Prävention gegen sexuelle Gewalt : Was Schulen gegen Missbrauch tun können

Experten für die Prävention von sexuellem Missbrauch geben Hinweise, wie Lehrer Kinder vor Übergriffen schützen können.

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Schnell weg. Sexueller Missbrauch kommt häufiger vor, als man denkt.
Schnell weg. Sexueller Missbrauch kommt häufiger vor, als man denkt.Foto: picture alliance / dpa

Der Mann versprach erst ein Eis, dann versuchte er den Achtjährigen in ein rotes Auto zu zerren. Der Junge war noch ein paar Meter von seinem Ziel entfernt, die Paul-Klee-Grundschule in Tempelhof. Noch ein zweiter Mann kam ins Spiel, auch er wollte den Schüler wegzerren. Die Antworten des Achtjährigen waren Tritte, er riss sich los und flüchtete in einen Kiosk. Eine versuchte Kindesentführung in der vergangenen Woche, in der Nähe des belebten Attilaplatzes, mitten in Tempelhof. So jedenfalls schilderte es der Schüler der Polizei. Die ermittelt nun Details. Auch in anderen Bezirken melden alarmierte Eltern immer wieder Szenen, die als versuchte Kindesentführung vor Schulen interpretiert werden.

Am Montag saß Johannes-Wilhelm Rörig auf einem Podium im Familienministerium und sagte: „Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Klasse ein Schüler sitzt, der sexuelle Gewalt erlebt hat.“ Eine mutmaßliche Entführung wie am Attilaplatz hatte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung dabei weniger im Sinn, er dachte eher an Übergriffe in der Familie oder im familiären Umfeld. Aber sexuelle Gewalt, die auch in den Bereich der Schule spielt, in welcher Form auch immer, ist ein drängendes Thema. Und auch die Morde an Mohamed und Elias machen das Thema aktueller denn je.

Wie verhindert man sie? Wie reduziert man die Zahl der Übergriffe? Wie informiert man Schüler und Lehrer am besten über Gegenmaßnahmen? Antworten lieferte am Montag das Fachgespräch „Schutzkonzepte gegen sexuellen Missbrauch in der Schule“, die Veranstaltung mit Rörig. Er und seine Mitarbeiter wollen bis Sommer 2016 jeder Schule ein Schutzkonzept übermitteln. Und es soll, soweit möglich, spezifisch für die einzelnen Einrichtungen angelegt sein.

Auf die Schulkultur kommt es an: Gibt es eine klare Haltung?

Antworten lieferte zum Beispiel Inken Tremmel, Wissenschaftlerin vom Deutschen Jugendinstitut. Ein Schlüsselwort für sie lautet „Schulkultur“. Dahinter verbirgt sich die Atmosphäre an einer Schule. In einer Umgebung, in der offen über das Thema sexueller Missbrauch geredet werde, angemessen mit Schülern, intensiv unter Lehrern, da werde im Vorfeld einiges erreicht. „Es ist ganz wichtig, dass die Lehrer auch mal einen Raum haben, in dem sie außerhalb des Alltagsstresses Probleme ansprechen können.“

„Schulkultur“, das ist für Tremmel aber auch Synonym für eine klare Botschaft. Nämlich: „An unserer Schule gibt es eine klare Position gegen sexuelle Gewalt.“ Der Satz klingt erst mal so aufregend wie die Mitteilung, in der Wüste gebe es Sand. Aber er ist nicht verankert in der Gedankenwelt vieler Schulen, dieser Satz. Das hat Tremmel gemerkt, als sie mal mit Angehörigen einer Schule sprach, die von einem Missbrauchsfall betroffen war. „Hier war das nie thematisiert worden. Es war einfach nicht vorstellbar, dass so etwas bei uns passiert.“ So lauteten die Kommentare. Und jetzt? „Jetzt hat man uns wachgerüttelt.“ Für Lehrer ist es ja wichtig, zu erkennen, ob es bei einem ihrer Schüler Hinweise auf sexuellen Missbrauch in der Familie oder im familiären Umfeld gibt.

Expertin: Sexualpädagogik stärker im Lehrplan verankern

Doch die Schule als Wagenburg, in der solche Probleme nur intern angesprochen werden, in der Expertenwissen von außen nicht abgefragt wird, das funktioniere nicht, sagt Tremmel. Kontakt zu Beratungsstellen, Kontakt zu Fachleuten, aber auch Stadtteilkonferenzen, das ist auch Teil einer Schulkultur. Und selbstverständlich sei eine regelmäßige Fortbildung des pädagogischen Personals bedeutsam. Aber auch aus Gesprächen mit Schülern und Lehrern hatte Tremmel Anregungen erhalten. Die forderten, Sexualpädagogik müsse noch stärker im Lehrplan verankert werden. Zudem sollten die Punkte Selbstkompetenz und Sozialkompetenz geschult werden.

Zu Rörigs Schutzkonzept gehört auch die Prävention von physischer Gewalt. Die Grenzen zum sexuellen Missbrauch sind oft fließend, deshalb lassen sich die Themenfelder nicht trennen.

Die Gemeinschafts-Grundschule Erlenweg in Köln hatte vor 20 Jahren einen legendären Ruf als Brennpunktschule. Schlägereien auf dem Schulhof, Mütter, die auf dem Weg zur Schule mit Waffen bedroht wurden, Jugendgangs, die den Ton bestimmten, das ganze Programm. Dann kam Ursula Reichling als Lehrerin an die Schule, ausgestattet mit Wissen über sexuellen Missbrauch, und leitete eine Wende ein. Ein runder Tisch folgte, sie schulte Kollegen, damit die ihr Wissen Schülern weitergeben konnten, und sorgte umfassend für Prävention.

Der Schulhof zum Beispiel wurde neu gestaltet, und alle Schüler erhielten Schulregeln. Sie lernten die Grenzen zwischen erlaubt und Übertretung kennen, vor allem lernten sie, dass „Hilfe holen nicht gleichbedeutend ist mit petzen“. Ein wichtiger Punkt, er senkte Hemmschwellen. Ein Kind, das sich belästigt oder bedroht fühlt, trifft zudem nach der Pause sofort auf einen Lehrer, der mit ihm Konflikte aufarbeitet.

Einmal im Monat Klassenrat

Im Stundenplan steht explizit einmal im Monat der Punkt „Klassenrat“. Dort werden anstehende Probleme besprochen. Es gibt auch ein Schülerforum, das fast jeden Monat tagt, eine weitere Plattform zur Diskussion über anstehende Fragen. Lehrer, Eltern, Schüler, sie alle stehen in engem Austausch. Informationen durch externe Fachleute und Facheinrichtungen ergänzen die Kommunikation.

Und dann gibt es ja noch das Projekt „Wimmelbild Schulhof“, nachempfunden den berühmten Wimmelbüchern für Kinder. Die Kinder am Erlenweg erhielten erst mal nur das Bild eines leeren Schulhofs. Auf der weißen Fläche konnten sie in ihren Worten Szenen beschreiben, die sie auf dem Hof erlebt hatten. Oder sie notierten, wie sie sich dort ein harmonisches Miteinander vorstellen. Erwachsene setzten dann die Szenen in Bilder um, dazu gibt’s noch passende Hinweise. Irgendwo auf dem Hof steht zum Beispiel eine Gruppe von Schülern, die ein Mädchen zwangsküssen wollen. Dabei steht der Hinweis: „Jedes Kind hat das Recht, nicht zwangsgeküsst zu werden.“ Man kann natürlich darüber streiten, ob man die gleiche Botschaft nicht etwas kindgerechter hätte schreiben können. Harte Arbeit, viele Jahre lang, aber sie habe sich gelohnt, diese Arbeit, sagt Ursula Reichling: „Bei uns ist es jetzt viel friedlicher als früher.“

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