Schule : Mit Sport kriegen sie uns – serienweise

Spritsparer in Mode? Besser laufen da schon hochtrainierte Versionen gängiger Typen – weil wir es nicht anders wollen

Eric Metzler

Ein bisschen schizophren sind wir schon. Keine Frage, sagen wir uns vorm Einschlafen, sparsam muss der Neue sein und den sportlichen Schnickschnack am Wagen, den brauchen wir nun wirklich nicht. Leder? Breitreifen, Alus? Motoren, die nur mit Tempobegrenzer zu bändigen sind? Vergeudung zur Unzeit. Ballast. In der neuen Ölkrise träumen wir lieber von einem sanften Hybrid, von Biodiesel und bezuschusstem Erdgas.

Als wir wach werden, treffen wir unsere wahren Traumwagen; Neuerscheinungen und Facelifts dieser Saison. Da ist zunächst der große Athlet in Nadelstreifen, der Audi S8, unten auf dieser Seite stellen wir ihn vor. Leistung im Überfluss, zehn Zylinder und 450 PS in vornehmstem Gewand. Oder der Golf GTI, dessen Urahn wir schon in der Pubertät hinterhergeschaut haben. Nach jahrelangem Wehklagen der Fans baut VW das Kultmodell seit einigen Monaten wieder – mit 200 PS und einer Beschleunigung von 7,2 Sekunden auf 100 km/h. Dann der Focus ST, Fords Jedermann-Renner; 2,5-Liter-Turbo, 225 km/h, gute 12 Liter Verbrauch. Und schließlich die blaue Flotte von Opel.

Gleich zwei neue Sportler haben die Rüsselsheimer 2004 vorgestellt, hochgezüchtete Boliden mit dem Kürzel OPC, die zwar Vectra und Meriva heißen, den gewöhnlichen Serienmodellen gleichen Namens aber um Lichtjahre enteilen. Den Zafira OPC verkauft Opel schon seit 2001. Sein Start als „schnellster Serien-Van der Welt“ war seinerzeit ein Wagnis, ein Versuch mit 200 PS, der mit reichlich Prestige, guten Tests und fünfstelligen Verkaufszahlen belohnt wurde.

Inzwischen haben alle verstanden: Sportlich geht immer. Und, zur Verwunderung der Rationalen, in der neuen Ölkrise sogar besser denn je. Noch nie haben die Hersteller in kurzer Zeit so viele Sportversionen gängiger Typen herausgebracht. Gemeint sind hier nicht die bekannten Sportlinien von Mercedes (AMG), BMW (Alpina) oder Audi (RS) – die hatten immer ihre Zielgruppe mit entsprechend gut gefülltem Geldbeutel. Neu ist die Flut an gedopten Normalwagen. Die Industrie sucht und findet Kunden, die starke Motoren lieben, aber nicht als halbstark gelten wollen; Kunden, die in sportlicher Optik vors Haus fahren, ohne beim Nachbarn gleich in den Ruf eines Angebers zu fallen.

Der Trend zum Sportler ab Werk hat nun auch die Kleinen erfasst. Nissans Frauenliebling Micra gibt es als 160 SR mit 110 PS, frechem Heckspoiler, graphitfarbenen Sechszehnzöllern und Pedalen aus Alu, die mit Gumminoppen belegt sind – ganz so, wie man es von den richtigen Rennautos kennt. Ein Detail, mit dem auch der neue Polo GTI ausgestattet wird, der sich im Frühjahr aus Wolfsburg auf den Weg macht. 150 PS und 216 km/h Spitze wird die kleine Kraftmaschine mit tiefer gelegtem Sportfahrwerk leisten, mehr als jeder Polo zuvor in der 30-jährigen Geschichte der Baureihe.

Besonders akribisch folgt man der Mode bei Peugeot. Mit dem 1007 haben die Franzosen allen Mut zusammengenommen und gezeigt, wie gut Schiebetüren zu einem Stadtwägelchen passen. Kaum hat man sich auf den Straßen Berlins an diesen Anblick gewöhnt, lassen die Modell-Trainer nun den 1007 RC aus der Box und geben ihm mit 109 PS die Sporen. Damit man im Stadtverkehr nicht vergisst, wie viel Sport man im Micro-Van erleben könnte, wenn die Straße nur Platz dafür böte, wird die Leistung nicht bloß zur Verfügung gestellt, sie wird mit Noblesse zelebriert. Für 19 900 Euro findet sich auf den hochwertigen Schalensitzen, Armaturentafeln und Türverkleidungen feinstes Nappaleder mit Kreuznaht, auf der Mittelkonsole glänzendes Carbon. Eine Sitzheizung ist an Bord, die Scheinwerfer haben ihre eigenen Wischer und auf Wunsch wird der Dachhimmel mit italienischem Alcantara bespannt. Ein feiner Beweis: Die Oberklasse ist in unseren Kleinwagen angekommen.

Wer mit so einem racig-edlen Alltagsmodell unterwegs ist, hat sich bewusst für das Besondere entschieden – und legt dafür bewusst mehr Scheine auf den Tisch. Die Hersteller machen darauf Lust, natürlich, aber in erster Linie reagieren sie mit ihren Angeboten auf die Sehnsucht nach Individualität im Kleinen wie im Großen. Das ist nicht nur gut fürs Geschäft, es ist auch legitim.

Erinnern Sie sich? Ähnlich wie auf den Golf GTI haben wir Jahre auf den 3-Liter-Lupo gewartet. Unsere Sehnsucht indes war nicht stark genug – jedenfalls nicht, um fürs Sparen bewusst ein paar Scheine mehr auf den Tisch zu legen. Landrauf, landrunter dasselbe Fazit: Hätte VW ihn eben billiger anbieten müssen, den Anti-Sportler. Wie gesagt. Ein bisschen schizophren sind wir schon.

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