Schule : Nachrichten

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Carrera, das ist wie Tempo oder Pril. Niemand muss dazu sagen, dass es sich um eine Autorennbahn, ein Taschentuch, ein Spülmittel handelt. 1963 bringt Josef Neuhierl die ersten Kunststoffmodelle heraus, bis dahin hat er vor allem Blechspielzeug fabriziert. Carrera wächst schnell, in den Siebzigern mit Ideen am Fließband, so viele, dass Sammler es heute schwer haben, alles auseinander zu halten. Anfang der Achtziger wird Carrera von allerlei Elektrospielzeug abgehängt, 1985 bleibt nur der Konkurs; Helmut, Chef und Sohn des Firmengründers, nimmt sich in einem Opel Senator das Leben. Heute wird die Carrera-Bahn wieder produziert, in Osteuropa und Asien. Und geliebt wird sie wie damals. Auch bei uns.

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Wir nannten ihn Carrera, eigentlich hieß er Schäfer Zwo. Schäfer Eins hatte vor Stalingrad gelegen und dort in der Kälte an beiden Händen die Gewalt über den kleinen Finger und den Ringfinger eingebüßt, die Finger waren krallenförmig gekrümmt. Verglichen mit Schäfer Zwo aber ging es Schäfer Eins goldig. Schäfer Zwo war auch im Krieg gewesen, und danach ist ihm von der rechten Hand nur noch der Daumen geblieben. Mit dem wischte er wie ein Irrwisch über die Tafel, wenn er uns Mathematik erklären wollte. Das war ein Grund, warum wir ihn Carrera nannten, das irrwitzige Tempo, mit dem er gestikulierte. Den anderen hatte er selber vorgegeben, als er uns seine Kriegsversehrtheit erklärte: „Jetzt habe ich eben nur noch den Daumen, na ja, Carrera-Bahn fahren kann ich damit eben nicht.“ Fingerspitzengefühl war auch in diesen frühen Siebzigerjahren nicht unbedingt notwendig, um Carrera-Bahn zu fahren, Schäfer Eins hätte es trotz abgefrorener Fingerkuppen zu mehr bringen können als zum Lateinlehrer, Carrera-Bahn fahren hätte er gekonnt. Aber Handballen, in dem der Drücker liegt, und Daumen, also ohne beides geht Carrera-Bahn fahren gar nicht. Schäfer Zwo war zu bedauern.

Ich auch. Ich hatte keine Carrera-Bahn. Der Vater war mehr der Märklin-Typ, der aus einem alten Hemd und viel Kleister und viel Farbe und viel Kleber einen Berg formte, durch den die Dampflok stampfte. Und obendrauf auf dem Berg standen Bäume und Reihenhäuser von Faller und auf der Spitze eine Kapelle, die leuchtete und bei Bedarf die Glocken klingen ließ.

Carrera waren Betonpisten, auch aus Plastik, aber ohne Bäume und Reihenhäuser und Kapellen. Zwei Spuren auf breiten Schienen, zwei Autos, keine Landschaft drum herum. Wozu auch, Carrera-Autos rasen, die zuckeln nicht gemächlich durch Landschaften.

Einmal kam es zur Vereinigung von Carrera-Bahn und Märklin. Und es kam zum Showdown. Das war, als Lutz zu Besuch war. Lutz hatte eine Carrera-Bahn und hatte sie mitgebracht. Irgendeine Rennstrecke bauten wir auf, Hockenheim, Monza, Nürburgring, keine Ahnung mehr, mit einer Brücke über die Märklin-Schienen. Das sah schräg aus, irgendwie unpassend. Unten auf zwei Meter mal einem Meter die Märklin-Bahn, HO, eine Schwarzwaldlandschaft – zwölf Jahre sind wir als Kinder mit den Eltern vom Rheinland aus in den Ferien in den Schwarzwald gefahren –, lieblich, Kirchen, Reihenhäuser, viel Fachwerk, wobei, Fachwerk im Schwarzwald?, egal, eine Idylle. Und darüber rasten die Boliden. Sie waren schneller als die Dampflok und der Schienenbus. Sie waren auch stärker. Lutz beherrschte das Schleudern. Irgendwie kriegte er in den Kurven, wenn ich ihm zu nahe kam, sein Fahrzeug ins kontrollierte Schleudern und kickte mich weg. Ich schoss aus der Leitlinie. Ich schoss von der Bahn. Die Dampflok fuhr in Oberharmersbach ein. Der Bolide flog. Auf dem Bahnsteig in Oberharmersbach standen Passagiere. Der Bolide schoss in die Dampflok. Die Dampflok fiel um. Auf die Passagiere. Der Bolide schepperte in die Bahnhofshalle von Oberharmersbach.

Gottlob fuhr die Lok noch spurgetreu, den Bahnhof bekamen Lutz und ich irgendwie repariert, zwei Passagiere aber waren hin, der Vater hat es nie gemerkt. Lutz hatte die Carrera Universal 132, mit 3-Leitersystem, in dem zwei Fahrzeuge auf einer Spur fahren konnten. Der Vater hatte nicht mal einen Führerschein.

Damals habe ich ihn verflucht für Keine-Carrera-Bahn-Haben. Alle hatten eine, Lutz, Herbert, selbst der doofe Wolfgang, der dann Optiker geworden ist. Ich hatte zwei Trafos für die Märklin. Und wenn ich dann zu Lutz, Herbert oder dem doofen Wolfgang kam, dann gaben sie so lässig Gas, so feingetunt, so überlegen – also ich meine, sie gaben mir schon die schnelleren Autos, ein Auto war immer das schnellere, sie gaben mir auch immer die schnellere Bahn – eine Bahn war immer die schnellere, nur eine Chance, die gaben sie mir nicht.

Carrera war Neuzeit. Ich war Märklin mit Faller-Kapellen. Später war ich froh darüber. Das war die Zeit, als die Carrera-Brillen aufkamen. Das waren Sonnenbrillen, man möchte sie sich nicht einmal mehr vorstellen. Sie hatten breite Bügel. Mit Löchern darin. Wahrscheinlich wegen der Aerodynamik. Carrera-Brillen waren voll Prolo. Heute würde man sagen, sie waren Dieter Bohlen. Und überhaupt, Autorennen sind doch total bescheuert.

Und dann kam Paul auf die Welt. Paul, der nicht Paul heißt, aber in seiner frühen Phase eine Brio-Bahn aus Holz hatte. In der späteren Phase wollte er eine Autorennbahn haben. Er bekam sie. Der Schwarzwald war auch nicht mehr Urlaubsziel. Carrera war zu dieser Zeit in der Krise. Irgendein anderes Teil stellte Ersatz. Es hatte Bahnen, die konnte man zum Hockenheimring formen. Es hatte einen Ferrari und einen Williams. Es hatte zwei Knopfdrücker. Und mit allem rasten Paul und der Vater um die Kurven. Stundenlang. Schäfer Zwo wäre blass vor Neid geworden.

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