POSITION : Der Osten wollte Gymnasien

Die Einführung des dreigliedrigen Schulsystems entsprach dem Elternwunsch. Ein Gastbeitrag der früheren Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz

Sybille Volkholz
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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die zurückliegenden Veranstaltungen zum Gedenken an Wende und Einheit ließen eine nahezu konsensuale Wahrnehmung von Schwierigkeiten bei der Gestaltung der Einheit deutlich werden: Das westdeutsche System wurde dem Osten zu schnell übergestülpt – und zwar von Westpolitikern.

In meiner Erinnerung an die Regierungszeit 1989/90 in Berlin sah dies etwas anders aus. Die Gestaltung der Einheit Berlins im Schulbereich ist von uns sehr aktiv und zügig angegangen worden, aber in der klaren Vorstellung, dass die Einheit gleichermaßen von Ost und West gestaltet werden sollte. Mit Vertretern des runden Tisches im Ostteil wurde im Januar 1990 die Einsetzung eines gemeinsamen Bildungsrates für Berlin vereinbart.

Der Runde Tisch wurde paritätisch besetzt mit Wissenschaftlern aus der DDR und der Bundesrepublik. Dieser Bildungsrat sollte ein kurzschlüssiges Überstülpen des Schulsystems verhindern und die Chance für eine Reform im Osten wie im Westen liefern. Im Mai 90 erklärte der neu gewählte Stadtrat für Bildung im Magistrat, Dieter Pavlik, sein Einverständnis mit diesem Bildungsrat. Dessen Empfehlung lief übrigens auch schon zum damaligen Zeitpunkt auf die Beibehaltung der sechsjährigen Grundschule im Westteil und ihre Einführung im Ostteil und auf eine mehr oder weniger stark präferierte Zweigliedrigkeit in der Oberschule hinaus. Die Empfehlungen des Bildungsrates wurden zwischen Mai 1990 und November 1990 erarbeitet und veröffentlicht.

Parallel zu diesem geplanten Vorgehen in Sachen Einheit im Schulsystem führte die Offenheit der Grenze vor allem dazu, dass Ostberliner Eltern in Scharen ihre Kinder an Westberliner Gymnasien anmeldeten. Die Schulleiter forderten von der Senatsverwaltung eine rasche Entscheidung über die Vorgaben, weil die Gymnasien aus allen Nähten platzten, und forderten eine schnelle Gesamtberliner gesetzliche Regelung. Der „Einheitsausschuss von Berlin“ tagte von Mai bis November 90 und übertrug dann in der Tat das bis dahin im Westteil geltende Schulgesetz auf Gesamtberlin, damit auch dort schnell Gymnasien eingerichtet werden konnten. Unsere so überlegte Strategie, nicht den Ostteil zu überrollen, war an der Realität und an den Bedürfnissen der Familien gescheitert.

Auf mehreren gemeinsamen Konferenzen im Konferenzzentrum am Alexanderplatz gelang es nicht, die Vorschläge des gemeinsamen Bildungsrates zur Gestaltung des Schulwesens zu diskutieren. Das Publikum – fast ausschließlich Lehrkräfte – interessierte: Wie sieht unsere weitere Beschäftigung aus? Die Frage nach der sozialen Absicherung überdeckte alles andere und eben auch die Frage der Schulstruktur.

Dies ist nicht als Vorwurf gemeint, es ist verständlich, dass die Frage der sozialen Absicherung im Vordergrund stand. Es soll nur deutlich machen, dass für eine reflektierte, behutsame Gestaltung der Einheit, deren Ausbleiben aus heutiger Sicht oft bedauert wird, vielleicht nicht die Bedingungen herrschten.

Fairer Weise muss aber auch berichtet werden, dass in den Wendezeiten am Runden Tisch und auch in einzelnen Schulen eine regelrechte Aufbruchstimmung für Veränderungen entstand. Diese Initiativen wurden nicht immer mit der angemessenen Anerkennung bedacht. Diese Initiativen waren aber gegenüber dem real entwickelten Druck auf schnelle gesetzliche Lösungen zu klein, als dass sie diese Entwicklung hätten aufhalten können.

Die damals in der DDR regierenden Minister, zunächst der stellvertretende Bildungsminister in der Modrow-Regierung Volker Abend, später in der Maizière-Regierung der Bildungsminister Hans-Joachim Meyer, setzten auch auf schnelle Einführungen des Westsystems und nicht auf längere Diskussionsprozesse.

Es waren insgesamt sowohl Politiker der DDR wie der BRD, die die meisten Entscheidungen gemeinsam getroffen haben. Das soll nicht als Entschuldigung für Entwicklungen herhalten, die aus heutiger Sicht bedauert werden, es dient aber auch nicht als Reservoir für Schuldzuweisungen. Eine gemeinsame Verantwortung für Entscheidungen kann eher Anlass bieten, gemeinsam heute über Veränderungsmöglichkeiten nachzudenken und diese zuwege zu bringen als wieder aufgelegte Opfer-Täter-Beziehungen zu kultivieren.

Sybille Volkholz war 1989/90 Schulsenatorin in Berlin

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