Nach der Volksabstimmung : Was Ethiklehrer lernen

Professoren der Humboldt-Universität erklären, was angehende Ethiklehrer wissen müssen, um Berliner Schülern Werte erfolgreich vermitteln zu können.

Daniela Martens

Wie vermittelt man das Thema „Menschenwürde“ einem Neuntklässler? Kirsten Meyer, Professorin für Didaktik der Philosophie, hat darauf die passenden Antworten. Sie bildet an der Humboldt-Universität seit dem Wintersemester 2007/08 Ethiklehrer aus. Neulich etwa habe eine Studentin dazu einen Unterrichtsentwurf in ihrer fachdidaktischen Übung entwickelt: Bibelstellen, ein Auszug aus dem Grundgesetz und die Menschenrechtserklärung wollte sie mit einer Klasse lesen und mit den Schülern über Menschenbilder diskutieren.

Seit dem Volksentscheid am 26. April ist klar: Ethik wird weiterhin das Fach an den Berliner Schulen bleiben, das die Schüler in ihren Werten und Anschauungen prägen soll. Wie aber werden die Ethiklehrer auf diese Aufgabe vorbereitet? Gestern stellte Volker Gerhardt, Philosophieprofessor an der HU und Vorsitzender der Ethik-Kommission des Senats, gemeinsam mit Kirsten Meyer und ihrem Kollegen Thomas Schmidt das Konzept vor, nach dem an der Humboldt-Universität die Ethiklehrer ausgebildet werden. 40 Studenten seien das zurzeit im Bachelorstudiengang. Etwa 20 bis 30 schicke man pro Jahrgang „auf den Arbeitsmarkt“ – nachdem sie noch einen ein- oder zweijährigen Masterstudiengang absolviert hätten. „Das deckt den Bedarf nicht ab“, sagte Schmidt. Und das, obwohl Quereinsteiger für die Masterstudiengänge akzeptiert würden.

Identität, Freundschaft, Glück, Freiheit, Verantwortung, Wissen, Hoffen, Glauben – der gesamte Bereich zwischenmenschlichen Miteinanders werde in dem Studium abgedeckt, sagte Gerhardt. Man wolle sich nicht „im engeren Sinn auf die bloße Philosophie beschränken“. Es gehe etwa um Tugenden, und auch Frömmigkeit sei eine davon. Wenn die drei Professoren über den Studiengang sprechen, entsteht aber der Eindruck, die Beschäftigung mit den verschiedenen Religionen sei während des Studiums für die angehenden Ethiklehrer zweitrangig. Spricht man Gerhardt darauf an, hält er einen Vortrag darüber, wie die Beschäftigung mit der Kant’schen Ethik eine philosophische Perspektive auf die Religion ermögliche.

Aber müssen nicht gerade in Berlin Ethikstudenten auf die Aufgabe vorbereitet werden, mit Klassen, die zu 80 Prozent aus Kindern mit muslimischem Hintergrund bestehen, über Wertvorstellungen zu sprechen? Es sei ja nur ein kurzer Studiengang, sagt Schmidt. Und für Lehrer gelte nun einmal, dass man sich vieles „on the job“ aneignen müsse.

Auch an der Freien Universität gibt es einen Studiengang für angehende Ethiklehrer. Dort lernen zurzeit rund 100 Studenten die Grundlagen für den Ethikunterricht – mit ganz anderen Schwerpunkten: Neben Philosophie wird dort auch großer Wert auf die Beschäftigung mit Religions- und Sozialwissenschaften gelegt. Bei der Senatsschulverwaltung heißt es dazu, die beiden Wege würden gleichermaßen zum Ziel führen. Beide Modelle fänden ihre Berechtigung.

Und das sind nicht die einzigen Wege, auf denen inzwischen 600 Pädagogen zu Ethiklehrern wurden: Seitdem das Fach 2006 eingeführt wurde, unterrichten es unter anderem Philosophielehrer und Kollegen aus anderen Fächern, die am Landesinstitut für Schule und Medien fortgebildet wurden, staatliche Religionslehrer, etwa aus Baden-Württemberg – ohne Fortbildung. Und auch Fachfremde ohne Fortbildung – wie beim Vertretungsunterricht. Daniela Martens

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