Schule : Oberklasse jenseits des Mainstream

Unter der viertürigen Karosserie steckt ein rassiger Sportwagen

Ingo von Dahlern

Schon auf den letzten großen Autoausstellungen hatten wir ihn immer wieder bewundert – den Quattroporte von Maserati. Denn dieses Auto, dessen Name in die deutsche Sprache übersetzt nicht mehr als ein profanes „Viertürer“ bedeutet, besticht auf den ersten Blick durch seine faszinierende Linie. Ob die markante Front mit dem großen Lufteinlass und dem unübersehbaren Tridente, ob die wohl proportionierte keilförmige Silhouette oder das kurz gehaltene hohe Heck – mit diesem Auto hat Sergio Pininfarina ein Meisterstück vollbracht.

Nun stand er dieser Tage wieder vor uns, begeisterte wie die ersten Male schon – aber er durfte nicht nur von außen und innen betrachtet werden. Denn diesmal lud er zu einer ersten Ausfahrt ein. Soeben war ein zweites Exemplar vorbei gefahren. Unüberhörbar – aber nicht etwa, weil er übertrieben laut war, sondern wegen seines unverkennbaren Achtzylinder-Blubberns.

Schade nur, dass man diese Melodie als Passagier im Quattroporte nicht hören kann, denn hier herrschen bei flotter Fahrt ganz andere Töne. Denn Maserati geht, auch wenn der Quattroporte ein Auto in der Oberklasse ist, einen bewusst anderen Weg als alle Konkurrenten. Die nämlich setzen auf kaum hörbare geradezu flüsternde Motoren, bei denen man selbst dann, wenn ihre Kolben im Dieselrhythmus tanzen, gar nicht merkt, wie schnell die Bäume am Straßenrand tatsächlich vorbeifliegen. Da fährt es einem dann immer wieder wie ein Schreck durch die Glieder, wenn der Blick auf den Tacho zeigt, dass man längst jenseits der 200-km/h-Marke unterwegs ist.

Im Maserati Quattroporte kann einem das nicht passieren. Denn ihn ihm hört man jederzeit, wie die Maschine unter der langen Motorhaube arbeitet. Nicht aufdringlich und auch nicht störend, aber so gut wahrnehmbar, dass man auch ohne Blick auf den Tacho stets weiß, wie flott man sich bewegt, mitbekommt, wie die Drehzahl spontan nach oben geht, wenn man zu einem Überholmanöver ansetzt und die Kraft, die in diesem 4,2-Liter-V8 mit seinen 294 kW (400 PS) steckt, mit allen Sinnen wahrnehmen kann.

Was das Ohr erfreut, drückt den Körper dann manchmal kräftig in die breiten und wohlgeformten Sitze. Denn der Quattroporte, dessen V8 bei 4500/min ein Drehmoment von 451 Nm liefert, von denen 75 Prozent bereits bei nur 2500/min verfügbar sind, tritt an wie ein rassiger Sportwagen. 5,2 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 275 km/h – Maserati verzichtet bewusst auf eine elektronische Abregelung – das ist ein Wort. Und schnell zeigt sich, dass dieser Maserati nicht nur flott wie ein Sportwagen fährt, sondern durch und durch nichts anderes als ein echter Sportwagen ist. Trotz viertüriger Limousinenkarosserie, trotz einer Länge von 5,05 Meter und eines Radstands von knapp 3,07 Meter sowie eines Leergewichts von knapp 1,9 Tonnen.

Das zeigt die Motorlage hinter der Vorderachse, so dass man gut und gern von einem Front-Mittelmotor sprechen kann, das zeigt das nach Transaxle-Bauart vom Motor getrennt hinten eingebaute Getriebe, das zeigt schließlich die geradezu optimale Gewichtsverteilung von 47 Prozent auf die Vorderachse und 53 Prozent auf die Hinterachse bei extrem tiefem Schwerpunkt.

All das sind ideale Voraussetzungen für überzeugende Traktions- und Beschleunigungswerte und eine Agilität, die in dieser Klasse ihresgleichen sucht. Dieses Auto kann und will sportlich gefahren werden, was allerdings kein Muss ist. Man kann mit ihm auch vergleichsweise komfortabel gleiten. Und wenn das gesamte Fahrwerk, zu dessen Ausstattung auch die kontinuierliche Dämpfungsoptimierung Skyhook gehört, die die Dämpfung jedes einzelnen Rades an die aktuellen Fahrbedingungen anpasst, insgesamt sportlich straff ist – von einem harten Sportwagen ist dieses Auto weit entfernt, lässt einen aber spüren, auf welchem Terrain man sich gerade bewegt – eine ebenso wichtige Rückmeldung wie der Sound aus dem Motorraum.

Und schnell findet man Gefallen an diesem Auto, ertappt sich dabei, wie man auf freier Autobahn das Kraftpotenzial des V8 herausfordert und sich auf freier Landstraße auf jede neue Kurve freut, die der Quattroporte flott und sicher bewältigt – den Lenker regelrecht süchtig machend. So viel Fahrfreude kommt an seinem Steuer auf. Für den Fall des Falles stehen im Hintergrund unter dem Kürzel MSP (Maserati Stability Program) alle wesentlichen elektronischen Assistenzsysteme bereit. Denn in MSP integriert sind Antriebsschlupfregelung, elektronische Bremskraftverteilung und das ABS – und auch noch ein so genannter Hillholder, der das Auto beim Anfahren an Steigungen nicht zurückrollen lässt.

An eines allerdings muss man sich beim Quattroporte erst einmal gewöhnen – das Sechsgang-Schaltgetriebe. Denn das ist eine automatisierte Konstruktion, die man sowohl im Automatikmodus als ach manuell bedienen kann – letzteres sequenziell und über die Schaltwippen, die griffgerecht hinter dem Lenkrad liegen. Mit der rechten wird hochgeschaltet, mit der linken herunter. Das geschieht, ohne dass man ein Kupplungspedal treten muss, in Sekundenbruchteilen, so dass man auch bei sportlicher Fahrweise keine Probleme hat, jederzeit die optimale Gangstufe zu wählen.

Man kann dieses Getriebe aber auch im Automatikmodus arbeiten lassen. Dann sorgt die Steuerelektronik im Zusammenspiel mit einer Elektrohydraulik für die Gangwechsel. Bleibt man dabei beim Beschleunigen allerdings auf dem Gas stehen, dann sorgen die für das Schalten nötigen Zugkraftunterbrechungen leider dafür, dass der Körper beim Gangwechsel kurz nach vorn und dann nach hinten wippt – solange man nicht gelernt hat, das Gaspedal im entscheidenden Augenblick kurz etwas loszulassen. Aber das schafft man in wenigen Stunden und dann bewegt man den Quattroporte auch im Automatikmodus bald ohne Rucken.

Und dann kann man so richtig den Komfort genießen, den dieses Auto innen bietet – den großzügigen Platz vor allem auch im Fond mit seinen verstellbaren Sitzen, die guten Seitenhalt gebenden bequemen Sitze mit vielfacher elektrischer Verstellung vorn, die Komplettausstattung von der zur Serienausstattung zählenden Zweizonen-Klimaautomatik über Licht- und Regensensor, Bi-Xenon-Licht und Tempomat bis zum Multimedia-System von Blaupunkt. Es vereint einen 6,6-Zoll-Bildschirm mit Bordcomputer, CD-Player und Navigationssystem und ebenfalls an Bord ist ein hochwertiges Bose-Soundsystem.

Besonders edel in dem stilsicher und italienisch-elegant von Pininfarina gestalteten Interieur ist das massive Echtholz – ganz nach Wahl Wurzelholz, Mahagoni oder Palisander – am Armaturenbrett und der schlichten und eleganten Mittelkonsole und von bester Qualität ist das naturbelassene Leder innen – ein sehr hochwertiges und trotz seiner betonten Sportlichkeit durch eine warme Atmosphäre überzeugendes Auto.

FAZIT

Eine echte Alternative in der Oberklasse für alle, die ein Fahrzeug abseits vom Mainstream suchen, das optisch, bei der Qualität und den Leistungen ebenso überzeugt wie beim Grundpreis von 99 100 Euro, der für die Ferrari-Tochter Maserati ausgesprochen günstig ist.

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