Schule : Proben für Peking

22 Schüler aus Berlin fahren mit dem Tagesspiegel nach China – und übten schon mal für die Paralympics-Zeitung

Annette Kögel
Paralympics-Zeitung Foto: Heinrichs
Redaktionsteam der Paralympics-Zeitung. -Foto: Heinrichs

Manchmal würden Chefredakteure gern noch mal zur Schule gehen. „Also ehrlich gesagt, ich bin ein bisschen neidisch auf Sie alle, ich hätte früher in der Schule auch gern an so einem Projekt teilgenommen“, sagt Lorenz Maroldt augenzwinkernd in die Runde. Der Tagesspiegel-Chefredakteur meint das Paralympics-Projekt seiner Zeitung: Seit den Sommerspielen 2004 in Athen fahren alle zwei Jahre Jugendliche aus Berlin zu den Olympischen Spielen der Menschen mit Behinderungen – und schreiben darüber in der Paralympics-Zeitung, dem offiziellen Magazin der Spiele. Vom 6. bis zum 17. September nun finden die Sommer-Paralympics in China statt – zur Vorbereitung waren die jungen Autoren beim mittlerweile dritten Paralympics-Workshop zu Gast im Tagesspiegel-Verlagshaus an der Potsdamer Straße und in der Spandauer Druckerei.

Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Artikel in die Zeitung kommen? Wie führe ich ein Interview? Was kostet eine Anzeigenseite im Blatt? Fragen wie diese beantworteten Chef vom Dienst Thomas Wurster und sein Kollege Ingo Wolff. „Sie tragen bei der Berichterstattung eine große Verantwortung“, sagte Maroldt zu den Schülern: Sie müssten genau recherchieren und wahrheitsgemäß Bericht erstatten. Dann gab der Chefredakteur den Staffelstab weiter an den Leiter des Sportressorts, Robert Ide. „Die Paralympics sind längst kein sportliches Randereignis mehr“, so Ide zur Gewichtung der Berichterstattung. Er empfahl den Schülern, vor allem auf gesellschaftliche und menschliche Aspekte der Spiele zu achten – wie es schon jetzt Korrespondenten in Peking täten.

Insgesamt 22 Schülerinnen und Schüler können dank der finanziellen Unterstützung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung mit dem Tagesspiegel zu den Spielen reisen. Sie kommen vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium aus Reinickendorf, dessen Schulleiterin Jutta Randelhoff-Szulczewski das Projekt koordiniert. Zudem fahren Schüler vom Humboldt-, Menzel-, Carl-von-Ossietzky-, Lily-Braun- sowie vom Romain-Rolland- und dem Askanischen Gymnasium mit nach China – sie alle lernen die Landessprache im Unterricht.

Piet Schoenherr ist einer der wenigen jungen Männer im Team, er fühlt sich China und der Suttner-Schule als Ehemaliger verbunden. Mit den Lehrern Frau Jiang Wu, Herrn Weijan Liu und Etta Ites-Pätzold pauken die Jugendlichen projektbezogene Fachbegriffe: So heißt Medaille „jiangpai“, Rollstuhl „lunyi“ – und Tagesspiegel „Meiri Jinbao“.

Die Schüler werden sich also verständigen können mit ihren Altersgenossen; sie wohnen im Internat der chinesischen Mittelschule Nummer 80 im Stadtteil Chaoyang. Welchen Zwängen Journalisten dort unterworfen sind, dass üblicherweise nicht alle Internetseiten zugänglich sind, wie sich die politische Lage in Tibet auswirkt und warum Bundespräsident Köhler trotzdem zur Eröffnungsfeier fliegen will – all das werden die Schüler beim vierten Paralympics-Workshop Ende April erfahren. Das ist auch die Redaktionssitzung für die erste Ausgabe der mehrsprachigen Paralympics-Zeitung, die dem „Handelsblatt“, der „Zeit“, dem Tagesspiegel und einer großen Tageszeitung in China beigelegt wird.

Außerdem wird sie ans Europaparlament geliefert, denn das Paralympics-Projekt des Tagesspiegels gehört zum Europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs. So können auch ein spanisch-, ein italienisch-, ein englisch- und ein französischstämmiger junger Berliner mitreisen. Partner der Zeitung sind der Deutsche Behindertensportverband und das Europäische Paralympische Komitee.

Wie viel Arbeit in einer Zeitungsausgabe steckt, machten beim Workshop auch Bettina Seuffert aus der Artdirection und Sascha Lobers von der Bildbearbeitung deutlich. Und dann ging es weiter zur Axel-Springer-Druckerei in Spandau. Tonnenschwere Papierrollen, rotierende Bänder, und fast alles vollautomatisch – das beeindruckte die Schüler. Nach der Führung war der Marathon-Workshop geschafft, und die Besucher konnten als Souvenir Originalplatten mitnehmen. Die Redaktion in der Potsdamer Straße musste nur noch schnell den Rechtschreibfehler verbessern, den die Chinesischexperten in der druckfrischen Zeitung bei den Schriftzeichen in der „Weise nach Peking“-Sportglosse gefunden hatten.

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