Musikrevue : Kästners Kaffeetasse

Eine Musikrevue verbindet: Wie Schüler aus Berlin und Rumänien der Geschichte begegnen

Thomas Loy

Die Tasse, in Noppenfolie gewickelt, liegt vor ihrem Besitzer. Echtes KPM-Service, sechsteilig, braunes Dekor, ein Erbstück. Ob es exakt die Tasse ist, die Erich Kästner an den Mund geführt hat, als der Fotograf, Vater des Besitzers, irgendwann im Jahr 1950 auf den Auslöser drückte, kann der Tassenerbe nicht mit Sicherheit sagen. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 6.

Die Detektive, 36 Schüler zwischen 11 und 13 Jahren, setzen ihre Zeugenbefragung fort.

„Was hat er aus der Tasse getrunken?“

„Kaffee.“

„Mit Milch?“

Klaus Eschen, Sohn des Berliner Pressefotografen Fritz Eschen, muss passen. Nächste Frage.

In der Clemens-Brentano-Grundschule, Lichterfelde, sind in dieser Woche 18 Schüler aus der 6. Klasse des Brukental-Gymnasiums in Hermannstadt, Rumänien, zu Gast. Im nächsten Monat ist dann der Gegenbesuch der Berliner Schüler in Rumänien. Ein Schüleraustauschprojekt, ganz normal, aber in seinen Details doch sehr außergewöhnlich: Alle Schüler sprechen fließend Deutsch. Alle kennen ihren Kästner. Und alle werden am Donnerstag in einer musikalischen Revue auftreten, die dem berühmten Schriftsteller gewidmet ist.

Klaus Eschen, Rechtsanwalt, Antifaschist, Jahrgang 1939, ist gekommen, um den historischen Rahmen abzustecken und zu bezeugen, dass Kästner ein „ernster Mensch“ war, aber zugleich sehr kinderfreundlich. „1946 war er bei uns zu Hause, kam auch zu mir ins Kinderzimmer und fragte, ob er etwas Spielzeug borgen könnte.“ Klar konnte er. Klaus gab ihm eine Straßenbahn und noch ein paar andere Sachen. Es ging den Eschens damals, trotz aller Not und Rationierung, relativ gut. Fritz Eschen war Jude, ein Verfolgter des Naziregimes. Von den Alliierten bekam er viele Aufträge.

Auch Erich Kästner hat er immer wieder fotografiert. Die beiden Männer schätzten sich gegenseitig. 1950, bei der zweiten Begegnung, habe der Schriftsteller leider schon distanzierter und ein wenig verbittert gewirkt. Klaus Eschen vermutet, dass Kästner enttäuscht war von der frühen Bundesrepublik, die zahlreiche alte Nazis wieder in hohen Ämtern beschäftigte

Kästners Bücher landeten 1933 auf dem Scheiterhaufen. Der Schriftsteller, der ja zugleich Journalist war, sah sich das Propagandaspektakel aus der Nähe an, erzählt Eschen. Eine Schülerin will von ihm nun wissen, ob er seine Bücher danach noch einmal schreiben musste. Eine irritierend logische Frage. Klaus Eschen stutzt kurz. Nein, es habe ja viele Exemplare gegeben.

Auch für seinen Vater begann 1933 eine schwierige Zeit, allerdings entging er wegen seiner Ehe mit einer „Arierin“ zunächst direkter Verfolgung. Erst 1943 wurde Fritz Eschen, der in einem Metallbetrieb Zwangsarbeit leisten musste, in der sogenannten „Fabrikaktion“ verhaftet und in die Rosenstraße verschleppt. Die Frauen der Inhaftierten protestierten jeden Abend vor dem Haus, in dem ihre Männer von Gestapo und SS festgehalten wurden. „Es war das erste Mal, dass mein Bruder und ich allein zu Hause waren. Es war beängstigend.“

Weit schlimmer wurde es, als der ältere Bruder von Klaus Eschen an einem Blinddarmdurchbruch starb. Der Arzt, den sie aufgesucht hatten, weigerte sich, ein „Judenkind“ zu behandeln.

Für die Kinder aus Hermannstadt sind diese grausigen Geschichten und die Fotos aus dem zerstörten Berlin, die Klaus Eschen mitgebracht hat, sehr beeindruckend, aber auch seltsam unwirklich. „Es ist schwer, sich das vorzustellen“, erzählt die zwölfjährige Diana Bija. In Geschichte nehmen sie gerade die Zeit der Entdeckungsreisen durch. In Berlin waren die meisten noch nie.

Die 18 rumänischen Austauschschüler, darunter 15 Mädchen, lernen seit dem Kindergarten Deutsch und werden in vielen Fächern auf Deutsch unterrichtet. Die Brukental-Schule hat eine 600-jährige Geschichte. Auch unter der kommunistischen Diktatur behielt sie ihren Sonderstatus als Schule der deutschen Minderheit. Inzwischen haben nur noch wenige Schüler deutschsprachige Eltern. Kästner gehört zum Repertoire im Deutschunterricht.

Die Idee zur Kästner-Revue und dem Austausch, der von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mitgetragen wird, hatte Elisabeth Arend. Sie ist Lehrerin an der Brentano-Schule und Kabarett-Sängerin. Zusammen mit ihrem Partner Jürgen Pfeiffer tritt sie mit selbst getexteten Programmen auf Berliner Kleinkunstbühnen auf.

Vor einigen Jahren tourten Arend und Pfeiffer durch ganz Rumänien. Im Oktober 2007 war das Kabarett-Duo in Hermannstadt, um die Revue an der Brukental-Schule auf die Bühne zu bringen, im Februar waren die Brentano-Schüler dran, nun hat die Revue nochmals Premiere, in einer gemischten rumänisch-deutschen Besetzung. Sie werden nicht nur in ihrer eigenen Schule auftreten, sondern auch noch vor großem Auditorium am Klinikum Benjamin-Franklin.

Diana Bija musste ihren Part als „rote Grete“ leider an eine Berliner Schauspielkollegin abtreten – im Tausch gegen diverse kleinere Rollen. Dabei hat sie das Kästner-Gedicht vom „verhexten Telefon“ so lieb gewonnen, besonders diese Strophe:

„Exzellenz, hier Störungsstelle.

Sagen Sie doch dreimal ‚Schrank‘.

Etwas lauter, Herr Minister!

Tschuldigung und besten Dank.“

Die Aufführungen sind am Donnerstag um 14 Uhr 30 im Universitätsklinikum Benjamin-Franklin, Steglitz, Klingsorstraße, Westhalle, und um 18 Uhr 30 in der Clemens-Brentano-Grundschule, Lichterfelde, Kommandantenstraße 83–84.

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