Platzvergabe für die Oberschulen : Kein Herz für Härtefälle

Selbst Alleinerziehende haben keine Garantie, Geschwisterkinder wohnortnah auf Oberschulen unterzubringen. Und noch immer sind nicht alle Bescheide angekommen.

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Unterricht am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neukölln.
Unterricht am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neukölln.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der schlimmste Fall ist eingetreten. Seit Bettina Karsten* am Sonnabend in Zehlendorf zum Briefkasten ging und dort den Bescheid des Schulamts fand, weiß die alleinerziehende Mutter von drei Kindern, dass sich ihr Leben jetzt um einiges verkompliziert: Ihre Tochter hat keinen Platz an der Schule ihres älteren Bruders gefunden, und nicht einmal mit dem Zweit- und Drittwunsch hat es geklappt. Zudem sind alle Gymnasialplätze im Bezirk bereits vergeben. Damit gehört das Mädchen zu den Kindern im Land Berlin, für die bei einer „Ausgleichskonferenz“ am Mittwoch eine Ausweichschule gesucht werden muss.

Für die Zwölfjährige ist dieser Bescheid besonders bitter, denn sie wohnt drei Minuten von ihrem Wunschgymnasium entfernt und hat einen Zensurenschnitt von 2,2. „Um aufgenommen zu werden, hätte sie aber einen Schnitt von mindestens 1,9 oder Losglück haben müssen“, erzählt die Mutter, die Widerspruch gegen den Bescheid einlegen will.

Damit dürfte sie nicht allein dastehen. Wie berichtet, haben sich schon Dutzende Eltern bei Anwälten gemeldet, die auf Schulrecht spezialisiert sind. Der Schöneberger Anwalt Olaf Werner erklärt, dass sich bei ihm eine Familie beraten lässt, obwohl sie ihren Zweitwunsch erfüllt bekommen hat. „Sie will ihren Erstwunsch durchsetzen“, erläutert er. Widerspruch könnten eben nicht nur die einlegen, die keine der drei Wunschschulen bekamen, sondern alle, bei denen die Erstwunschschule nicht geklappt hat.

Große Empörung gibt es in der Elternschaft über die vielen Ablehnungen von Härtefällen. Schon im Vorfeld hatte sich abgezeichnet, dass die Auslegung der Härtefallbestimmungen sehr rigoros gehandhabt würde. Erst jetzt wird allerdings deutlich, dass die Bezirke nur einen Bruchteil der dafür vorgehaltenen Kapazitäten ausgeschöpft haben.

Besonders streng ging es in Charlottenburg-Wilmersdorf zu, wo nur drei Härtefällen stattgegeben wurde. „Sie hatten medizinisch nachvollziehbare Gründe“, berichtet Bildungsstadtrat Reinhard Naumann (SPD). In Tempelhof-Schöneberg sind 20 Härtefälle vermerkt. Auch hier lägen die Gründe insbesondere in „gesundheitlichen Beeinträchtigungen“, sagt Naumanns Kollege Dieter Hapel (CDU). In Neukölln gibt es laut Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) rund 20 genehmigte Härtefälle. Ähnlich verhält es sich in Steglitz-Zehlendorf, berichtet Bildungsstadträtin Anke Otto (Grüne). Somit wurde auch in diesen Bezirken im Schnitt statt der erlaubten zehn nur rund ein Prozent der Plätze an Härtefälle vergeben.

Die Tochter der alleinerziehenden Bettina Karsten gehörte nicht dazu, obwohl die Bildungsverwaltung dafür plädiert hatte, Geschwisterkinder unter bestimmten Umständen als Härtefall zu behandeln, wenn weitere Erschwernisse dazukämen. Die Konstellation einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern stellte offenbar nicht genügend Erschwernisse dar.

Bettina Karsten weiß jetzt nicht, wie es weitergehen soll, wenn sie über eine Klage nicht weiterkommt. Da sie früher oder später wieder anfangen muss zu arbeiten, ist sie darauf angewiesen, dass sich ihre Kinder gegenseitig helfen und sich zu Hause am Nachmittag selbst organisieren. Falls die jetzt abgelehnte Tochter in ein weit entferntes Gymnasium geschickt wird, kann sie nicht von ihrem älteren Bruder unterstützt werden.

Noch ist unklar, wie wohnortnah die Verteilung der Kinder gelingen kann, die keinen Platz an einer der Wunschschulen zugewiesen bekommen haben. Wie berichtet, fehlen in Neukölln beispielsweise noch rund 40 Gymnasialplätze, in Tempelhof-Schöneberg sind 21 Gymnasial- und 85 Sekundarschüler noch ohne Platz. Im Bezirk sei man nur in „begrenztem Umfang“ in der Lage, weitere Plätze zur Verfügung zu stellen, berichtet Stadtrat Hapel. Er gehe jedoch davon aus, dass bei der Ausgleichskonferenz möglichst in den Nachbarbezirken Plätze gefunden werden könne, sagte er. Neukölln ist da weniger optimistisch. Ausschließen könne man bisher gar nichts – auch nicht eine Zuweisung nach Marzahn-Hellersdorf, gibt Stadträtin Giffey zu bedenken.

Noch wissen nicht alle Eltern, ob die Kinder den gewünschten Platz haben. Anders als es den Bezirken aufgetragen wurde, haben es nicht alle Schulämter geschafft, die Bescheide am Freitag zu verschicken. Zumindest Neukölln und Steglitz-Zehlendorf sagten am Montag auf Anfrage, dass sie nicht alle Bescheide pünktlich fertigstellen konnten. Erst Montag gingen die letzten Briefe an die Pin AG.

Und noch etwas anderes schafft derzeit Verwirrung: Die Tatsache, dass einige Bezirke noch im Nachhinein Klassen eröffnen, obwohl sie gesagt hatten, dass sie alle Kapazitäten ausgeschöpft hätten. Er sei darüber „irritiert“, sagt denn auch Charlottenburg-Wilmersdorfs Stadtrat Naumann. Wie berichtet, hatten mehrere Bezirke angekündigt, jetzt noch kurzfristig für die letzten unversorgten Bezirkskinder Klassen aufzumachen. Allerdings nur an weniger nachgefragten Schulen: An den nachgefragten kann nicht mehr nachgesteuert werden, weil die Verwaltung dann das Losverfahren und die gesamte Auswahl wiederholen müsste.

*Name von der Redaktion geändert.

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