Naturwissenschaften : Grundlagenforschung am Dosentelefon

In anschaulichen Experimenten erklärt ein Biologe schon Kindergartenkindern die Naturwissenschaften

Daniela Noack

Wenn Marc Nielsch sein Fahrrad vor dem Kindergarten Bambini-Oase in Prenzlauer Berg parkt, wird er schon ungeduldig erwartet. Der Mann kommt nie ohne seine Handpuppe. Doch der 35-Jährige ist kein Puppenspieler, sondern Biologe, und aus seinem Gepäck zaubert er bei seinen Besuchen immer auch Utensilien für Experimente – manchmal sogar Schlangen oder Riesenschnecken. Schon Vier- bis Fünfjährigen erklärt er damit die Geheimnisse der Naturwissenschaften – und „Tim Findig“, die Puppe, ist der Vermittler zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt: Nielsch lässt den kleinkindgroßen Kobold mit der kugeligen Nase und den roten Wuschelhaaren zu Beginn jeder Stunde eine Geschichte erzählen.

Auf die Idee, Kurse für den Nachwuchs anzubieten, kam der zweifache Vater, als sein kleiner Sohn bei wissenschaftlichen Kindersendungen vor Begeisterung „fast in den Fernseher kroch“. Doch entsprechende Angebote suchte er im Kindergarten vergeblich. Also entwickelte er ein eigenes Konzept: „Es gab einmal eine Mutter, die enttäuscht war, dass ich den Kindern so selten physikalische Gesetze beibringe. Aber so etwas ist für kleine Kinder noch zu abstrakt. An die meisten Fragen gehen sie nämlich emotional heran“, sagt Nielsch. Deshalb nimmt er für seine Versuche am liebsten Substanzen, die in jedem Haushalt zu finden sind – etwa Backpulver oder Möhrensaft. Und statt ihnen abstrakte Modelle zu erklären, lässt er die Kinder ein Dosentelefon bauen. Damit will er Kleinkinder vor allem zum eigenen Denken anregen. Erfolg ist für ihn, wenn die Kinder scheinbares Wissen, das sie von den Erwachsenen übernommen haben, hinterfragen.

Manches erklärt Nielsch auch mit Händen und Füßen, Zeichnungen oder Geschichten. So lernen Vierjährige ganz „nebenbei“, dass eine Kerze „gute“ Luft – Sauerstoff – zum Brennen braucht, während „schlechte“ Luft – Kohlendioxid – die Flamme löscht. Mit Schulkindern redet Nielsch auch noch über die dritte „Luftsorte“: Stickstoff. Ab der dritten Klasse lernen sie, dass sich Luft unter Hitze ausdehnt und sich zusammenzieht, wenn sie erkaltet. Und dass man so Heißluftballons zum Fliegen bringt.

Naturwissenschaften zu verstehen, sei ein langer Prozess. Das verstünden die Eltern meistens erst, wenn sie sich seine Stunden ansähen. Eins erleben sie dabei auf keinen Fall: Frontalunterricht. Das ist ein Reizwort für Nielsch. „In der Schule werden nur Lehrbücher abgearbeitet.“ Viele Eltern erinnerten sich deshalb nur an wenig aus dem eigenen Unterricht. „Und einige würden am liebsten regelmäßig an meinem Kurs teilnehmen.“

Parallel zu der Arbeit mit Kindern forscht Nielsch, der sich auf Biophysik spezialisiert hat, als freier Erfinder an „aktuellen Problemen zur Blutgerinnung und Membranprotein-Strukturvorhersage“. Mithilfe der Bioinformatik versucht er, Fragen zu beantworten, die ihn schon als 15-Jährigen beschäftigt haben. Das Finden einer Fragestellung ist für ihn der Beginn aller Experimente. Das versucht er auch den Kindern in seinen Kursen zu vermitteln. Nielsch selbst war zehn Jahre alt, als er begann, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen. Eine Tante versorgte ihn mit Chemiebaukästen. Damit versuchte er dann, „die absolute Geheimtinte“ zu entwickeln oder ein Rezept für „Eierlikör ohne Alkohol“.

Die Eltern beobachteten die Aktivitäten ihres Sohnes gelassen. Obwohl es manchmal kleinere Knallgasexplosionen gab. In der Schule lernte er andere „Freaks“ kennen, die sich für Physik, Elektrotechnik und Mathematik begeisterten. Überdies nahm er am Wettbewerb „Jugend forscht“ teil. „Naturwissenschaften kommen in der Schule auch heute noch viel zu spät“, sagt er. Nämlich meist erst in der fünften Klasse. Dabei seien Kinder zwischen vier und zehn Jahren besonders wissensdurstig.

Und was passiert mit den Kindern, die so viele Fragen stellen und dann keine Antworten bekommen? „Irgendwann sind sie frustriert und verlieren das Interesse“, sagt Nielsch. Viel Potenzial für neue Erfinder, Ingenieure oder Mediziner gehe so verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar