Oberschulen : BVG-Fahrplan entscheidet über Schulplatzvergabe

Das Abitur an der Schule machen, die man favorisiert? Nicht so leicht. Schuld ist ein Schulgesetz-Paragraph. Gibt es mehr Anmeldungen als Plätze an einer Schule, entscheidet die "Erreichbarkeit" über die Vergabe. Und der BVG-Fahrplan.

Susanne Vieth-Entus

Kaum ein Schulgesetz-Paragraf ist bei Eltern derart unbeliebt wie derjenige, der sich um die Aufnahmebedingungen an den Oberschulen dreht. Er legt nämlich fest, dass letztlich auch die „Erreichbarkeit“ der Schule den Ausschlag gibt, wenn es mehr Anmeldungen als Plätze gibt. In diesen Wochen bekommen wieder tausende Familien Absagen ins Haus geschickt, weil sie zu weit von der Wunschschule entfernt wohnen. Jetzt fordert dieVereinigung der Oberstudiendirektoren, dass der entsprechende Paragraf 56 geändert wird.

Das Problem besteht darin, dass die Bezirksämter gezwungen sind, den im Schulgesetz verwendeten Begriff „Erreichbarkeit“ so zu definieren, dass die daraus resultierenden Entscheidungen vor Gericht Bestand haben. Als justiziabel haben sich im Laufe der Jahre die Angaben des BVG-Onlineportals erwiesen: Die Schulämter geben dort ein, wo das Kind wohnt und wo sich die Schule befindet. Das BVG-Portal berechnet dann, wie viele Minuten der Schulweg inklusive Fußweg zur Bus- oder U-Bahn-Station dauert. Wenn die Schule sehr nachgefragt ist, kann es sein, dass man schon keine Chance mehr hat, wenn man mehr als 30 Minuten entfernt wohnt.

Manche Eltern unterschätzen die Bedeutung des BVG-Portals und glauben bis zum Schluss, dass man ihr Kind schon nehmen wird, weil es zum Beispiel die gewünschte Gymnasialempfehlung hat, auch die richtigen Fremdsprachen aus der Grundschule mitbringt und überdies genau zum Profil der Schule passt. Das böse Erwachen kommt dann aber mit dem Absagebrief aus dem Schulamt. Andere Eltern informieren sich vorher besser und besorgen sich vorsorglich eine näher gelegene „Deckadresse“, um nicht an der BVG-Verbindung zu scheitern.

Schizophrenes System

Dass Familien sich gezwungen sehen, mit „Deckadressen“ zu operieren, findet Ralf Treptow, der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, „unwürdig“. Überhaupt sei der Paragraf 56 „nicht zeitgemäß“: Einerseits wolle der Gesetzgeber, dass Schulen ein eigenes Profil entwickelten, andererseits verwehre er es den Schulen, die passenden Schüler auszusuchen. Treptow hält das Schulgesetz deshalb für „schizophren“.

Die Bildungsverwaltung ignoriert bisher, welche Folgen das Schulgesetz für die Aufnahme an weiterführenden Schulen hat. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage bestritt Bildungsstaatssekretär Eckart Schlemm (SPD) jedenfalls, dass die BVG-Fahrpläne Relevanz für die Auswahl der Schüler hätten. Das ist aber offenbar nicht das letzte Wort. Treptows Vorschlag werde „mitdiskutiert, wenn es um den Übergang an die Oberschule geht“, kündigte Bildungssenator Jürgen Zöllners (SPD) Sprecher gestern an.

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