Pro und Contra : Soll die Vorschule ab vier für alle Kinder Pflicht werden?

In unserem neuen "Pro und Contra" geht es um den Vorschlag, Kinder schon mit vier auf die Schulbank zu schicken. Was meinen Sie dazu? Diskutieren Sie mit!

von und

Pro

Lernen beginnt nicht erst am Tag der Einschulung. Es beginnt am ersten Tag des Lebens. Doch viele Eltern, gerade in Berlin, können ihren Kindern nicht genug beibringen. Also brauchen die Kleinen andere Vorbilder – und zwar nicht erst in der ersten Klasse. Der Gedanke, die Kinder schon ab dem zweiten Lebensjahr in die Kita zu schicken, ergibt durchaus Sinn. Aber die Kitas haben zwei entscheidende Nachteile: Es gibt keine Pflicht, seinen Nachwuchs dorthin zu schicken – und die Eltern haben dabei das Grundgesetz auf ihrer Seite. Kindertagesstätten sind zudem weit davon entfernt, wirkliche Bildungseinrichtungen zu sein. Oft sind Erzieherinnen keine Pädagoginnen, sondern Aufpasserinnen. Erklärungen, gezielte Förderung und richtige Lernangebote kämen in Kitas oft zu kurz, sagen Experten. Besser ist es deswegen, alle Kinder ab vier Jahren in die Schule zu schicken. In anderen Ländern ist das ganz normal: Ob Ecole Maternelle in Frankreich oder Nursery School in England – dort lernen sogar schon Zwei- oder Dreijährige, und zwar von ausgebildeten Lehrern. Und vor allem die Sprache, in der sie später in der richtigen Schule dem Unterricht folgen müssen. Wenn sich Deutschland daran orientiert, ändert sich vielleicht auch endlich etwas daran, dass die Chance auf einen guten Abschluss in keinem anderen europäischen Land so sehr von der sozialen Herkunft abhängt wie in bei uns. Daniela Martens

Contra

Noch mehr als bisher soll die Schule ausgleichen, was unfähige Eltern nicht schaffen: Das ist der Grundgedanke sowohl bei Kitapflicht als auch der Vorschulpflicht ab vier. Der gute Wille dahinter in Ehren – die Lösung aller gesellschaftlichen, sozialen, migrantischen, Integrations- und Gerechtigkeitsprobleme muss bei den Kindern beginnen. Aber warum muss diese Art von Gesellschaftspolitik alle Kinder und Eltern betreffen? Vorschulpflicht ist der Griff des Staates nach den Kindern. Nicht genug, dass sie in den ersten Schuljahren mit Pisa, Vera und anderen Vergleichereien traktiert und auf Bildungsinhalte zugerichtet werden, die die Kultusministerbürokratie für lebensnotwendig hält. Jetzt sollen auch alle Vierjährigen in ihrer Kohorte die soziale Problematik der Gesellschaft lösen helfen, indem sie einander Deutsch und Sozialverhalten beibringen? Die Vorschulpflicht wäre Ausdruck eines merkwürdigen Politikverständnisses: orientiert an Eltern, die komplett versagen. Und es setzte auf die unterfinanzierte, personell schlecht ausgestattete Institution (Vor-)Schule – nachdem Jugendämter, Familienhelfer, Kitaerzieher bei der Aufgabe versagt haben, vernachlässigten Kindern den Start ins schulische Leben zu erleichtern oder erst möglich zu machen. Solche Kinder brauchen jede Hilfe dieser Gesellschaft – aber nicht auf Kosten der Freiheit jener Kinder, die in geborgenen Verhältnissen aufwachsen. Werner van Bebber

Und was meinen Sie zu dem Vorschlag? Diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die leicht zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten.

34 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben