Schule : Oben offen und hinten breit

Zum 40. Geburtstag des „Elfer“ schenkt sich Porsche zwei Luxuscabrios

Ingo von Dahlern

Er feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag - der „Elfer“, wie seine Fahrer und Freunde den 911 meist nennen. Er ist „der“ Porsche schlechthin, das Modell, ohne dessen vier Jahrzehnte währende Erfolgsgeschichte es die Stuttgarter Sportwagenmarke vielleicht gar nicht mehr geben würde, oder zumindest nicht mehr als wirtschaftlich gesundes und unabhängiges Unternehmen.

Verglichen mit heute war Porsche 1963, als der 911 seine ersten Schritte machte, ein sehr kleines Unternehmen - mit gerade einmal 1000 Mitarbeitern. Ein Unternehmen, das einen Nachfolger für den Porsche 356 brauchte, der sich in eineinhalb Jahrzehnten zum Klassiker entwickelt hatte und es bis 1965 auf eine Produktionszahl von 78 000 Exemplaren bringen sollte - nie zuvor hatte ein Sportwagen einen solchen Verkaufserfolg erzielt.

Es war schon eine große Herausforderung, hierfür einen Nachfolger zu schaffen. denn der konnte nicht einfach nur irgendein neues Auto auf die Räder zu stellen. Ferdinand Alexander Porsche, ältester Sohn des damaligen Firmenchefs Ferry Porsche, übernahm die Aufgabe - und löste sie, wie man es heute weiß, geradezu genial. Denn mit dem Nachfolger schuf er ein Produkt, dessen Linie dem Prinzip „Design ist keine Mode“ mehr als gerecht wurde. Und auch die übrigen Vorgaben, die schon damals für einen Porsche galten, erfüllte das neue Modell. Denn es war zuverlässig und schnell, aber gleichzeitig auch alltagstauglich, sozial akzeptiert und wertbeständig.

Allerdings trug es, als es 1963 aus der Internationalen Automobilausstellung erstmals gezeigt wurde, noch die Bezeichnung 901 - und das gab sofort Ärger mit Peugeot. Die Marke mit dem Löwen pochte auf ihr verbrieftes Recht, exklusiv dreistellige Automobil-Ziffern mit einer Null in der Mitte zu verwenden. Und so wurde aus dem 901 zum Anlauf der Serienproduktion eben ein 911.

Der war ein für seine Zeit extrem schnelles Auto. denn den Spurt auf Tempo 100 bewältigte er in gut neun Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit lag bei 210 km/h. Das daraus binnen vier Jahrzehnten 5,0 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 285 km/h wurden, wie sie der heutige 911 Carrera liefert, bedeutet mehr als ein Kapitel spannender Technikgeschichte.

Aber wenn auch der der aktuelle Jahrgang des 911 mit dem ersten 911 keine einzige Schraube mehr gemein hat, ist er ein echter Nachfolger dieses Ur-Elfers. Denn trotz vieler technischer Veränderungen blieb das Grundkonzept des 911 unangetastet. Heute wie damals ist ein leistungsstarker Motor im Heck des 911 untergebracht. Das verschafft ihm Agilität und den Hinterrädern gute Traktion und bringt eine optimale Gewichtsverteilung für gute Bremsleistungen. Und damals wie heute handelt es sich beim Triebwerk des 911 um einen Sechszylinder-Boxermotor mit einem unverwechselbaren Sound.

Dennoch gab es ein einschneidendes Datum bei der Motorenentwicklung. Denn 1997 entwickelte Porsche für den 911 einen neuen Motor. Und der war im Unterschied zu den bisher eingesetzten luftgekühlten Triebwerken wassergekühlt. Anders nämlich konnte man weder eine optimale Kühlung der vier Ventile pro Zylinder noch für die Einhaltung der immer strenger werdenden Abgasvorschriften verwirklichen. Zugegeben, seitdem hat der Motor auch einen etwas anderen Klang – aber auch der ist unbestritten typisch Porsche und typisch 911.

Denn es gab in der Vergangenheit auch ganz andere Entwicklungen. Vor allem der im Herbst 1977 vorgestellte Porsche 928 galt lange Zeit als ein möglicher Nachfolger des 911. Und die Kritiken für den Achtzylinder-Sportwagen mit Frontmotor und Transaxle-Antrieb waren durchaus gut. Doch die Kunden hielten trotzdem zum 911. Und wenn man den 928 auch über viele Jahre konsequent weiterentwickelte - der Elfer blieb weiter im Zentrum aller Entwicklungen. Und dort steht er noch heute. Und niemand bei Porsche denkt ernsthaft daran, ihn irgendwann in den nächsten Jahren abzulösen – im Gegenteil, er wird auch künftig maßgeblich dazu beitragen, dass Porsche wirtschaftlich gesund bleibt. Was die Stuttgarter Sportwagenbauer allerdings nicht daran hindern wird, sich in absehbarer Zeit noch eine weitere Modellreihe zuzulegen – ein viertes Bein gewissermaßen neben 911, Boxster und Cayenne.

Doch erst einmal gilt es, bei der nächsten IAA in der ersten Septemberhälfte den 40. Geburtstag des 911 zu feiern. Und dazu hat man in den letzten Wochen gleich zwei besonders attraktive Varianten des 911 auf die Räder gestellt. Beide sind Cabrios und beide werden schon kurz nach der IAA in die Schauräume der deutschen Porsche -Händler fahren - der Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet und das Cabrio-Spitzenmodell Porsche 911 Turbo Cabriolet. Ein Auto, das mehr als nur sportliches Fahrvergnügen bietet. Denn neben den im Vergleich zum 911 Carrera breiteren, um 60 Millimeter ausgestellten hinteren Kotflügeln und dem um zehn Millimeter tiefer gelegten Fahrwerk bietet dieses Auto das besondere Fahrgefühl eines offenen Sportwagens. Das allerdings kann man schwer beschreiben, muss man einfach erleben. Und es ist faszinierend, wie dieses Auto mit seinem kraftvollen 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxer schon beim leisesten Tritt auf Gaspedal geradezu davonfliegt. die 235 kW (320 PS) im Heck lassen den offenen 911 binnen 5,3 Sekunden auf Tempo 100 stürmen und erlauben ihm bis zu 280 km/h. Ein Tempo, das man mit offenem Dach natürlich niemals fahren würde. Aber man spürt förmlich die geballte Kraft im Heck, die die vier Räder des 911 Carrera 4S so souverän in Drehung versetzt, weiß auch dann, wenn man geradezu gelassen unter blauem Himmel dahingleitet, dass sie spontan bereitsteht, wenn man sie für ein flottes Überholmanöver oder eine zügige Bergauffahrt braucht.

Und faszinierend ist, wie steif die Porsche-Ingenieure die Karosserie dieses Cabrios gemacht haben. Den Superlativ zu diesem Auto bietet allerdings der auch an der Vorderachse breite 911 Turbo Cabriolet. Mit 309 kW (420 PS) ermöglicht er den Spurt auf Tempo 100 in nur 4,3 Sekunden und ein Spitzentempo, das bei 305 km/h liegt. Keiner kommt ernsthaft auf die Idee, das auf normalen Straßen zu probieren. Aber man genießt die Leichtigkeit, mit der sich dieses Auto bewegen lässt, freut sich über die niedrigen Drehzahlen, mit denen es, wenn nötig immer zum Sprung bereit, sanft dahingleitet.

Zu den beeindruckendsten Erlebnissen gehört allerdings das Öffnen und Schließen des Dachs während der Fahrt. Nicht bei hohem Tempo, aber bis zu 50 km/h ist es nicht nötig, mit diesen beiden Cabrios anzuhalten, wenn man von einem plötzlichen Regenschauer überrascht wird oder sich zwischen dunklen Wolken ein Sonnenloch öffnet. Man drückt während der Fahrt auf den Knopf für das Dach – und binnen 20 Sekunden sitzt man im Trockenen oder lässt den Fahrtwind sanft durch die Haare streichen. Und wenn man sich statt des Sechsgang-Getriebes für die Fünfgang-Automatik mit Tiptronic entscheidet, dann kann man dieses Auto geradezu lässig und unkompliziert bewegen - was allerdings nicht heißt, dass es dann, wenn man will, von einer Sekunden auf die andere zu einem kompromisslosen Sportler werden kann.

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