Schule : Nissan Micra - ein großer Kleiner

Dritte Generation des kompakten Bestsellers gefällt durch attraktive Optik und gute Fahreigenschaften

Ingo von Dahlern

Noch vor Jahren lag Japans einst so erfolgreicher Autobauer Nissan so danieder, wie derzeit der deutsche Staat, drohten immense Schulden den Fortbestand zu erdrücken. Doch mit einem beispiellosen Restrukturierungsprogramm, das ohne Rücksicht auf Besitzstände verkrustete Strukturen aufbrach, erfolglose Strategien verwarf und konsequent neue Ziele setzte, gelang es dem von Allianz-Partner Renault nach Japan entsandten Carlos Ghosn, Nissan binnen weniger Jahre wieder auf Erfolgskurs zu bringen, die Schulden massiv abzubauen und schneller, als es selbst Optimisten für möglich gehalten haben, aus dem Sorgenkind ein zu neuer Kraft erblühtes Unternehmen zu schaffen, das mit einer Umsatzrendite von inzwischen 10,6 Prozent zu den profitabelsten Autoherstellern weltweit gehört. Verständlich, wenn man mit durchaus neidvollem Blick auf Nissan wünschte, auch unsere Politiker und die mit ihnen agierenden gesellschaftlichen Interessengruppen könnten vergleichbar vorgehen, das in schwerer See schlingernde Staatsschiff mit ebenso radikalem und überzeugenden Durchgreifen und vor allem tiefgreifenden Reformen und zukunftsweisender Kreativität wieder auf sicheren Kurs bringen. Doch dafür lassen sich derzeit allenfalls schwache Ansätze erkennen – im Gegenteil, alles droht nach den Ankündigungen der Verantwortlichen noch sehr viel schlimmer zu werden, als es sich jetzt bereits darstellt.

So kann es sein, dass sich viele Autokäufer, die ursprünglich an ein größeres Modell gedacht haben, notgedrungen eine oder mehrere Klassen darunter orientieren, sich statt für ein Mittelklasseauto für einen Kompakten entscheiden müssen und dabei ihren Blick auch auf das neueste Modell von Nissan werfen, das am 8. Februar 2003 in die Schauräume der deutschen Nissan-Händler rollen wird – die nun bereits dritte Generation des Nissan Micra. Der gehört, wie man so sagt, zu den Brot-und Butter-Autos von Nissan, jenen Modellen also, die mit hohen Produktionszahlen mitentscheidend für das Wohl und Wehe eines Autobauers sind. Und mit 1,3 Millionen der jetzt abgelösten Generation, die 1993 als erstes japanisches Modell „Auto des Jahres“ in Europa wurde, war der bisher angebotene Micra Nissans meistverkauftes Modell aller Zeiten, das allein auf dem deutschen Markt 230 000 Käufer fand.

Eine enorme Herausforderung für den Nachfolger, der in Japan als Nissan March bereits einen vielversprechenden Start absolviert hat und in Europa in knapp zwei Monaten ins Rennen um Marktanteile in der Klasse der Kompakten gehen wird. Einer Klasse, die sich derzeit besonders stark verändert und beachtlichen Zuwachs von Umsteigern aus höheren Klassen erhält. So stieg allein die Zahl der Umsteiger von der kompakten Mittelklasse in die Kompaktklasse zwischen 1997 und 2000 von 17 auf fast 21 Prozent – bei weiter steigender Tendenz. Und längst gehören zu den Käufern in der Kompaktklasse nicht mehr überwiegend junge Familien und Rentnerehepaare, sondern alle Altersgruppen und Schichten, wobei der Micra insbesondere 26-35jährige, darunter viele Singles und kinderlose Paare, die gut verdienen, für sich gewinnen kann. Käuferkreise, die auch an kompakte Fahrzeuge hohe Ansprüche stellen, denen man sowohl im Design als auch bei Technik, Ausstattung und Fahrleistungen gerecht werden muss.

Was der neue Micra hier bietet, hat beim ersten Kennenlernen durchaus gefallen. Das begann bereits bei der eigenwilligen Optik mit den sehr hoch sitzenden Frontscheinwerfern und der durch sanfte Rundungen geprägten und mit 1,54 Meter recht hohen Karosserie, die bestätigt, dass Nissan den mit der neuen Primera-Generation betretenen Weg zu einem neuen und attraktiven Design konsequent fortsetzt. Und obwohl der neue Micra mit nun knapp 3,72 Meter Länge um drei Zentimeter kürzer geworden ist, ist er bedeutend größer als sein Vorgänger. Denn der Radstand wuchs bei gleichzeitig verkleinerten Überhängen und der um 12 Millimeter nach vorn verlegten A-Säule um sieben Zentimeter auf nun 2,43 Meter. Das Ergebnis ist in Verbindung mit der größeren Höhe ein für ein Fahrzeug dieser Klasse überraschend großer Innenraum mit viel Platz vor allem für Fahrer und Beifahrer, einem akzeptablen Platzangebot im Fond und einem ordentlichen Gepäckraum mit 237 Liter, der sich dann, wenn man sich für eine um bis zu 20 Zentimeter nach vorn verschiebbare Rückbank entscheidet, auf 371 Liter vergrößern lässt. Und wer die hinteren Plätze nicht braucht, kann den Laderaum auf bis zu 584 und bei dachhoher Beladung sogar 982 Liter erweitern. Viel Platz in einem Kompakten, der sich dank nur 43 Zentimeter hoher Ladekante sehr bequem be- und entladen lässt.

Und da wir gerade beim Laden sind – es gibt nicht viele Autos in dieser Klasse, die so viele Ablagen und zusätzlichen Stauraum bieten. 12,8 Liter fasst das multifunktionale Handschuhfach, 10,0 Liter das Staufach unter der Sitzfläche des Beifahrersitzes, vor neugierigen Blicken schützt das das kleine Fach in der Mittelkonsole Handy und anderes und auch die recht großen Türtaschen tragen dazu bei, dass der neue Micra doppelt so viel Ablageraum bietet wie sein Vorgänger.

Neue Wege im Design geht Nissan auch beim Interieur des Micra, wobei man, wie heute die Mehrzahl der Hersteller, besonderen Wert auf hohe Material- und Verarbeitungsqualität legt. Und obwohl der Micra sich gut ausgestattet zeigt und deshalb über zahlreiche Schalter und Hebel verfügt – man verliert nie die Übersicht und stellt auch bei neu geformten Bedienelementen, wie den elfenbeinfarbenen Tasten für die Klimatisierung und Lüftung, schnell fest, dass sie sich ganz unkompliziert betätigen lassen. Nicht sichtbar aber dafür hörbar wirkt der umfangreiche Einsatz vom Dämpfungs- und Dämmmaterial, mit dem die Geräusche aus dem Motorraum des Fronttrieblers vom Passagierraum ferngehalten werden. Und das doch recht wirksam, wenn man die Triebwerke nicht allzu hoch dreht und meint, man müsse eine längere Autobahnfahrt unbedingt mit Höchstgeschwindigkeit absolvieren. Dann werden die kleinen Aggregate, durchweg Vierzylinder-Vierventiler aus Aluminium mit verstellbarer Einlassnockenwelle, ein wenig lauter. Ist man dagegen in der Stadt oder auch mit Landstraßentempo unterwegs, dann sind sowohl der stärkere 1,2-Liter mit 59 kW (80 PS) als auch der 1,4-Liter mit 65 kW (88 PS) überraschend leise. Noch nicht für erste Probekilometer verfügbar war der Basismotor, der 1,2-Liter mit 48 kW (65 PS) und noch keine Bekanntschaft machen konnten wir mit dem direkt einspritzenden Turbodiesel mit Common Rail, dem 1,5-Liter mit ebenfalls 48 kW (65 PS), der bereits aus dem Renault Clio als sehr agiles und anzugsstarkes Aggregat bekannt ist, und den so flink macht, dass man ihn durchaus sportlich bewegen kann. Und das dürfte beim Micra nicht anders sein und noch klarer für die zum September geplanten stärkeren Varianten dieses Motors mit 59 kW (80 PS) gelten.

Und für eine flotte sportliche Fahrweise bringt der Micra, der auf der von Nissan und Renault gemeinsam entwickelten neuen Bodengruppe aufbaut, die auch Basis für die nächste Clio-Generation sein wird, beste Voraussetzungen mit. Insbesondere in Verbindung mit dem 1,4-Liter, der binnen 11,9 Sekunden Tempo 100 und maximal 172 km/h erreicht, bereitete es regelrechte Freude, den Micra auf kurvigen Landstraßen zu bewegen und dabei zu spüren, dass man dieses Auto jederzeit sicher im Griff hatte. Zur hohen Fahrsicherheit – Nissan setzt auf eine Federbein-Vorderachse und eine neu entwickelte Verbundlenker-Hinterachse – kommt ein überraschend hoher Fahrkomfort und im dichten Stadtverkehr gefiel die Wendigkeit dieses Autos, dessen Servolenkung geschwindigkeitsabhängig mit elektrischer Unterstützung arbeitet. Ein Punkt, der mit zu den niedrigen Verbrauchswerten des kleinen Micra beiträgt, der beim 1,4-Liter bei durchschnittlich 6,3 l/100 km und beim nicht so viel langsameren 1,2-Liter in der stärkeren Version bei 5,9 l/100 km liegt. Deutlich sparsamer mit 4,6 l/100 km verspricht allerdings der kleinere Diesel zu werden.

Kurzum, der neue Micra ist ein Auto, mit dem unterwegs zu sein viel Vergnügen bereitet. Und damit man sich unterwegs auch wohl und sicher fühlt, bietet bereits die Basisversion Micra visia ein umfangreiches Sicherheitspaket mit ABS mit elektronischer Bremskraftverteilung, Bremsassistent, Front- und Seitenairbags, drei Dreipunktgurten hinten und zwei Isofix-Verankerungspunkten. Und auch elektrische Fensterheber vorn, Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung und die höhenverstellbare Lenksäule sind vorhanden – und wenn man das Plus-Paket ordert, bekommt man auch die um 20 Zentimeter verschiebbare Rückbank und eine Fahrersitz-Höhenverstellung. Beides ist Serienausstatung beim Micra acenta, der statt auf 14-Zoll-Rädern auf 15-Zoll-Räfdern steht, ein lederummanteltes Lenkrad und einen Bordcomputer hat und, das Staufach unterm Beifahrersitz, das multifunktionale Handschuhfach und sogar einen Regensensor. Und bei der Spitzenausstattung tekna – sie geht in Deutschland zunächst exklusiv als dreitürige „1st edition“ mit 1,4-Liter-Motor an den Start – gehören neben vielem anderen auch die Klimaautomatik, 15-Zoll-Aluminiumräder, Nebelscheinwerfer, ein Radio-CD-Audiosystem mit sechs Lautsprechern, zusätzliche Fenster-Airbags und das beim Micra erstmals in der Kompaktklasse angebotene schlüssellose Zugangs-System Intelligent Key zu Serienausstattung. Und als Sonderausstattung gibt es vom September an für die Benzin-Modelle außer dem dem kleinen 1,2-Liter auch die Fahrdynamikregelung ESP.

Ein sehr kompaktes Auto, das bei Ausstattung, Technik und Fahrleistungen durchaus mit Modellen höherer Klassen mithalten kann – ein überraschend großer Kleiner also, bei dem schließlich auch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, denn die Preisskala für den Micra reicht von 10 800 bis zu 14 980 Euro.

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