Porträt : Ein halbes Jahrhundert vor der Klasse

Englischlehrer Karl-Heinz Tessendorf hat in 50 Berufsjahren nur 14 Tage gefehlt

von

Seine Knie zittern, die Hände schwitzen. Über zwanzig Augenpaare schauen den Jungen aus der Oberstufe erwartungsvoll an. Weil ein Lehrer fehlt, hat der Oberstudiendirektor des damaligen Johannes- Kepler-Gymnasiums in Neukölln seinen erst 16-jährigen Schüler Karl-Heinz Tessendorf in eine Unterstufenklasse geschickt – zum Aushelfen im Englischunterricht. Die Kleinen kennen ihn vom Schulhof und vom Fußballspielen. Aber als Lehrer?

In den ersten Minuten der Stunde ist die Anspannung in der Klasse deutlich zu spüren. Aber dann ist doch alles ganz einfach. Tessendorf reißt die Schüler mit dem mit, was er am besten kann: Er schlüpft in die Rolle des vergnügten Entertainers, der die englische Sprache liebt. Ein bisschen Hamlet, ein paar Sätze als Romeo. Die Jungen und Mädchen folgen jedem Wort, vergessen sind komplizierte Grammatik und Vokabellernerei. Von da an weiß Tessendorf, dass er Lehrer werden wird. Fünfzig Jahre hat er es in der Schule ausgehalten. Letztes Jahr hat er seine letzte Unterrichtsstunde gehalten, an einer privaten Wirtschafts- und Sprachenakademie in Nauen.

Tessendorf liebt Ordnung. Das sieht man seinem Wohnzimmer an, und was in seinem Wohnzimmer funktioniert, hat er auch im Klassenraum durchgesetzt. „Ich war nie hundertprozentig beliebt“, sagt der 73-Jährige heute. Er war ein strenger Lehrer, der viel von seinen Schülern verlangte: Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit. Er war Referendar in Steglitz, Studienrat in Charlottenburg und arbeitete mehr als 26 Jahre als Studiendirektor für Fremdsprachen an der Charlottenburger Anna- Freud-Schule. Seine Frau und sein Sohn mussten oft zurückstecken. Während seiner gesamten Lehrtätigkeit fehlte er nur zwei Wochen.

Karl-Heinz Tessendorf ist ein Rekordjäger: 50 Jahre Lehrer, 38 Jahre im öffentlichen Dienst, 22 Jahre Referent in englischer und französischer Sprache für DDR-Fragen am Gesamtdeutschen Institut. Vor zehn Jahren hätte er, der nach der Wiedervereinigung Lehrer aus der ehemaligen DDR fortbildete, schon in den Ruhestand gehen können. Ganze zwei Monate hat er es ausgehalten, bis er als Dozent zurück an die Sprachenschule ging. Und auch jetzt hat er noch viel vor: Privatunterricht und wissenschaftliche Übersetzungen ins Englische. Tanja Tricarico

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben