Neukölln : Internat für Schulschwänzer

In Neukölln hat das erste Internat für Schulschwänzer eröffnet. Für die Bewohner ist es die letzte Chance. Die Senatsplätze bezahlt Neukölln. Und: Das Programm des Senats soll noch ausgeweitet werden.

Claudia Keller
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Platz und Licht. Die Jugendlichen sollen sich im Internat wohl fühlen. An der Ausstattung wurde nicht gespart. Foto:...DAVIDS/Lindoerfer

Florian* hat die Pinnwand über seinem Bett mit Fotos von sich und seiner Familie behängt. In der Mitte steckt ein Zettel. „Denke immer daran, ich hab dich ganz doll lieb“, steht darauf. Das hat seine Mutter geschrieben. Auf dem ordentlich gemachten Bett kuscheln sich ein Plüschhase und ein Teddy aneinander. Florian ist zwölf Jahre alt und noch ein Kind. Er hat noch nie einen geregelten Tagesablauf erlebt. Statt in die Schule zu gehen, trieb er sich auf Straßen und in Einkaufszentren herum, was Lehrer und Eltern sagten, hatte keine Bedeutung. Jetzt wohnt er im deutschlandweit ersten Internat für Schulschwänzer, das am Donnerstag offiziell eröffnet wurde. Vor fünf Wochen ist er mit vier anderen Mädchen und Jungen zwischen 12 und 15 Jahren in das Haus am Buckower Damm in Neukölln eingezogen. So richtig freiwillig ist keiner hier. Aber es ist ihre letzte Chance. Die Jugendlichen haben so viel Unterricht verpasst, dass sie niemals einen Schulabschluss schaffen werden, wenn sie ihr Leben nicht ändern. „Sie stehen am Anfang einer kriminellen Karriere“, sagt Gruppenleiter Ronny Mildner. Ein Mädchen ist vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung. Wenn die Jugendlichen den rigiden Tagesablauf am Buckower Damm nicht durchhalten, müssen sie in ein Heim. Dort hätten sie gar keinen Ausgang mehr und dürften auch am Wochenende nicht nach Hause wie jetzt.

Bei Florians Zimmernachbarn ist die Pinnwand noch in Folie eingeschweißt. Er dachte, er werde höchstens ein paar Wochen hier bleiben. Wozu dann persönliche Dinge mitbringen? Die Erzieher gehen allerdings davon aus, dass die jungen Bewohner erst in ein bis zwei Jahren so weit sein werden, dass sie wieder auf eine normale Schule und in ihre Familien zurückkehren können, ohne in die alten Gewohnheiten zurückzufallen. Bis dahin heißt es um 6.30 Uhr aufstehen, Schule, Putz- und Einkaufdienste, ständige Betreuung, Bettruhe um 21 Uhr. Nachts ist die Haustür abgeschlossen. Viele tägliche Abläufe, die für andere 13-Jährige völlig normal sind, etwa das gemeinsame Frühstück am Tisch mit Müsli, Brot und Gesprächen, müssen die Internatsbewohner erst lernen. Um kurz vor acht werden sie zur Schule begleitet, die auf dem selben Gelände untergebracht ist.

Die Internatsschüler werden in einer eigenen Gruppe von zwei Lehrern unterrichtet, da sie sich in einer Klassengemeinschaft nicht konzentrieren können. Außerdem können einige weder lesen noch schreiben, obwohl sie formal in der sechsten Klasse sind. Nach der Schule wird gemeinsam eingekauft, gekocht, Hausaufgaben gemacht. Wer sich an die Regeln hält, wird belohnt. Etwa durch die Aussicht, bald wieder sein Handy benutzen zu dürfen. Oder durch eine verlängerte Ausgangszeit am Nachmittag. Dennoch empfinden Florian und seine Mitbewohner das Internat als „Gefängnis“. Sie fühlen sich abgeschoben und benachteiligt.

„Den Jugendlichen wird nach fünf Wochen klar, dass sie so schnell nicht wieder aus dem Internat herauskommen“, sagt Gruppenleiter Ronny Mildner. Deshalb seien die Abwehrreaktionen auf den Tagesrhythmus im Moment besonders stark. Der 32-jährige Erzieher kümmert sich mit vier weiteren Sozialpädagogen rund um die Uhr um die Wohngruppe. Dennoch sind vor kurzem zwei Mädchen nachmittags abgehauen und erst um zwei Uhr nachts zurückgekommen. Die Lockerungen, die die beiden sich erarbeitet hatten, wurden wieder kassiert.

Von Freitag bis Sonntag dürfen die Jugendlichen nach Hause. Die Erzieher vermuten, dass sie dort ihr regelloses Leben wie früher leben, die Nächte durchmachen. Wenn sie sonntagnachmittags zurückkommen, seien sie völlig kaputt. Der Unterricht am Montag sei „ganz schlimm“, sagt die Lehrerin. Erziehern und Lehrern ist klar, dass sie auch die Eltern miteinbeziehen müssen, wenn sich das Leben der Kinder dauerhaft ändern soll. Jeden Mittwochnachmittag sollen die Eltern deshalb zu Besuch ins Internat kommen. Bislang haben sich alle daran gehalten. Das sei schon ein riesiger Erfolg, sagt der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Denn in den Schulen würden gerade die Eltern von hartnäckigen Schulverweigerern nicht zu den Sprechstunden kommen.

2400 Euro kostet ein Platz in dem Internat. Das bezahlt der Bezirk. In dem frisch sanierten Haus sollen einmal 48 Jugendliche wohnen. Die großzügigen Räume sind mit feinem Parkett und Teppichboden ausgelegt, im Wohnzimmer stehen ein gemütliches Korbsofa, Sessel, ein Tischkicker, Fernseher und Stereoanlage. Draußen rauschen Pappeln; es gibt einen Fußballplatz und einen Seilgarten. „Die Jugendlichen sollen nicht das Gefühl haben, sie werden hier abgeschoben“, sagt Stadtrat Schimmang. Deshalb habe man an der Ausstattung nicht gespart. Neukölln führte im Schuljahr 2007/08 die Berliner Schulschwänzer-Statistik mit 21 861 unentschuldigten Fehltagen an. 100 Jugendliche zählt Schimmang zum „ganz harten Kern“. Ein Kind, das nicht zur Schule geht, keinen Beruf ausübt und 65 Jahre alt wird, koste den Steuerzahler mindestens eine Million Euro, rechnet der Bildungsstadtrat vor. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Der Trägerverein des Hauses, das Jugend- und Fürsorgewerk EJZ Lazarus, plant ein weiteres Internat in Reinickendorf. Dort sollen bald Grundschüler ein neues Leben beginnen. (* Name geändert)

Pommes in den Pausen, Lärm im Klassenzimmer oder eine bedrohliche Atmosphäre auf dem Schulhof – das alles trägt nicht dazu bei, dass Schüler gesund bleiben und entspannt lernen. Das „Landesprogramm für die gute gesunde Schule Berlin“, an dem seit vier  Jahren 120 Berliner Schulen teilnehmen, soll nun für ganz Berlin geöffnet werden und das ändern. In Kooperation mit 14 Partnern, darunter mehrere Krankenkassen und die Berliner Ärztekammer, will die Senatsbildungsverwaltung die Verbindung von Bildung und Gesundheit an Schulen voranbringen. „Eine gesunde Schule erzielt gute Ergebnisse – umgekehrt bemüht sich eine gute Schule um gesunde Kinder“, sagte Erhard Laube von der Senatsbildungsverwaltung.

Ab nächsten Sommer soll das Programm insbesondere Sekundarschulen angeboten werden. Je nach Situation und Ausstattung können die Schulen verschiedene Maßnahmen auswählen und kombinieren: So sind etwa Entspannungsübungen für Schüler, Kurse zur Burnout-Prophylaxe für Lehrer, Zeitmanagement für Schulleitungen oder Kochkurse für Schüler und Eltern im Angebot. An Mensen soll die Qualität des Essens verbessert werden. Die Kurse werden durch Partner wie etwa die AOK oder die Berliner Unfallkasse gefördert. „Es geht nicht um prophylaktische Einzelmaßnahmen, sondern darum, das Klima an Schulen umfassend zu verbessern“, sagte Laube.

Gestartet wurde in Mitte und Neukölln, inzwischen ist das Programm in sechs Berliner Bezirken vertreten. Rund 750 000 Euro wurden bislang von den Kooperationspartnern investiert. Man habe damals auf den desolaten Gesundheitsbericht aus Mitte reagiert, hieß es, und einen bundesweiten Projektversuch zu einem Berliner Programm weiterentwickelt. Sieben Koordinatoren stellt die Bildungsverwaltung seitdem bereit, um bei den einzelnen Schritten zu helfen.

Insbesondere Grundschulen, aber auch einige Gesamtschulen und Gymnasien haben seit dem Start des Programms freiwillig mitgemacht. „Für die Teilnehmer ist Gesundheit nicht nur ein Thema des Unterrichts, sondern wesentlicher Bestandteil des Schullebens, der Zusammenarbeit mit den Eltern und ein Faktor für eine erfolgreiche und zufriedenstellende Tätigkeit der Lehrkräfte“, sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Man rechne damit, hieß es, die Anzahl der teilnehmenden Schulen in den nächsten vier Jahren zu verdoppeln.pth

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