Praxisklassen : Ungewöhnliche Wege zum Hauptschulabschluss

Modenschau für den Abschluss: Eine Praxisklasse stemmt Bühnenbau, Bewirtung, Choreografie und Moderation.

Ulrike Worlitz

Sarah, Arife, Sinem, Cansu, Maryam und Özlem laufen frech, lässig und perfekt gestylt zu den Beats von Justin Timberlakes „Sexy Back“ über den Laufsteg. Abbas und Mohamad posieren cool. Die Farben Pink, Gelb, Weiß und Grau dominieren die luftigen Tops, T-Shirts, Hosen und Accessoires der Jugendlichen. Die Kollektion, die die Jungs und Mädchen kürzlich etwa 70 Gästen im Haus des Vereins Christliches Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) präsentierten, war nicht irgendeine, sondern ihre eigene. Und auch das Drumherum hatten die 15- bis 18-jährigen Schüler gemeinsam mit ihren 30 Klassenkameraden aus der Praxisklasse gestemmt: den Bühnenbau, die Bewirtung, Choreografie und Moderation.

Die Modenschau wurde von potenziellen Arbeitgebern und dem Berliner Senat begutachtet, und von Berliner Prominenz: Modedesigner Kilian Kerner, 30, der sein Label bereits auf den großen Schauen in New York, Paris oder London präsentierte, nahm sich kurzfristig Zeit, den jungen Menschen ein paar Tipps zu geben. Viel zu helfen brauchte er aber gar nicht: „Ich war von der Qualität der Stoffe richtig überrascht und darüber, wie fertig die Arbeiten waren. Das haben die Schüler echt gut gemacht“, sagte er.

Die Jugendlichen haben eines gemeinsam: Sie würden ihren Hauptschulabschluss auf normalem Schulwege nicht schaffen. Für diese Klientel gibt es sogenannte Praxisklassen. Allein in Kooperation mit dem CJD bekommen 116 Schüler von neun Hauptschulen jährlich die Möglichkeit, innerhalb von zwei Jahren ihren Schulabschluss mit zusätzlichen Zertifikaten zu machen.

An zwei Tagen in der Woche erhalten die Jugendlichen Schulunterricht, an drei Tagen steht Praxis auf dem Programm. Berufsfelder sind unter anderem Gastronomie, Schneiderei, Friseur und Holztechnik. „Chancen können nur da entstehen, wo Chancengeber sind“, betonte CJD-Gesamtleiterin Gabriele Winkler. 2008 hätten knapp 70 Schüler auf diesem Wege ihren Hauptabschluss geschafft.

Die Modenschau fand in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Vier Monate lang wurde getischlert, entworfen, genäht und geprobt. Bei den Kleiderentwürfen half Schneidermeisterin Maria Czyzykowski. Lubinka Ignazcak, 17, von der Rütli-Schule in Neukölln ist eine ihrer Schülerinnen. „Jetzt kann ich mir sicher sein, dass ich meinen Schulabschluss bekomme“, sagte sie. Ein Jahr hat Ignazcak noch vor sich und hofft dann auf eine Ausbildung. Mit Begeisterung hatte sie die Farben und Designs der Streetwear-Kollektion mit ausgewählt und entworfen. Eine weitere Gruppe kümmerte sich um das Styling der Haare und des Make-ups, unter ihnen Vivi Ulrich von der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee. Sie hat schon einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Ohne die Praxisklasse hätte sie den Abschluss aber nicht gepackt. „Ich hatte Probleme, habe viel geschwänzt“, erzählte sie. Der Mix aus Theorie und Praxis habe sie motiviert, es doch zu versuchen und ihren Traumberuf Friseurin zu verwirklichen. Ulrike Worlitz

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