Ostschüler in West-Berlin : Die Mauer kam dazwischen

38 Schüler aus Ost-Berlin und der DDR machen im Sommer 1961 ihr Abitur am Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Reinickendorf. Zwischen schriftlicher und mündlicher Prüfung wird die Grenze abgeriegelt. Lebenswege werden getrennt. Jahre später trifft sich die Klasse wieder - und schreibt gemeinsam ein Buch.

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Viele der Ostklassen in West-Berlin waren proppenvoll. So auch 1959 die Klasse 11m des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums, die später in zwei Klassen geteilt wurde.
Viele der Ostklassen in West-Berlin waren proppenvoll. So auch 1959 die Klasse 11m des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums, die später...Foto: Joachim Musehold (privat)

Obwohl Sonntag ist, klingelt der Wecker Karin Habener um vier Uhr aus dem Bett. Die 20-Jährige hat einen weiten Weg vor sich, vom Nöldnerplatz, Lichtenberg, muss sie in die Lindenthaler Allee nach Zehlendorf fahren. Es sind Sommerferien. Karin jobbt im Krankenhaus, vertreibt sich die Zeit zwischen schriftlicher und mündlicher Abiturprüfung. Wie jeden Morgen schaltet sie das Radio an, leise nur, denn es läuft der Rias, für die DDR-Führung der Sender des Klassenfeinds. Was der Lautsprecher flüstert, lässt sie erstarren: Seit ein Uhr nachts, hört sie fassungslos, sind die Grenzen dicht.

Es ist der 13. August 1961. „Ich muss weg, so schnell es geht“, denkt Karin.

Jürgen Schleicher ist an diesem Morgen noch immer sauer. Seine Verabredung am Abend zuvor war geplatzt. Er hatte nach Prenzlauer Berg fahren wollen, um mit seiner Mitschülerin Regina – dem schönsten Mädchen der Schule – zu lernen. Stattdessen waren seine Eltern nach Berlin gekommen, ganz kurzfristig aus Frankfurt/Oder. „Wir wollen uns verabschieden“, sagte sein Vater. „Morgen wird Westberlin dichtgemacht.“ In seinem Zimmer in Schmargendorf knipst der 18-Jährige das Radio an. Er hört: Seine Eltern hatten recht.

„Was bin ich für ein Glückspilz, dass ich im Westen bin“, denkt Jürgen.

Für Klaus Richter beginnt der Tag wie jeder andere Feriensonntag auch. Der 19-Jährige genießt den Sommer, zu Hause in Pankow. Im Regal liegen noch die Bücher für die Abiturprüfung in Deutsch: Gottfried Keller, ausgeliehen aus der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg. Brutal zerstört die Nachricht die Idylle: Die Staatsmacht hat begonnen, eine Mauer zu bauen.

„Jetzt nur nichts Unüberlegtes tun“, denkt Klaus.

Wenige Wochen zuvor haben Karin Habener, Jürgen Schleicher und Klaus Richter am Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Reinickendorf ihre schriftlichen Abiturprüfungen abgelegt. Sie sind drei von 38 Schülern aus Ost-Berlin und der DDR, welche in jenem Jahr an dieser Schule ihren Abschluss machen: in einer der sogenannten Ostklassen in West-Berlin. Nach einer Party verabschiedet sich die Klasse in die Ferien. Für den Herbst, wenn das mündliche Abitur geschafft ist, haben sie große Pläne. Einige haben schon die Zusage für einen Studienplatz, fast alle wollen in den Westen ziehen. Sie ahnen nicht, dass Jahre vergehen werden, bis sie sich wiedersehen.

Die Mauer kommt ihnen dazwischen.

„Ich war so wütend auf mich, dass ich vor dem 13. August nicht mitgekriegt habe, was da passiert“, sagt Karin Albert, wie sie seit ihrer Hochzeit 1964 heißt. Schließlich hatten sie und ihre Freunde sich für schlau gehalten, für gut informiert, und vor allem: den Grenzposten überlegen. Die Grenze war für sie ja alltäglich. Seit 1958 ist Karin jeden Tag von Lichtenberg nach Reinickendorf gefahren, um nicht im Ostteil der Stadt zur Schule gehen zu müssen.

Karin Albert floh mit ihrem damaligen Freund und ihrer Familie durch einen Abwasserkanal zwischen Mitte und Kreuzberg.
Karin Albert floh mit ihrem damaligen Freund und ihrer Familie durch einen Abwasserkanal zwischen Mitte und Kreuzberg.Foto: Georg Moritz

Anders als die meisten ihrer Mitschüler hatte Karin Albert zunächst einen Oberschulplatz in Ost-Berlin. „Ich lebte in zwei Welten“, erinnert sich die heute 70-Jährige. Die Welt zu Hause, bei Freunden und im Kirchenkreis war bürgerlich und weltoffen. In der Schule gab es montags Fahnenappell, gesellschaftspolitische Beurteilungen im Zeugnis und Spitzel unter den Lehrern. Sie versuchte, sich zu arrangieren. Sie gestaltete die Wandzeitung, das gab Pluspunkte, eine Volkstanzgruppe lieferte die Ausrede für den 1. Mai: Statt zum Aufmarsch der Arbeiterjugend zog Karin los zum Auftritt der Volkstänzer. „Man hat sich gedrückt, so lange es ging“, sagt sie.

Irgendwann ging es nicht mehr. Schriftlich meldete sie sich ab. Eine Antwort bekam sie nie – aber auch keine Schwierigkeiten. Im West-Berliner Hauptschulamt sprach sie vor, Minuten später hatte sie ihren Platz am Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Dort tritt sie ein in eine wieder neue Welt. Die Ostschüler, bunt zusammengewürfelt aus allen Teilen Ost-Berlins und der DDR, lernen Englisch, lesen Westlektüre, spielen Theater. Plötzlich sollen sie ihre Meinung sagen, diskutieren, kritische Aufsätze schreiben. Die Umstellung ist schwer. Aber alle sind froh, den Zwängen entkommen zu sein.

„Ich habe in der DDR überhaupt keine Zukunft gesehen“, sagt der heute 68-jährige Jürgen Schleicher. In Frankfurt/Oder flog er von der Schule – weil er sich gemeinsam mit einem Freund für einen unliebsamen Lehrer stark gemacht hatte. Die Eltern schicken beide Jungen nach West-Berlin. In einem kirchlichen Wohnheim am Roseneck kommen sie unter, die Kosten, zirka 200 DM pro Monat, übernimmt der West-Berliner Senat. Zusätzlich zu Unterkunft und Verpflegung gibt es Taschengeld in Westmark und eine Schülermonatskarte. „Eigentlich sollte ich mit dem Schulverweis bestraft werden“, sagt Jürgen Schleicher. „Und was habe ich bekommen: Ku’damm statt Frankfurt/Oder!“ Er lacht.

Jürgen Schleicher war am 13. August 1961 in West-Berlin. "Ich bin der Hans im Glück", sagt er.
Jürgen Schleicher war am 13. August 1961 in West-Berlin. "Ich bin der Hans im Glück", sagt er.Foto: Georg Moritz

Er erlebt aber auch kritische Situationen, lernt die Panik kennen, den falschen Ausweis zu zeigen: Sein Pass weist ihn als DDR-Bürger aus, doch auf der Monatskarte steht die Adresse in Grunewald. Bloß nicht versehentlich einem Vopo das Westdokument zeigen! Und immer eine Ausrede parat haben, warum er in Berlin ist! „Diese Angst kehrt in den Träumen später immer wieder“, sagt er.

„Aber Schikanen waren nicht der Alltag“, sagt Karin Albert. Vor allem diejenigen Ostschüler, die als Grenzgänger täglich pendeln, machen sich einen Spaß daraus, die Vopos an der Nase herumzuführen. „Manchmal haben wir uns in der S-Bahn extra provokant verhalten“, sagt Karin Albert und lacht. „Es ist immer gut gegangen.“ Und fast alle seien sie sicher gewesen: Wenn es wirklich ernst wird, merken wir das schon rechtzeitig. Doch die Warnzeichen vor dem 13. August 1961 erkennen sie nicht.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Schüler nach dem 13. August 1961 getan haben - und welche Rolle eine Lehrerin dabei spielte.

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