Psychologie : "Es geht um unerledigte Aufgaben"

Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Ulrike von Lersner erklärt, was hinter den Schulalbträumen steckt.

Warum träumen viele Menschen noch Jahre später von Prüfungssituationen?

Träume haben meistens die Funktion, etwas zu verarbeiten, was uns am Tag beschäftigt hat. Bei belastenden Situationen träumen wir davon eine Zeit lang intensiver, dann lässt das wieder nach. Bei dieser Verarbeitung abstrahiert die Psyche im Traum schon mal. Bei den Schulträumen oder Prüfungsalbträumen muss es deshalb nicht tatsächlich um die Schule gehen. Ich glaube nicht, dass diejenigen tatsächlich Angst hätten, das Abitur noch einmal machen zu müssen. Ich würde es eher so interpretieren, dass es um unerledigte Aufgaben im alltäglichen Leben geht, um Erwartungen, die andere an uns stellen. Es geht um das Gefühl, nicht genug zu leisten oder diesen Erwartungen auch mit viel Leistung nicht genügen zu können.

Aber warum ist es so häufig gerade die Abiturszeit, die da wiederholt wird?

Das Ende der Schulzeit und auch die Examenszeit an der Universität sind die Ereignisse im Leben, in denen die eigene Leistung am stärksten bewertet wird. Danach muss man sich in der Regel nicht mehr auf solch einschneidende und unmittelbare Weise einer Bewertung unterziehen. Zum anderen ist man mit 18, 19 Jahren auch noch empfindlicher, die eigene Persönlichkeit noch nicht so stabil wie hoffentlich später im Erwachsenenleben. Danach räumt man einer Bewertung durch andere in einer Prüfungssituation eher nicht mehr so eine Bedeutung ein.

Ist es bedenklich, so etwas zu träumen?

Nein, das ist überhaupt keine gravierende psychologische Dysfunktion. Es bedeutet lediglich, dass sich die Psyche mit etwas beschäftigt. Diese Art Träume sind wirklich weit verbreitet, ich kenne sie aus eigener Erfahrung und habe ähnliches auch schon von Kollegen gehört. Selbst Leute, die seit Jahren erfolgreich an der Hochschule arbeiten, haben offenbar manchmal dieses Gefühl: Irgendwann fliegt auf, dass ich gar nichts kann. Das kann sich dann in einem Hochstapler-Traum äußern, bei dem man verheimlichen muss, dass man eigentlich gar kein Abitur hat und trotzdem an der Uni studiert.

Wie kann man diese Albträume wieder loswerden?

Wenn jemand ansonsten im Leben psychisch stabil ist, würde ich solche Träume nicht überbewerten. Fühlt sich jemand durch die Träume gestört, sollte er oder sie sich fragen, wofür sie stehen könnten. In welchem Lebensbereich fühle ich mich überfordert oder irgendwie eingeschränkt? Wo schiebe ich die Auseinandersetzung mit einem Problem vor mir her? Wenn es Menschen gelingt, sich dies einzugestehen und in dem entsprechenden Lebensbereich ein bisschen nach zu korrigieren, kann so ein Traum ein hilfreicher Fingerzeig in Richtung mehr Zufriedenheit sein.

Die Fragen stellte Sylvia Vogt

Ulrike von Lersner (34) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychotherapie der Humboldt-Universität und praktizierende Verhaltenstherapeutin

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