Schule : Neuauflage eines Mythos

Die neue Generation des Golf GTI setzt auf Sportlichkeit und Fahrfreude

Ingo von Dahlern

Dreißig ist er in diesem Jahr geworden, der Golf. Das Modell, mit dem es VW 1974 gelang, einen überzeugenden Nachfolger für den Käfer auf die Räder zu stellen. Ein Auto, dessen Technik ganz anders war, als man es damals aus Wolfsburg kannte – ein Kompakter viel Platz bietender Fronttriebler mit vorn eingebautem wassergekühlten Reihenmotor, der sich aus dem Stand die Herzen der Käufer eroberte, und eine neue Klasse begründete, die Golf-Klasse, die derzeit in fünfter Generation vom Band läuft.

Schon zwei Jahre nach Einführung des Golf war die erste Million gebaut, der Golf als Bestseller etabliert. Da überraschte Wolfsburg mit einer besonderen Variante. Denn neben den ganz normalen Golf trat der GTI. Schon seit Jahren hatte eine kleine Gruppe von Entwicklern und Sportbegeisterten bei VW an einem „Sportgolf“ gearbeitet – gegen massive Bedenken der Unternehmensleitung. Aber die schließlich entstandene GTI-Version konnte auch die überzeugen. So kam 1976 in einer auf 5000 Exemplare geplanten Kleinserie ein Auto auf den Markt, das mit seinem Leistungspotenzial alle bisherigen Modelle von Volkswagen übertraf.

Und nicht nur die. Denn mit 81 kW (110 PS) lieferte sein zusammen mit Audi entwickelter hochmoderner1,6-Liter-Vierzylinder-Einspritzmotor 18 kW (25 PS) mehr als das derzeit stärkste Modell von VW, brauchte gerade einmal 9,2 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und war bis zu 182 km/h schnell. Damit zeigte der vor drei Jahrzehnten „schnellste Volkswagen aller Zeiten“ nicht nur den damaligen Mittelklasselimousinen sondern selbst manchem Sportwagen den Auspuff. Und mit einen Preis von 13 850 DM war dieses Auto damals auch noch sehr erschwinglich.

Die geplanten 5000 Exemplare erwiesen sich schnell als viel zu niedrig, denn bereits im ersten Verkaufsjahr setzen die Händler die zehnfache Menge ab. Der Erfolg zwang dazu, die Produktion zu erweitern. Schon bald war aus dem GTI eine neue Klasse für den Golf geworden – ein Auto, dass auch besser vedienende Großstädter in Paris, Mailand und Madrid ihren ausladenden Luxuslimousinen vorzogen. Ein Auto, mit dem man sich nicht nur auf der Autobahn sondern vor allem auch im immer dichter werden Großstadtverkehr sehr flott bewegen und auch einmal kleinere Parklücken nutzen konnte. Es dauerte nicht lange, da sprangen auch andere Hersteller auf den GTI-Zug auf – mit besonderem Erfolg die französische Marke Peugeot.

Der Golf GTI wurde ein Millionenseller, der inzwischen die Produktionszahl von mehr als 1,5 Millionen überschritten hat. Und da, obwohl er optisch gar nicht so viel anders war, als der normale Golf. Gewiss, er hatte die für ihn so typische rote Umrandung des Kühlergrills, einen etwas größeren Frontspoiler, dezente schwarze Kotflügelverbreiterungen aus Kunststoff, eine mattschwarz umrandete Heckscheibe, einen anthrazitfarbenen Dachhimmel, Sportsitze mit einem ganz speziellen Karomuster und einen Golfball auf dem Schalthebel. Aber er fuhr mit seinem um 15 Millimeter tiefer gelegten Fahrwerk, einem unverkennbaren Sound und den für damalige Zeiten großen Reifen 175/70 HR 13 und Stabilisatoren für Vorder- und Hinterachse wie ein echter Sportler – und das ohne Einbußen beim Komfort. Er war der erste VW, der richtig Fahrfreude bereiten konnte.

Doch die Zeiten änderten sich, brachten es mit sich, dass der GTI seine Sonderstellung immer mehr einbüßte. Zwar sorgten solche Varianten wie der 1990 vorgestellte GTI mit G60-Motor mit 118 kW (160 PS), der 1992 eingeführte Golf GTI 16 V mit 110 kW (150 PS), der 1998 eingeführte erste Diesel mit anfangs 81, dann 85 und später 96 kW (110, 115 und 130 PS), dem im Jahr 2000 der GTI TDI mit 110 kW ( 150 PS) folgte, dem 2001 der GTI mit dem 132 kW (179 PS) leistenden Turbomotor zur Seite trat, immer wieder dafür, den Golf GTI im Gespräch zu halten. Doch seine Sonderrolle als Spitzenmodell des Konzerns hatte er längst abgegeben – war mehr oder weniger zu einer attraktiven Sonderausstattungsversion degeneriert. Nun wird der alte Mythos neu belebt. Denn mit dem soeben vorgestellten Golf GTI auf Basis der fünften Golf-Generation tritt der GTI erstmals als betont eigenständiges Modell innerhalb der Golf-Familie an.

Während man dem Golf der fünften Generation gerne vorwirft, dass er optisch zwar gut gelungen aber eben doch ein wenig blutleer ist, zeigt sich der neue GTI in einer Optik, die beweist, dass man es in Wolfsburg auch ganz anders kann. Erstmals gibt es ein eigenes GTI-Gesicht, das sich mit einem eigenständigen Kühlergrilldesign, das sich unserer Ansicht nach allerdings ein wenig zu sehr an den neuen Singleframe-Grill von Audi anlehnt, und den großen zusätzlichen Lufteinlassöffnungen an beiden Seiten des großvolumigen Stoßfängers erfreulich vom normalen Golf unterscheidet. 15 Millimeter tiefer gelegt steht der neue GTI mit markantem Dachkantenspoiler, dezenten schwarzen Schwellerverbreiterungen, Doppelendrohr-Auspuff und 17- und auf Wunsch auch 18-Zoll-Leichtmetallfelgen mit 245/45er-Reifen und rot lackierten Bremssätteln so satt auf der Straße wie kein anderes Golf-Modell. Und die um 19 Millimeter flachere Silhouette lässt ihn bei knapp 12 Millimeter längerer Karosserie ein wenig dynamischer erscheinen.

Auch sein Motor setzt Akzente. Denn der ist die modernste Version des FSI-Direkteinspritzers von VW, ein 2,0-Liter-Turbo mit 147 kW (200 PS), der sein höchstes Drehmoment von 280 Nm zwischen 1800 und 5000/min liefert. Ein Motor, der den neuen GTI mit 7,2 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 nicht nur flott antreten lässt, sondern ihn auch so elastisch macht, das jeder Tritt aufs Gaspedal für enormen Vortrieb sorgt. Wenn man diesen Motor statt mit klassischem Sechsganggetriebe mit dem revolutionären automatisierten Sechsgang-Schaltgetriebe DSG mit Doppelkupplung kombiniert, spurtet er im Automatikmodus sogar in nur 6,9 Sekunden auf Tempo 100. Denn selbst der routinierteste Fahrer kann mit Hand nicht so schnell schalten, wie das DSG-Getriebe, das ohne jede Zugkraftunterbrechung die Gänge wechselt. Mit durchschnittlich 8,0 l/100 km ist der Golf GTI auch vergleichsweise bescheiden im Spritverbrauch. Zudem erfüllt er die Abgasnorm EU4. Noch ist offen, ob dem Benzinmotor ein vergleichbar sportlicher Diesel zur Seite treten wird – doch denkbar ist eine solche Ergänzung durchaus.

Ebenso überzeugend wie die Optik und die Leistung des Motors ist, wie der neue GTI seine Kraft auf die Straße bringt. Der Hochleistungs-Rennkurs Paul Ricard nahe Marseille gab Gelegenheit, dieses Auto einmal ohne jeden Gegenverkehr herauszufordern. Dabei erwies sich der 15 Millimeter tiefer gelegte GTI als leistungsstarker Sportler, der viel Fahrfreude bereitet, aber auch ein hohes Potenzial an Fahrsicherheit bietet. Denn auch in bewusst flott angegangenen Kurven behält man dieses Auto problemlos sicher im Griff. Und ein weiteres überraschte. Denn obwohl sportlich ausgelegt, gefällt der neueste GTI trotzdem durch hohen Fahrkomfort. Und das macht ihn zu einem uneingeschränkt alltagstauglichen Auto.

Gefallen hat schließlich, wie es den VW-Designern gelungen ist, einige typische Stilelemente des Ur-GTI in die neueste Generation zu integrieren. Das gilt für die rote Umrandung des Grills ebenso wie den anthrazitfarbenen Himmel und das Karomuster der sehr guten Seitenhalt gebenden Sportsitze, die Lederummantelung des übrigens alles andere als runden aber ungemein griffigen Dreispeichenlenkrads, die eigenständigen Instrumente und die das Auge erfreuenden Aluminium-Applikationen. Und selbstverständlich gibt es alle Sicherheitsausstattungen, die auch der normale Golf bietet.

FAZIT

Ein rundum gelungenes Auto mit überzeugendem eigenständigen Auftritt, das für 24 200 Euro mit Sechsgang-Schaltgetriebe und 25 525 Euro mit DSG einen für heutige Zeiten durchaus interessanten Preis hat und das zeigt, dass auch VW Fahrfreude bieten kann und das Zeug hat, den Mythos GTI eine neue Sternstunde zu bescheren.

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