige polarisiert: Ist sie zu streng? Verlangt sie zu viel? Oder muss man sie nicht eher loben dafür, leistungsorientiert zu sein und, wenn nötig, eine harte Hand zu zeigen? Öffentlichkeit und Eltern sind gespalten. An der Spitze der Kritiker steht Landeselternsprecher Günter Peiritsch. Der 52-Jährige gehört zu den besonders Engagierten: Er habe sich nicht damit abfinden wollen, seine Kinder an das „System Schule “ abzugeben und die Tür hinter ihnen zu schließen, sagt Peiritsch. Er spricht also für Eltern wie sich selbst: bildungsbürgerlicher Hintergrund, politisches Verständnis, finanzielle Sicherheit.

Als Berliner Landeselternsprecher hat es Peiritsch außer mit bürgerlichen Normaleltern mit zwei anderen Elterntypen zu tun. Da sind einerseits Eltern, die am liebsten bereits in der Grundschule die Basis für den universitären und beruflichen Werdegang des Kindes legen wollen. Es sind fordernde Eltern, vermeintlich perfekt informiert über Pisa, Schulrecht, Stundenplan und Methodenlehre. Sie treten Lehrern gegenüber wie Auftraggeber auf und erwarten von der Schule ein rundum gebildetes, optimal gefördertes Kind zurück. Andererseits sind da die Bildungsfernen. Sie werfen Elternbriefe ungelesen fort, aus Mangel an Interesse oder an Deutschkenntnissen oder an beidem.

Jede Mutter, jeder Vater waren selbst einmal Schüler. Auch das macht die Kommunikation mit den Lehrern nicht leichter. „Alle, die sich in der Schule begegnen, haben Erfahrungen mit Schule gemacht und sind scheinbar Experten“, sagt Eva Schmoll, Schulleiterin der Nikolaus-August-Otto-Oberschule in Lichterfelde. Viele Eltern sehen an der Schule von heute vor allem die Mängel. Je größer der Bildungsdruck, je mehr Bedeutung dem Lernen und der Bildung beigemessen wird, desto unsicherer werden sie. Groß ist die Angst, eine Chance zu verpassen, Fehler zu machen, dem Kind die Zukunft zu verderben. Also mischen sie sich ein. Welche Bücher soll der Lehrer mit der Klasse lesen? Neben wem sitzt mein Kind? Bekommt es genügend Aufmerksamkeit? Wie viel Hausaufgaben darf es geben? Wird das Kind gerecht bewertet? Wenn nicht – was kann man dagegen tun? Wohin geht die Klassenfahrt?

Dabei machen manche Eltern den Eindruck, als verstünden sie sich als Trainer und Anwalt ihres Kindes gleichermaßen. Mit zunehmendem Einfluss der Eltern steigt der Rechtfertigungsdruck, dem sich Lehrer stellen müssen. „Hält diese Entscheidung einer juristischen Überprüfung stand?“ Das muss Schulleiter Ralf Treptow immer im Kopf haben. Es kommt vor, dass er einen Termin mit einem Schüler und dessen Eltern bei sich im Büro ausmacht, um über eine vermeintlich zu harte Bestrafung oder eine angeblich ungerechte Note zu diskutieren – und mit den Eingeladenen kommt auch der Anwalt der Familien, um notfalls mit einer Klage zu drohen.

Auch das müssen Lehrer aushalten.

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