Schule : Ohne Überblick

Nach dem Bauchaos an der Graefestraße ist das Bezirksamt noch immer ratlos

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„Wir wollen lernen! Sind wir nicht so wichtig wie die anderen? “ Die 16-jährige Sebnem ist an diesem Montag noch weit davon entfernt, das Desaster um den verpatzten Schulbeginn in der Kreuzberger Graefestraße mit Humor zu nehmen. Eigentlich wollten sie und ihre Mitschüler in diesem Schuljahr den Mittleren Schulabschluss nachholen. Jetzt hat Sebnem das Gefühl, dass die Motivation schwindet.

Adressat ihres Ärgers ist der Bezirk. Wie berichtet, hatten es das Schul- und Bauamt weder geschafft, das Gebäude der neuen „Sekundarschule Graefestraße“ zum Ferienende fertigzustellen, noch waren sie zur Stelle, als die Lage brisant wurde. Als Konsequenz wusste die Schule tagelang nicht, wie sie sich verhalten sollte, um jetzt auf zwei Standorte verteilt ins neue Schuljahr zu starten: Während die neuen Siebtklässler provisorisch an der Aziz-Nesin-Grundschule untergebracht sind, haben die älteren Schüler das gerade erst geräumte Gebäude der Zelter-Hauptschule in der Wilhelmstraße bezogen. Die Siebtklässler kommen bald hinterher, um dann „irgendwann im Spätherbst“ doch noch gemeinsam in die Graefestraße einzuziehen.

Am gestrigen Montag war die zuständige Baustadträtin Jutta Kalepky (parteilos für die Grünen) erstmals bereit, sich zu den Vorgängen zu äußern: Sie hatte am Donnerstag ihren Urlaub beendet und musste sich erst einen Überblick verschaffen. Allerdings war ihr auch gestern noch nicht klar, wie man das Problem hätte verhindern können und warum sich der Baubeginn von Februar auf April verzögert hatte. Dazu müsse sie erst den Bericht der Mitarbeiterin abwarten, die für die Projektsteuerung zuständig sei, sich aber zurzeit im Urlaub befinde, sagte Kalepky auf Anfrage. Im Übrigen suchten sie und Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne) jetzt nach „Kommunikationsfehlern“ zwischen allen Beteiligten.

Kritik an der Urlaubsplanung weist die Baustadträtin zurück. Wie berichtet, waren nicht nur Verantwortliche im Bauamt, sondern auch die Schulamtsleiterin sowie Kalepky und Herrmann gleichzeitig im Urlaub, obwohl an 25 Schulbauten Millioneninvestitionen aus dem Konjunkturpaket verbaut wurden, um unter anderem die große Schulstrukturreform zu flankieren. „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir an der Situation auch nichts hätten ändern können, wenn wir nicht im Urlaub gewesen wären“, betont Kalepky.

Schulleiterin Dagmar Jenssen versucht jetzt, nach vorn zu sehen. Sie hat die Aufgabe, Berlins Vorreiterschule beim Praktischen Lernen, die „Stadt als Schule“, in die neue Sekundarschule im Graefekiez zu integrieren. Die Aufgabe ist nicht einfach, denn die „Stadt als Schule“ schickte ihre Kinder in die Stadt, um in „echten“ Betrieben und realen Zusammenhängen den Bezug zum Unterrichtsstoff zu finden.

Dagegen soll die neue Sekundarschule die Schüler in eigenen Werkstätten an Berufe heranführen. Gedacht ist etwa an eine Billardwerkstatt, die Mathematik und Physik zur Anwendung bringt, aber auch an eine Geschichts-, Medien- und Wasserwerkstatt. Aber erst mal muss Jenssen dafür sorgen, dass Sebnem und die anderen 170 Schüler wieder ohne Chaos, Kartons und Staub lernen können. Susanne Vieth-Entus

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