Positionen : Einheitsschul-Legenden

Für die Probleme und das Drama der Hauptschule gibt es kein Patentrezept.

Hinrich Lühmann

Berlin Im Tagesspiegel ist an dieser Stelle ein Plädoyer für die Einheitsschule veröffentlicht worden. Die Autoren, Lothar Sack und Robert Giese, fordern, dass es in Deutschland sehr viel mehr Abiturienten geben müsse, was nur mit dieser Schule, also der „Gemeinschaftsschule“, und mit einer neuen „Pädagogik der Anerkennung“ zu erreichen sei. Dabei werden Behauptungen aufgestellt, die durch Wiederholung nicht besser werden.

Wenn 80 Prozent eines Jahrgangs ein Papier erwerben, auf dem „Abitur“ steht, kann damit nicht das gemeint sein, was wir heute unter „Abitur“ verstehen: die allgemeine Studierfähigkeit. Ein solches Abitur bescheinigt eine mittlere Qualifikation, die unter dem heutigen Niveau liegen muss. Dies ist Rückschritt, kein Fortschritt. Der verengte Blick auf den Fetisch „Abitur“ macht die Verfechter der Einheitsschule blind für den großen Reichtum alternativer Bildungswege, den Deutschland bietet. Wir führen die jungen Menschen eben nicht durch das eine Nadelöhr „Abitur“, sondern haben zahlreiche Formen der Berufsbildung entwickelt, die ihnen viele Chancen öffnen.

Man sollte eher fragen, wie viele junge Menschen, sagen wir: mit Mitte zwanzig, über eine abgeschlossene Ausbildung verfügen – und da ist Deutschland im internationalen Vergleich Spitze. Für jene, die studieren wollen, bietet das Massenabitur nur Nachteile. Sie müssen Vorbereitungsstudiengänge, Aufnahmeprüfungen und Beschränkungen der Fächerwahl in Kauf nehmen.

Die Autoren glauben, dass die Einheitsschule gleichsam automatisch erfolgreich ist. In der öffentlichen Diskussion wird hier als Beweis häufig die Pisa-Studie genannt. Die internationalen Tests hätten die Überlegenheit der Einheitsschule gezeigt. Das ist eine Legende. Richtig ist: Einige erfolgreiche Länder haben Einheitsschulen. Richtig ist auch: Einige erfolgreiche Länder haben sie nicht. Die Pisa-Forscher selbst betonen, dass aus ihren Zahlen nicht abzuleiten ist, welches Schulsystem „besser“ sei. Schulen sind keine isolierte Welt; sie sind Teil der Gesellschaft. Deren Probleme beeinflussen ihren Erfolg und ihren Misserfolg.

Zum Lob der Einheitsschule gesellt sich der Tadel an der „Ständeschule des Kaiserreiches“. Gerne und auch bösartig werden dem Gymnasium Unterrichtsmethoden unterstellt, die die Schüler nicht würdigten. Ganz anders die Einheitsschule, hier entwickle sich eine „Pädagogik der Anerkennung“. Der Lehrer belehrt nicht, sondern hält sich zurück, wird zum Coach. Empfehlenswert ist solche Einseitigkeit nicht. Manchmal ist es sinnvoll, dass die Schüler selbstständig voranschreiten; manchmal benötigen sie Instruktion, manchmal das entwickelnde Gespräch. Allerdings: Nichts geht ohne die Zuwendung der Lehrer. Ob sie die im harten Alltag immer aufbringen können – das ist keine Frage des Schultyps.

Unsere Gymnasien sind die begehrteste Schulform. Möglicherweise auch deswegen, weil sie einen Bildungsbegriff verkörpern, der sich nicht nur am Pragmatischen, an der Lebenswelt und am künftigen Beruf der Schüler orientiert, sondern Strukturen und Zusammenhänge „hinter den Dingen“ erarbeitet. Wenn unsere Schüler ein Jahr im Ausland verbringen, gehören sie dort oft zu den Besten. Stil und Denkweise des deutschen Gymnasiums sind anscheinend produktiver als die testorientierte Pragmatik der Gastländer.

Also, alles bestens, lassen wir alles, wie es ist? Nein, natürlich nicht. Abhängigkeit des Schulerfolges von der sozialen Herkunft, das Drama der Hauptschule, die elementaren Schwächen vieler Fünfzehnjähriger beim Lesen und Rechnen sind ein Skandal. Dagegen hilft aber kein Patentrezept, kein blindes „Nur so“. Jedes Schulsystem ist überfordert, wenn es heilen soll, was Sprach- und Schriftlosigkeit in den Familien, TV-Erziehung, Leseunlust, Bilderflut und Spaßgesellschaft, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Integration angerichtet haben. Diese Probleme lösen wir nicht durch einen Wechsel des Systems, sondern durch ein Bündel mühsamer Reformen in Schule und Gesellschaft. Die gibt es nicht umsonst. Auch sie kosten Geld, aber weniger, als das Traumschloss Einheitsschule verschlingen würde.

Hinrich Lühmann ist Direktor des Humboldt-Gymnasiums in Tegel

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