Magen-Darm-Infekte : Horte und Kitas versorgen sich selbst mit Essen

Nach den massiven Magen-Darm-Erkrankungen an Berliner Kitas und Schulhorten suchen viele Betreuungstätten neue Caterer. Doch die Auswahl ist begrenzt. Wer kann schon für weniger als zwei Euro eine vollwertige Mahlzeit liefern?

von , , , und Ariane Lemmer
In vielen Schulhorten und Kitas wird nach dem verdorbenen Essen eines Caterers improvisiert. Foto: dapd
In vielen Schulhorten und Kitas wird nach dem verdorbenen Essen eines Caterers improvisiert.Foto: dapd

Während in Laboren nach dem Auslöser der massiven Magen-Darm-Erkrankungen gesucht wird, kümmern sich viele Kindertagesstätten und Schulhorte in dieser Woche selbst um das Essen für die Kinder, die in den Ferien betreut werden müssen. Mit dem ins Visier geratenen Caterer Sodexo habe die Senatsbildungsverwaltung vereinbart, in dieser Woche keine Speisen auszuliefern, sagte ein Sprecher. Derzeit seien 30 Kitas und 70 Horte betroffen, die sich um „alternative Anbieter“ gekümmert hätten. Insgesamt sind Berlin bis Montag 2655 Kranke registriert worden, die mit der Welle zusammenhängen könnten – vor allem Kinder, die in von Sodexo belieferten Kantinen gegessen hatten.

Der Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Stefan Komoß (SPD), hat an sieben Schulen in seinem Bezirk, die sonst von Sodexo beliefert werden, nun kurzfristig Bargeld ausgegeben: zwei Euro pro Tag und Kind für Beschaffung oder Zubereitung des Mittagessens. Und in der Richard-Wagner-Grundschule in Lichtenberg haben Erzieher am Montag in einer Küchenzeile im Lehrerzimmer am Montag eine Gemüsenudelsuppe für die Kinder gekocht. Für diesen Dienstag hat das Schulamt warmes Essen eines anderen Caterers zugesagt. Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), Stadträtin für Gesundheit in Pankow, sagte: Am Montag habe man noch improvisiert, ab Dienstag liefere ein kleiner Caterer das Essen.

Die Opposition fordert eine bessere Koordination. Die Bildungsexpertin der Linken im Abgeordnetenhaus, Regina Kittler, wies darauf hin, dass es in vielen Einrichtungen gar keine Küchen gäbe, so dass die Möglichkeiten zur Zubereitung von Speisen in Eigenregie begrenzt seien. Vielmehr solle der Senat mit anderen Caterern über Zusatzlieferungen für alle Schulen verhandeln.

Video: Ursachenforschung nach Massen-Durchfall:

In der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg lieferte am Montag der Firma Luna wie geplant Käsespätzle. „Man kann nicht von einem Caterer auf den anderen schließen“, sagt Schulleiter Holger Hänel. Dennoch, die Auswahl ist eher gering: Die Ausschreibung läuft über den Bezirk, Schüler und Erzieher können bei einem Testessen aber mitentscheiden. Wegen der niedrigen Preise für das Schulmittagessen habe sich die Zahl der Anbieter jedoch drastisch reduziert. Für Lieferverträge seien die Schulämter zuständig, sagt Stadträtin Zürn-Kasztantowicz: Man könne Großlieferanten auch nicht einfach ausschließen, ohne das gesamte Ausschreibungsverfahren zu ändern.

Ähnlich ist die Lage in Brandenburg. Im Lindenhof-Hort in Stahnsdorf bei Potsdam gab es am Montag nun Baguette, Waffeln und Muffins – alles, was noch so da gewesen sei, wie eine Erzieherin sagte. In anderen Horten werden weiter Sodexo-Speisen ausgegeben, auch wenn nicht alle Kinder davon essen. Ähnlich machen das Eltern und Erzieher im „Sunshine Kids“ in Werder. Am Montag lieferte Sodexo Königsberger Klopse, nur die Hälfte der Kinder brachte eigenes Essen mit. Einen Lieferstopp für Sodexo haben die Brandenburger Behörden nicht verhängt: Da die Ursache für die Erkrankungen nicht geklärt sei, gebe es keine Rechtsgrundlage.

In Sachsen sind Noroviren im Zuge der Krankheitswelle nachgewiesen worden. Allerdings gilt inzwischen als unwahrscheinlich, dass sie für diese Masse an Fällen verantwortlich sind. Vielmehr könnten die Ausscheidungen von Bakterien – gerade in Fisch und Fleisch – Lebensmittelgifte erzeugt haben. Wegen des im Herbst ohnehin verstärkten Auftretens von Noroviren, sei nicht auszuschließen, dass mehrere Ursachen zusammenspielen, heißt es aus der von der Bundesregierung eingerichteten Taskforce. Zwar gibt es auch in Berlin Hinweise, dass sich Kinder gegenseitig anstecken. Doch einige Mediziner sind sich sicher: „Wäre es eine Noroviren-Epidemie, gäbe es noch mehr Fälle.“

Die Grünen meinen, das „Krisensystem gehört auf den Prüfstand, damit künftig schnell Ergebnisse bei der Ursachenforschung erzielt werden können.“

Nicht an allen von einer Sodexo-Großküche belieferten Einrichtungen sind Magen-Darm-Erkrankungen aufgetreten. Experten gehen davon aus, dass wohl eine bestimmte Charge die Erkrankung ausgelöst haben könnte. Wie Kenner der Berliner Lebensmittelkontrollen sagen, spräche vieles dafür, dass ein Produkt eines Zulieferers verkeimt war. Sodexo hat seine Küchen angewiesen, das in der vergangenen Woche produzierte Essen sicherzustellen. Seit Montag wird wohl nur neue Ware produziert. Das Personal muss weiter Stuhlproben abgeben.

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