Schule : Nachts jobben, morgens in den Unterricht Viele Schüler verdienen Geld mit Nebenjobs

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Abiturientin Anne Steinborn arbeitet in einer Bäckerei. Die 19-Jährige könnte sich angenehmere Ablenkungen vom Lernen vorstellen, aber sie braucht das Geld zum Ausgehen und Klamottenkaufen, sagt sie – jenen unverzichtbaren Tätigkeiten, die den Abistress vergessen machen.

Arbeiten neben der Schule ist für viele Berliner Oberstufenschüler ganz normal. Auch die meisten Lehrer denken sich nicht viel dabei – es ist schließlich Privatsache der oft schon Volljährigen. Aber mit der Ganztagsschule und dem zunehmenden Leistungsdruck durch die Verkürzung der Schulzeit fallen die Nebenjobs immer öfter unangenehm auf.

„Die Schüler sind müde und ausgepowert. Das ist einfach ungesund“, sagt eine Gymnasiallehrerin. 80 Prozent ihrer Schüler verdingten sich als Kassierer im Supermarkt, als Bürokraft oder Dienstmädchen im Hotel. „Nachmittags haben die kaum Zeit. Deshalb fallen AGs oft aus.“ Einige Schüler kämen mit Unterricht, Hausaufgaben und Jobs auf eine 60-Stunden-Woche.

„Es gibt auch Schüler, die arbeiten müssen, weil das Geld zu Hause nicht reicht“, sagt Anne Sardisong, Schulleiterin des Manfred-von-Ardenne-Gymnasiums in Hohenschönhausen. In einem Fall habe ein Schüler früh um vier zum Blumengroßmarkt fahren müssen, um Nachschub für den Laden der Mutter zu besorgen. „Das war ein Extremfall“, sagt Sardisong. „In der Regel wissen wir von den Jobs gar nichts.“ Die schulischen Leistungen aber würden unter den Nebenjobs leiden.

Bei vielen Pädagogen gibt es für dieses Thema dennoch kaum Problembewusstsein. „Die Jobs werden mehr, aber im Unterricht gibt es keine Beeinträchtigungen“, heißt es am Montgolfier-Gymnasium in Treptow. „Nur wer eine eigene Wohnung und ein Auto hat, jobbt nebenher “, sagt Heidrun Brahtz vom Lichtenberger Herder-Gymnasium. Die GEW hat arbeitende Schüler ebenso wenig im Blick wie die Senatsverwaltung für Bildung. Von den Experten im Abgeordnetenhaus fühlt sich nur Mieke Senftleben (FDP) angesprochen. „Wenn AGs ausfallen, ist das nicht in Ordnung“, sagt sie. Sie habe ihrer Tochter verboten, täglich vor der Schule Zeitungen auszutragen. „Gelegentlich Babysitten dagegen finde ich in Ordnung.“

An den meisten Gymnasien besonders in den gutbürgerlichen Vierteln sind Schülerjobs eher ein Randphänomen. In den Oberstufenzenten (OSZ) sieht es dagegen schon anders aus. Eine Lehrerin, die in Neukölln arbeitet, weiß von Nachtschichten an Tankstellen oder in Clubs. „Die Schüler wohnen schon alleine. Entweder sie bekommen Hartz IV oder sie gehen jobben.“ Von den Eltern könnten sie wenig erwarten.

„Die Arbeit neben der Schule ist für viele existenziell“, sagt Alexander Freier, ehemals Landesschülerausschussvorsitzender und jetzt Student. „Ab der 10. Klasse sind viele selbstständig, ziehen zu Hause aus, haben Handyverträge und einen gewissen Lebensstandard“, sagt er. Er selbst hat am OSZ Handel in Kreuzberg Abitur gemacht und sei damals wegen seines Nebenjobs im Bundestag „ziemlich k. o. gewesen“. Von dem 400-Euro-Job zahlte er seine Miete. Jobben in Shops, Softwarefirmen oder Event-Agenturen sei für viele Oberstufenschüler außerdem eine Statusfrage, glaubt Freier: Es gelte als cool.

Anne Steinborn kann in ihrer Bäckerei kaum Sozialprestige einheimsen. Ihr geht es eher um den Beweis, sich in der Arbeitswelt behaupten zu können. Fast alle ihre Freunde bessern ihr Taschengeld auf, sagt die Schülerin des Ardenne-Gymnasiums. Schule, Sport, Freunde treffen und Geld verdienen – alles auf die Reihe zu kriegen, sei vor allem eine Frage der Organisation. Ihr Abitur, sagt sie, gerate dadurch nicht in Gefahr.Thomas Loy

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