Nachhilfe : Entspanntes Lernen in den Ferien

Viele Nachhilfe-Institute bieten jetzt Intensivkurse an. Abseits des Schulalltags ist die Aufnahmebereitschaft oft größer. Doch Schüler brauchen auch Pausen – besonders wenn die Noten nicht so gut sind.

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Nachhilfe in den Ferien. Schülerin Hanna lernt bei Juliane Oldenburg.
Nachhilfe in den Ferien. Schülerin Hanna lernt bei Juliane Oldenburg.Foto: Paul Zinken

Die 16-jährige Hanna wird sich in den Winterferien mit dem „Urschleim“ beschäftigen. So nennt ihre Nachhilfelehrerin Juliane Oldenburg, die das Lernwerk Steglitz leitet, scherzend die Grundlagen der deutschen Grammatik. „Wir popeln nicht am aktuellen Stoff herum, sondern sichern den Unterbau“, sagt die 34-jährige Linguistin. Hanna besucht das Fichtenberg-Gymnasium in Steglitz und hat für die Ferien, Montag bis Freitag, 90 Minuten Einzelunterricht in Mathematik und 90 Minuten Grammatik-Crashkurs in der Gruppe gebucht, um sich rechtzeitig auf die Prüfung zum mittleren Schulabschluss (MSA) vorzubereiten.

Für die Winterferien bieten zahlreiche Nachhilfeanbieter ein „Intensivtraining“ oder eine „Aufholjagd“ für Haupt- und Nebenfächer aller Schulstufen an, sowie Prüfungsvorbereitung für MSA und Abitur. Oft wird damit geworben, dass es sich ohne den normalen Schulstress besonders gut lernen lasse. Im Lernwerk Steglitz, einem von fünf Standorten in Berlin, sind die Ferienkurse bis auf Englisch und Biologie zwar schon ausgebucht, Geschäftsführer Jan Horn rechnet für die Zeugniswoche aber mit einem neuerlichen Schwung Anfragen. Die Nachfrage nach Feriennachhilfe erklärt er sich mit den gestiegenen Anforderungen. Wenn ein Schultag gewöhnlich bis 16 Uhr dauert, bleibe für Nachhilfe außer in den Ferien kaum noch Zeit. Die Hälfte der Schüler komme bereits von den Grundschulen. Nur fünfzehn Prozent der Nachhilfeschüler seien versetzungsgefährdet, die Mehrheit wolle sich die Noten verbessern, sagt Horn. In Kleingruppen oder im Einzelunterricht machen sie andere Lernerfahrungen als in einer Klasse mit 30 Schülern und sie entdecken Methoden wie das Lernen mit Karteikarten. „Es kostet, aber es macht mehr Spaß“, sagen zwei Jungen, die gerade vom Unterricht kommen. Hanna hat es beeindruckt, dass sie gleich beim Beratungsgespräch als „Fühllerner“ erkannt wurde. Das heißt, sie kann besonders gut zuhören, wenn sie gleichzeitig etwas mit den Händen tut. „Vorher wusste ich nicht einmal, dass es Lerntypen gibt“, sagt sie.

„Leider ist nicht jedem Schüler klar, warum die Schulleistungen zum Teil nicht ausreichend sind“, sagt Jonas Mücke vom Studienkreis in Wilmersdorf. Der mit 34 Standorten größte Nachhilfeanbieter in Berlin lädt einen Tag nach der Zeugnisvergabe Schüler bis zur zehnten Klasse zu einem „Lern-Check“ für die Fächer Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch und Latein. Wie können Schüler und Eltern also sinnvoll auf die Noten im Zwischenzeugnis reagieren?

„Das Kind steht im Vordergrund“, sagt Simone Vintz, Projektleiterin bei der Stiftung Warentest. Im Gespräch mit den Eltern solle es zunächst selbst seine Leistung und Ursachen für mögliche Probleme einschätzen. Dann sei mit dem Lehrer abzuklären, ob schlechte Noten aus Wissenslücken, Konzentrationsschwäche oder etwa aus einer Lese-/Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie resultierten. Auch Konflikte in der Klasse oder mit dem Lehrer lassen sich im Dialog mit der Schule besser einschätzen. Wenn sich Eltern und Schüler für externe Nachhilfe entscheiden, sollten Eltern bei der Wahl eines Anbieters auf flexible Vertragsbedingungen, die Gruppengröße und die Qualifikation des Lehrers achten. Das Kind entscheidet bei einem Beratungsgespräch oder einer Probestunde, ob es sich in den Lernräumen und mit dem Lehrer wohl fühlt. Preislich lohne sich auch der Vergleich mit Angeboten von Studenten oder pensionierten Lehrern.

Bernd Fiehn, Leiter des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums, rät, auch die Angebote der Schulen zu nutzen. Nach den Winterferien gebe es an seiner Schule wöchentliche Nachmittagskurse zu Lerntechniken und Sprachförderung sowie an vier Tagen kostenlose Hausaufgabenhilfe. Für versetzungsgefährdete Schüler gibt es nach den Ferien Beratungstermine, außerdem vermittle man Nachhilfe von Schülern für Schüler.

Die „Verantwortung für das eigene Lernen“ ist für Klaus Seifried, den Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums Tempelhof-Schöneberg, zentral. Mit Kindern und Jugendlichen, die sich verbessern möchten, könne man für die Ferien ein kleines Arbeitsprogramm mit erreichbaren Zielen vereinbaren. Eine Stunde täglich sei genug. Externe Nachhilfe könne eine Unterstützung sein, wenn Eltern nicht helfen könnten oder die Eltern-Kind-Beziehung durch Schulthemen schon belastet ist. „Zwangsverordnete Nachhilfe ist nicht erfolgreich“, sagt Seifried und erinnert daran, dass Schule „nicht alles im Leben eines Kindes“ sei. Gerade bei schlechten Noten seien Auszeiten wichtig, um wieder Kraft und Neugier zu entwickeln. Pausen hält auch Simone Vintz von der Stiftung Warentest für unerlässlich. Ferienkurse bieten sich ihrer Meinung nach in längeren Ferien an, wenn genügend Zeit zum Ausruhen bleibe. Die Vorbereitung eines Schulabschlusses sei aber eine Sondersituation, in der man auch mal die Ferien opfern könne, um danach Ruhe zu haben.

Die Eigenmotivation der Schüler ist für das Lernwerk Steglitz Voraussetzung. „Gar nicht motivierte Kinder haben wir schon abgelehnt“, erzählt Juliane Oldenburg. „Das mussten sie dann auch einsehen“, sagt sie und meint damit die ambitionierten Eltern. Ihre Nachhilfeschülerin Hanna wird in den nächsten Ferien keinen Kurs machen, sondern Skifahren gehen. Die Bücher für die MSA-Prüfung nimmt sie aber mit.

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