POSITION : Die Altersmischung bietet große Chancen

Ob hochbegabte oder schwächere Schüler – alle profitieren Von Ruth Weber

Eine kluge Entscheidung war es in meinen Augen, dass Senator Zöllner die verbindliche Einführung der jahrgangsgemischten Schulanfangsphase aufgeschoben hat, jedoch von den Schulen erwartet, dass sie einen Entwicklungsplan zur Einführung der Jahrgangsmischung vorlegen.

Denn so besteht die Hoffnung, dass es in einer solchen Phase durch mehr Gelassenheit gelingt, die Chancen, die einer solchen Organisationsform inne wohnen, zu entdecken. Denn die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten gehen weit über den Erwerb von Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen im individuellen Rhythmus hinaus.

Eines soll gleich am Anfang stehen: In einer altersgemischten Gruppe ist Anderssein normal. Von daher darf auch alles andere anders, besonders, individuell sein: Herkunft, Religion, Größe. Das Anderssein wird thematisiert, es wird durchaus auch ein Anlass zu Konflikten. So wird die Konfliktfähigkeit geübt.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sein Wissen und sein Können zu zeigen, sich unter Beweis zu stellen und so seine Fähigkeiten zu spüren. In einer altersgemischten Gruppierung können ältere Schüler bereits erworbenes Wissen festigen, erneut reflektieren und auf diese Weise sinnvoll anwenden. Nicht allein die Perspektive der Lehrerin, sondern auch die der Mitschüler werden als Faktoren in Lernprozesse einbezogen. Darüber hinaus ermöglicht die Tatsache, dass die Kinder eigenständige Lern- und Arbeitsformen erwerben, den Hochbegabten, sich ihrem Kenntnisstand entsprechend neues Wissen selbständig anzueignen, in Gruppenarbeit anzuwenden und weiter zu vermitteln. Und sie können die Lerngruppe im Schnellgang durchlaufen. Sie werden durch die anderen nicht in ihrem Fortkommen gehindert.

Auch schwächere Schüler stellen im Vergleich mit den nachrückenden jüngeren Schülern fest, dass sie gelernt haben, also lernen können. Denn nach einem Jahr Unterricht hat jedes Kind etwas gelernt, erfahren, erprobt, das es an Jüngere weitergeben kann. Jahrelange Beobachtungen haben gezeigt, dass besonders die leistungsschwächeren Kinder sich den Jüngeren zuwenden und sich als kompetente Berater der Lernanfänger erfahren. Sie wechseln gegenüber dem Schulbeginner von der Position des langsam lernenden Kindes in die eines qualifizierten Mitschülers. Bei manchen von ihnen sieht der Lehrer an der veränderten Körperhaltung, wie gut ihnen die Erkenntnisse eigenen Könnens tut: Die Kinder treten aufrechter, selbstbewusster auf.

Die Schulanfänger, die in eine altersgemischte Gruppe aufgenommen werden, erfahren dort Zuwendung von den Größeren. Jedes einzelne Kind kann individuelle Betreuung erhalten, was ihm ein einzelner Lehrer, die einzelne Lehrerin nicht geben kann. Detailliert beobachtet und analysiert worden ist die Entwicklung von Schulanfängern im Kreise von schulerfahrenen Zweit- und Drittklässlern im Rahmen der „Berliner Sozialstudie“ der FU. Die Studie zeigt auf, welch ungeheuer positiven Einfluss das Miteinander der unterschiedlichen Altersgruppen auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen, wie Hilfsbereitschaft, Selbstständigkeit, gegenseitige Achtung, Kooperations- und Teamfähigkeit hat, wie der ungeübte Schulanfänger begleitet wird von den älteren Mitschülern und sich innerhalb kürzester Zeit seinen Platz in der Gruppe erarbeitet.

Doch müssen die Lehrer diese Chancen sehen und unterstützen. Sie müssen sie auch bewusst arrangieren, thematisieren und Umgangsformen des Miteinanders einüben. Es besteht nämlich die Gefahr, dass diesem Miteinander zu wenig Raum gegeben wird, dass der Unterricht innerhalb der altersgemischten Gruppe doch wieder nach Jahrgängen zerfällt, dass die Altersgruppen entmischt und in Extraräumen belehrt werden. Damit wird die Grundidee konterkariert.

Zum Schluss noch ein Hinweis an die Pädagogen: Liebe Kolleginnen und Kollegen, arbeiten Sie im Team! Geben Sie Ihr Einzelkämpferdasein auf und arbeiten auch Sie miteinander. Es erleichtert Ihnen das Alltagsleben. Meine ehemalige Schule, die Peter-Petersen-Schule, eine Schule im sozialen Brennpunkt, litt wie jede andere Schule unter dem Lärm, der Aggressivität, der Unfähigkeit der Schüler sich auf den Unterricht zu konzentrieren, den intellektuellen Defiziten. Atmosphärisch hat sich seit Einführung der Altersmischung das alltägliche Miteinander total verändert. Natürlich nicht allein dadurch, dass die Kinder in jahrgangsgemischten Gruppen zusammensitzen, sondern dadurch dass eben die Chancen einer solchen Mischung bewusst wahrgenommen und genutzt werden.

Ruth Weber leitete 1981-2007 die Neuköllner Peter-Petersen-Grundschule, in der seit zwölf Jahren die Jahrgangsmischgung praktiziert wird.

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