Mauerbau : „Wie war das, am 13. August 1961?“

Diese Frage haben Grunewald-Grundschüler ihren Großeltern sowie Politikern gestellt. Es kamen viele Briefe zurück - zum Beispiel von Wolfgang Schäuble und Walter Momper.

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Bis zum Herbst sind in der Grunewald-Grundschule Briefe, Artikel und Fotos ausgestellt.
Bis zum Herbst sind in der Grunewald-Grundschule Briefe, Artikel und Fotos ausgestellt.Foto: Thilo Rückeis

Aus Sicht eines Kindes ist so eine Mauer, die eine Stadt teilt, nichts Besonderes: „Da steht halt 'ne Mauer, da kann man doch ganz leicht rüber“, sagt Tobias, 12, Schüler der Grunewald-Grundschule. So habe er zumindest bisher gedacht. Seit einigen Wochen hängen im Flur seiner Schule Briefe, die Zeitzeugen über ihre Erinnerungen an den Mauerbau vor 50 Jahren verfasst haben. „Das Leben mit der  Mauer war doch nicht so einfach, wie ich dachte“, sagt Tobias seitdem.

Unter Anleitung von Claudia Syll, Lehrerin für evangelische Religion, haben Schüler der Klassen drei bis sechs ihre Großeltern und prominente Politiker gebeten, ihnen von ihren Erinnerungen an den Mauerbau zu erzählen. Tobias hat eine Anfrage an Walter Momper verschickt – es kam eine Antwort und es lag sogar ein Foto im Umschlag. Es zeigt Momper im Jahr des Mauerbaus als 16-Jährigen. 28 Jahre später sollte Momper zum Regierenden Bürgermeister Westberlins gewählt werden – nur wenige Monate bevor das Mauer-Monstrum aus dem Stadtbild verschwand.

Alle Zeitzeugen erinnern sich daran, dass der 13. August 1961, der Tag, der erstmals Gewissheit über den Mauerbau brachte, ein Sonntag war. Am Montag erschienen die Kollegen aus Ost-Berlin nicht mehr am Arbeitsplatz, manche Grundstücksgrenze war zur Landesgrenze geworden, mancher zugesagte Studienplatz auf einmal unerreichbar. Julia, 11, aus der fünften Klasse, sagt: „Am schlimmsten war, dass ganze Familien auseinandergerissen wurden.“ Julias Großmutter war damals so alt wie die Enkelin heute, sie schreibt : „Mein Vater hat geweint. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen.“

Die Idee zu dem Briefprojekt stammt aus dem vergangenen Jahr, als Claudia Syll und ihre Schüler 21 Jahre nach dem Mauerfall Verwandte und Prominente baten, von ihren Erinnerungen daran zu berichten. Es kamen zahlreiche Antworten, etwa aus dem Kanzleramt, aus dem Buckingham Palace, aus der Feder von Helge Schneider. Aufgrund der großen Resonanz entschied Syll, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus erneut Zeitzeugen zu schreiben. Deren Erzählungen machen Geschichte für die Schüler lebendig. „So erfahren sie etwas über die Menschen, die damals gelebt haben“, sagt Syll.

Die Briefe haben ihre Schüler auf schwarzen Karton geklebt und zu einer Gedenkausstellung in der Schule vereint. Lia, 11, aus der fünften Klasse, haben die Briefe sehr berührt: „Als ich sie gelesen habe, habe ich fast angefangen zu weinen.“ Lias Großmutter berichtet, wie sie in West-Berlin vom Mauerbau erfuhr und „wie vom Donner gerührt“ war, da ihre Kinder gerade Urlaub an der Ostsee machten. Der Großvater von Lia antwortet in einem zehn Seiten langen Brief und erzählt, er habe als 11-Jähriger Ferien in Bayern gemacht. Die Nachricht vom Mauerbau erhielt er vom Sohn seiner Gastgeber mit den Worten: „Ha ha, jetzt werdet ihr in Berlin alle Russen!“ (siehe Kasten rechts).

Walter Momper, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, legte seinem Brief ein Foto von sich als 16-Jährigem bei. 28 Jahre nach dem Mauerbau sollte Momper zum Regierenden Bürgermeister Westberlins gewählt werden. Und die Mauer - die war wenig später Geschichte.
Walter Momper, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, legte seinem Brief ein Foto von sich als 16-Jährigem bei. 28 Jahre nach...Foto: Thilo Rückeis

In der Gedenkausstellung hängt neben den Briefen , vielen Fotos und Zeitungsartikeln auch ein Plakat mit Mauertoten. Syll hat neben die Namen einzelne Bilder der Toten gehängt, damit wolle sie zeigen, „dass hinter jedem Toten ein Schicksal steht.“ Darunter haben die Schüler bunte Blumen aus Krepp-Papier geklebt. Noch bis ins neue Schuljahr bleiben die Briefe in der Schule hängen. Dann möchte Syll Zeitzeugen aus Seniorenwohnheimen in die Schule einladen, um Geschichte weiter mit Geschichten fassbar zu machen.

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