Schule : Nachwuchs gesucht

Nach der Talfahrt 2004 hofft die Motorradbranche in diesem Jahr wieder auf positive Zahlen

Gideon Heimann

Wer derzeit aus dem Fenster sieht, möchte sein Mopped schon gern gegen ein Schneemobil eintauschen – ein Märzbeginn, der für die beginnende Saison ins gefrorene Wasser fällt. Bei der Umschau im Handel blickt man zwar noch nicht in eisige Gesichter, aber der Optimismus der Branche wird wieder einmal auf eine harte Probe gestellt. Schließlich begann und verlief bereits das vergangene Motorrad-Jahr ziemlich verregnet.

Mehr als fünf Millionen motorisierte Zweiräder verzeichnet die bundesweite Zulassungsstatistik zwar derzeit. Darunter sind etwa 3,7 Millionen „echte“ Motorräder, sie besitzen also mehr als 125 Kubikzentimeter Hubraum. Doch die Statistik sagt nichts darüber aus, wie die Fahrzeuge tatsächlich genutzt werden – und das macht den Händlern das Leben zunehmend schwerer. Urlaubsreisen in die Alpen oder die Pyrenäen beispielsweise beginnen immer häufiger im Autoreisezug und auf dem Autoanhänger, statt von Start bis Ziel auf nur zwei Gummis. Insofern wundert es nicht, dass die durchschnittliche Fahrleistung des einzelnen Geräts von 6000 Kilometer noch Mitte der 90er Jahre auf inzwischen 3600 pro Jahr gesunken ist.

Seit 1999 sind auch die Neuzulassungen in Deutschland rückläufig, im vergangenen Jahr waren es noch nicht einmal 130 000 Stück – während in den guten Jahren durchaus um die 200 000 (echte) neue Motorräder in Betrieb genommen wurden. Das waren freilich Boomzeiten, die noch vom Nachholbedarf nach der Wende gekennzeichnet waren und so wohl nicht wiederkommen werden.

Dennoch: Auch die Zweiradkonjunktur könnte besser sein – ein Zustand, der ganz unterschiedliche Ursachen hat. So fehlt der Zweiradgemeinde ganz dringend der Nachwuchs, das Durchschnittsalter der Besitzer beträgt derzeit 39 Jahre. Dass jüngere Leute kaum noch den Einstieg finden, ist verständlich. Die PS-Hatz der etablierten Herstellerfirmen hat die Preise in die Höhe geschraubt. Selbst Moppeds aus dem Mittelbau kosten schon 5500 bis 6500 Euro. Der Führerschein der Klasse A kommt mit etwa 1000 bis 1500 Euro noch hinzu.

Für 16-Jährige wird alles zusammen nahezu unerschwinglich. Der Führerschein für Leichtkrafträder kann je nach Schule und notwendigem Aufwand vorsichtig mit 1000 Euro veranschlagt werden. Eine neue 125er kostet mindestens 2500 Euro, die Schutzkleidung wenigstens 500 Euro, die Haftpflichtversicherung fast ebenso viel pro Jahr. Für Jugendliche, die keinen guten Zugang zur prallen elterlichen Brieftasche haben, ist diese Form der Fortbewegung finanziell so gut wie uninteressant geworden.

Nun gäb’s sicher etliche Autofahrer, die sich den Innenstadtstress ersparen möchten, aufs eigene Fahrzeug aber nicht verzichten wollen. Wenn sie aber auf eine 125er umsteigen möchten, müssen auch sie die Fahrerlaubnis A1 erwerben – es sei denn, sie haben den Autoführerschein vor dem 1. April 1980 entgegen genommen. Das betrifft also die Baujahre bis 1962, die den damaligen Dreier tatsächlich mit 18 Jahren gemacht haben. Und sie sind heute auch schon weit über Vierzig.

Dabei könnte man den kleinen Motorradschein durchaus mit dem für Autos koppeln. Bei einigen unserer europäischen Nachbarn ist das möglich. In Italien, Frankreich, Österreich und Spanien dürfen Autofahrer mit drei Jahren Fahrpraxis aufs Zweirad.

Ein eher dunkles Kapitel des Motorradfahrens schlägt auf, wer sich mit dem Thema Umweltbelastung befasst. Moppeds pusten immer noch vergleichsweise viel Dreck aus und fressen reichlich Sprit. Dieses Problems nahm sich jüngst der Verkehrsclub Deutschland (VCD) an, der gemeinsam mit dem IFEU-Institut Heidelberg eine Rankingliste der saubersten Zweiräder erarbeiten wollte. Mangels ausreichenden Datenmaterials wurde das erst einmal verschoben.

Beim Motorrad wirkt sich eben die Fahrweise ganz entscheidend auf die Umweltfaktoren aus, also auf Lärm, Kohlendioxidausstoß und Verbrauch. Genormte Fahrzyklen hingegen, mit denen der Verbrauch verschiedener Moppeds vergleichbar werden könnte, gibt es noch nicht.

Immerhin gilt seit 2003 die Euro-II-Norm für Motorräder, die allzu üppige Abgasemissionen verbietet. An einer Euro-III-Norm wird noch gearbeitet, sie soll im nächsten Jahr Vorschrift für Neufahrzeuge werden. Ob das Thema Abgaslast angesichts immer weiter schrumpfender Fahrleistungen der Hobbymobile wirklich ins Gewicht fällt, mag umstritten bleiben. Tatsache ist, dass Motorräder gerade dann gefahren werden, wenn die Entstehungsgefahr des Sommersmogs am größten ist.

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