Schule : R32 – der Golf als Sportwagen

Unter der Motorhaube steckt der 3,2-Liter-V6-Motor aus dem Phaeton

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Von Ingo von Dahlern

So hatten wir den Golf noch nie erlebt. Im dritten Gang fädelten wir uns mit dem R32 in den fließenden Verkehr auf der Autobahn ein. Und da die Strecke dreispurig und relativ frei war, konnten wir einfach einmal auf Gas treten. Kraftvoll – auch beim unüberhörbaren Sound – zog das Auto an, wurde schneller, vierter Gang, es beschleunigte weiter, fünfter Gang, noch schneller und selbst im sechsten steckten noch enorme Reserven, als die Tachonadel längst die Tempo 220-Marke passiert hatte. Und dabei lag das Auto absolut ruhig auf der Straße, lief ungeachtet mancher Fahrbahnunebenheiten stur geradeaus. Dann waren vor uns plötzlich wieder zwei Spuren von schweren Lastern besetzt und ein vorausfahrender Personenwagen fuhr nach Antippen der Blinker und offensichtlich ohne irgendeinen Blick auf den herannahenden Verkehr wie es leider auf deutschen Autobahnen immer mehr zur Regel zu werden droht, mit Tempo 110 auf die linke Spur. Nun konnte der R32 beweisen, dass seine Bremsen nicht weniger leistungsfähig sind als sein Triebwerk. Und ebenso souverän, wie er zuvor beschleunigt hatte, verzögerte er nun.

Auf Landstraßen quer durchs Weserbergland führte die weitere Route beim ersten Kennenlernen. Hier konnte er nun ganz andere Stärken ausspielen – beim flotten Überholen, aber auch auf engen kurvigen Mittelgebirgsstraßen, wo es eine wahre Freude war, flott von einer Kurve in die nächste zu fahren und dabei zu spüren, wie dieses Auto ohne Widerstand absolut willig den zum Teil kräftigen und heftigen Lenkeinschlägen folgte, ohne dabei den Kontakt zur Fahrbahn zu verlieren. Das sind Momente, in denen man ein Auto nicht nur in die Hand nimmt, um von einen Punkt zum anderen zu gelangen, sondern um dabei auch Fahrfreude zu erleben. Und hier bringt der R32 alles mit, um diesen Wunsch zu erfüllen. Kurzum, es war ein wahres Vergnügen, so viel so sauber beherrschbare Kraft in den Händen zu halten.

Golf R32 – das ist ein Ausnahmeauto. Eines von jenen Fahrzeugen, mit denen Fahren zum Erlebnis wird. Ein durchaus legitimer Aspekt neben dem praktischen Nutzen, den ein Auto normalerweise hat – so wie man gutes Essen genießt, statt nur daran zu denken, satt zu werden. Im Programm des Golf IV, der nach seiner Einführung im Jahr 1997 inzwischen vor der Ablösung durch die nächste Generation steht, ist der R32 die Krönung. Das gilt sowohl für seine Optik als vor allem für die Technik unterm Karosserieblech. Drei große wabenförmig vergitterte Lufteinlässe bestimmen die Front des R32 – gewaltige Nüstern, die alles andere als nur sportliches Design sind. Denn dieses Auto braucht nun einmal eine Menge Kühlluft. Schließlich steckt hinter den Gittern der erst vor wenigen Wochen im neuen Wolfsburger Spitzenmodell eingeführte neue 3,2-Liter-V6-Motor. Mit einer Leistung von 177 kW (241 PS) macht er dem R32 zum stärksten Golf, der jemals auf die Räder gestellt wurde.

Dieses vom typischen Volkswagen-Sechszylinder mit dem schmalen Zylinderwinkel von nur 15 Grad abgeleitete Vierventil-Triebwerk mit Schaltsaugrohr, zwei obenliegenden Nockenwellen, kontinuierlicher Ein- und Auslassnockenwellenverstellung, siebenfach gelagerter Kurbelwelle und je einer Zündspule pro Zylinder macht bereits den immerhin zwei Tonnen schweren Phaeton überraschend agil, lässt ihn binnen 8,4 Sekunden Tempo 100 und maximal 245 km/h erreichen. Kein Wunder, dass dem knapp 1,5 Tonnen wiegenden R32 mit diesem zwischen 2800 und 3200/min ein höchstes Drehmoment von 320 Nm liefernden Kraftwerk gerade einmal 6,6 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 genügen, während die Tachonadel erst bei 247 km/h zur Ruhe kommt. Das sind Fahrleistungen, mit denen der R32 auch mit manchem ausgewiesenen Sportler aus Deutschlands Süden überzeugend mithalten kann. Und in vertretbarem Rahmen bewegen sich mit durchschnittlich 11,5l/100 km auch die Verbrauchswerte des R32, der die Abgasnorn EU4 erfüllt.

Um die Kraft des großen Sechszylinders, der den Platz unter der Motorhaube des flinken Golf komplett füllt, sicher auf die Straße zu bringen, setzt Volkswagen auf seinen permanenten 4Motion-Allradantrieb. Dessen Kernstück ist bei Volkswagen die Haldex-Kupplung. Im Unterschied zu den früher verwendeten vollautomatischen aber nicht regelbaren Visco-Kupplungen lässt sich die Haldex-Kupplung gezielt regeln, so dass man das auf die Hinterachse übertragene Drehmoment beliebig variieren kann – bis zu maximal 100 Prozent. Zu den Vorzügen der Haldex-Kupplung gehören zudem ihre kurzen Reaktionszeiten und die Tatsache, dass ihr System problemlos mit allen elektronischen Assistenzsystemen vom ABS bis zur Fahrdynamikregelung ESP zusammenarbeitet.

Der Allradantrieb und der hohe Aufwand, den die VW-Ingenieure für das Fahrwerk des R32 getrieben haben, sind die technische Basis für jenes agile und sichere Fahrverhalten, mit dem dieses Auto bei den ersten Probekilometern vom ersten Meter an überzeugte. Angenehm aufgefallen ist dabei, dass es gelungen ist, bei aller Sportlichkeit und Straffheit noch eine menge Komfort zu bewahren. Denn dieses Auto ist nicht nur ausgewiesener Sportler, sondern rundum alltagstauglich – mit ein paar kleinen Einschränkungen vielleicht. So wurde das Fahrwerk gegenüber dem Golf V6 noch um weitere zehn Millimeter tiefer gelegt. Da empfiehlt es sich, beim Überfahren von hohen Borsteinen sehr vorsichtig zu sein. Und heftigen seitlichen Kontakt mit Bordsteinen mögen die ausgesprochen attraktiven 18-Zoll-Felgen mit ihren 15 Speichen und den Reifen 225/40 ZR18 ebenfalls nicht.

Gemessen an seinem hohen Leistungspotenzial tritt der R32 optisch insgesamt recht zurückhaltend auf. Das gilt auch für den durchaus eleganten aber auch schlichten Innenraum mit seinen optimalen Halt gebenden Sportsitzen mit ihren ausgeprägten Seitenwangen, das griffige Leder-Sportlenkrad und den neuen bis Tempo 300 reichenden Tacho sowie die zahlreichen Bauteile aus gebürstetem Aluminium. Sichereits- und Komfortausstattung sind komplett, so dass die Preisliste des für 31 590 Euro angebotenen Sportlers für Sonderausstattungen vom CD-Wechserl über eine Lederausstattung bis zu diversen Navigationssystemen recht kurz ausfällt. 5000 R32 will man bei VW bauen, davon 1800 für den deutschen Markt – es empfiehlt sich also, rechtzeitig zu ordern.

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