Schule : Neue Mittelklasse zeigt Gesicht

Toyota Avensis – unter dem alten Namen steckt ein ganz neu entwickeltes sehr europäisches Auto

Ingo von Dahlern

H einem japanischen Markenzeichen muss nicht unbedingt auch ein japanisches Auto stecken. Das gilt für die in Europa angebotene Mittelklasse von Toyota bereits seit Mitte der Neunziger. Denn die letzte Generation des Toyota Carina, die im britischen Toyota-Werk in Burnaston als Carina E vom Band lief, war ebenso wie ihr 1998 angetretener Nachfolger Avensis ein durch und durch europäisches Auto. Und das bedeutete nicht nur in Europa mit immerhin 80 Prozent europäischer Teile gebaut, sondern weitgehend auch hier entwickelt.

Der europäische Einfluss nahm kontinuierlich zu. So war am Design des ersten Avensis das europäische Designzentrum EPOC in Brüssel maßgeblich beteiligt und an der technischen Entwicklung, vor allem auch der Auslegung und Abstimmung des Fahrwerks arbeitete das benachbarte Technik-Zentrum in entscheidenden Bereichen mit. Toyotas Europäer machten ihre Arbeit gut, stellten ein in Technik, Qualität und Fahreigenschaften überzeugendes Fahrzeug auf die Räder, das sich rund 450 000 Mal verkaufte und dem eigentlich nur noch eines fehlte – ein ebenso überzeugender und nicht ganz so unauffälliger optischer Auftritt.

Das ist eine der wichtigsten Änderungen, die beim Blick auf die neue Generation des Avensis sofort auffallen, die an diesem Wochenende bei den deutschen Toyota-Händlern ihre Premiere feiert – unter dem bewährten Namen und doch als durchweg neues Auto. Mit der kraftvollen Front mit dem durch Chrom eingefassten Grill mit dem unübersehbaren verchromten Toyota-Logo, den großflächigen Abdeckungen der Scheinwerfer mit ihrer Klarglas-Technik und den großen Kühllufteinlässen im Stoßfänger zeigt der neue Avensis endlich wieder Gesicht – und zugleich eines, das auch die Verwandtschaft zu Yaris und Corolla betont, so dass Toyota auf gutem Weg zu einem unverwechselbaren Familiengesicht ist. Auch die hohe Gürtellinie und das Heck mit seinen attraktiv gezeichneten Rückleuchten unterstreichen den kraftvollen Auftritt des neuen Avensis, dessen Design in Toyotas neuem europäischen Design-Zentrum in Sophia Antipolis im Hinterland von Nizza entstanden ist.

Er ist größer geworden, der Avensis, der als drittes Volumenmodell neben Yaris und Corolla wieder in drei Karosserievarianten antritt – als vier- und fünftürige Limousine und als fünftüriger Combi. 4,63 Meter in der Länge messen nun die Limousinen, 4,70 Meter der Combi, was einen Längenzuwachs von elf beziehungsweise zehn Zentimeter bedeutet und den neuen Avensis mit seinem um sieben Zentimeter auf 2,70 Meter gewachsenen Radstand in die obere Mittelklasse bringt. Da auch die Breite aller Versionen auf 1,76 Meter wuchs und die Höhe der Limousinen auf 1,48 Meter und des Combi auf knapp 1,53 Meter, ist aus dem Avensis ein durchaus respektables Auto geworden.

Das bietet in seinem Innenraum den Platz, den die Optik verspricht. Bei den Passagieren gilt das vor allem auch für den Fond, in dem man nun spürbar bequemer sitzt als bei der alten Generation des Avensis. Und sehr großzügig gibt sich das mit niedriger Ladekante ausgestattete Gepäckabteil, das bei der viertürigen Limousine 520 Liter fasst, bei der fünftürigen 510 Liter und auf 1350 Liter erweitert werden kann und beim Combi zwischen 520 und 1500 Liter. Schade, dass das zulässige Gesamtgewicht bei jederMotorisierung für alle Karosserievarianten stets gleich ist. Denn das bedeutet beim längeren und schwereren Combi, dass er stets die niedrigste Zuladung aller drei Versionen hat. Hier sollte man bei Toyota doch schnell über eine Änderung nachdenken - vor allem mit Blick darauf, dass man mit einem Combi-Anteil von 55 Prozent an den Avensis-Verkäufen rechnet. Diesen Avensis-Käufern sollte man die Möglichkeit geben, den großen Laderaum dieses Autos auch optimal zu nutzen.

Eines Autos, das sich vom Fahrwerk her als ein besonders agiles und flott zu fahrendes Fahrzeug empfiehlt, das bewusst so ausgelegt ist, dass der Umgang mit ihm viel Fahrfreude bereitet. Dafür hat man beachtlichen Aufwand getrieben und neben der bewährten Federbein-Vorderachse eine völlig neu entwickelte Hinterachse eingeführt. Ihre Konstruktion mit Doppelquerlenkern und einer dynamischen Spurkorrektur wurde vom Celica Sportcoupé abgeleitet. Sie bietet eine überzeugende Mischung aus Sportlichkeit und hohem Komfort, wie ihn vor allem Langstreckenfahrer erwarten.

Und beiden Forderungen wird Toyota auch mit den Avensis-Triebwerken gerecht, von denen jetzt zur Markteinführung drei zur Wahl stehen – zwei Benziner und ein direkt einspritzender Turbodiesel mit Common Rail. Alle drei Motoren erfüllen die Abgasnorm EU4. Kleinster Benziner ist der Vierzylinder-Vierventiler aus Aluminium, der aus einem Hubraum von 1,8 Liter eine Leistung von 95 kW (129 PS) entwickelt und bei 4200/min sein höchstes Drehmoment von 170 Nm liefert. Ausgestattet mit einer variablen Steuerung für die Einlassventile zeigt sich der 1,8 VVT-i ausgesprochen agil, zeigt aus niedrigen Drehzahlen heraus beachtliches Temperament, lässt den Avensis binnen 10,0 Sekunden Tempo 100 und maximal 200 km/h erreichen und verbraucht durchschnittlich 7,2 l/100 km. Besonders angenehm bei diesem und ebenso bei den übrigen Motoren ist, dass er seine Arbeit besonders leise verrichtet und es dank des vollkommen gekapselten Antriebsaggregats auch bei flotter Fahrt möglich ist, mit normaler Lautstärke miteinander zu sprechen.

Ein wenig flotter zur Sache geht der zweite Benziner, ein Direkteinspritzer mit 2,0 Liter Hubraum, der 108 kW (147 PS) leistet, den Avensis binnen 9,1 Sekunden Tempo 100 und maximal Tempo 210 erreichen lässt und durchschnittlich 8,1 l/100 km verbraucht. Er wird allerdings nur bis zum Herbst das Spitzentriebwerk bleiben. Dann tritt dem 2,0-Liter-Direkteinspritzer eine 2,4-Liter-Variante mit gleicher Technik zur Seite, die 125 kW (170 PS) leistet, ein höchstes Drehmoment von 280 Nm liefert und den neuen Avensis betont sportlich machen wird. Diese Maschine ist mit einer Fünfgang-Automatik mit zusätzlicher manueller Schaltgasse kombiniert, während alle anderen Triebwerke ein Fünfgang-Schaltgetriebe als Serienausstattung und die beiden Zweiliter eine Viergang-Automatik mit manueller Schaltgasse haben.

Damit sind wir beim zweiten Zweiliter – dem bewährten Vierzylinder-Turbodiesel 2,0 D-4D mit Ladeluftkühler und Common Rail, der es nach gründlicher Überarbeitung nun auf 85 kW (116 PS) und ein höchstes Drehmoment von 280 Nm bei 2000 bis 2200/min bringt und sich mit durchschnittlich 5,8 l/100 km zufrieden gibt. Ein richtig flotter Diesel, der den Avensis binnen 11,4 Sekunden Tempo 100 und maximal 195 km/h erreichen lässt und bei dem man schon sehr genau hinhören muss, wenn man erkennen will, nach welchem Verbrennungsprinzip er arbeitet. Und vom Herbst an wird Toyota mit seinem D-CAT eine völlig neue Abgasreinigungstechnik einführen, die die Emissionen und vor allem die Partikel noch einmal drastisch vermindern wird.

Die Avensis-Ausstattung ist wie gewohnt sehr umfangreich und reicht bereits beim Basismodell Avensis C von elektrischen Fensterhebern, Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung, verstellbarem Fahrersitz und in zwei Ebenen verstellbarem Lenkrad bis zur Klimaanlage. Zum Sicherheitspaket gehören neben Automatik-Gurten und Kopfstützen auf allen Plätzen sechs Airbags (Front, Seite, Fenster) erstmals auch ein Knieairbag auf der Fahrerseite. Bis auf den 1,8, für den Fahrdynamikregelung (VSC), Antriebsschlupfregelung (TSC) und der Brems-Assistent erst vom Herbst an verfügbar sind, haben alle Versionen dieses Paket einschließlich ABS mit elektronischer Bremskraftverteilung. Wer in den besser ausgestatteten Varianten bis zum Top-Modell Executive mehr wünscht, bekommt mit Leichtmetallrädern, aufwändiger DVD-Navigation auch mit Sprachsteuerung, edler Lederausstattung oder Klimaautomatik so gut wie jeden Wunsch erfüllt, der in dieser anspruchsvollen Klasse heute geäußert werden kann – ein Auto also, das auch mit Blick auf seine bei 20 400 Euro beginnenden Preise neben der europäischen Konkurrenz als Europäer mit japanischem Markenzeichen eine überzeugende Figur macht.

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