Rechtsextremismus : Wenn Schüler sich mit „Heil“ begrüßen

Um den Anfängen zu wehren engagieren sich 21 Berliner Schulen im Netzwerk „Schulen ohne Rassismus“. In manchen Bezirken ist das dringend notwendig.

Juliane Wedemeyer

BerlinNein, Probleme mit Neonazis gibt es nicht am Manfred-von-Ardenne-Gymnasium in Alt-Hohenschönhausen. Niemand grenzt die vietnamesischstämmigen Mitschüler aus, und auf den Toiletten gibt es keine Hakenkreuzschmierereien. Obwohl, „einige Achtklässler begrüßen sich neuerdings mit ,Heil‘“, sagt Denny, „darum müssen wir uns mal kümmern.“ Denny blickt besorgt. Der dunkelblonde Jugendliche ist 17 Jahre alt und trägt schwarz – wie alle, die neben ihm sitzen. Um den Tisch im Besprechungszimmer hat sich das Organisationskomitee des Antirassismustags versammelt. Denny gehört dazu, er hat einen Workshop über rechtsextreme Lügen vorbereitet.

Projekte wie der Antirassismustag sind Pflicht für die Schüler und die Lehrer des Gymnasiums, das zum Bezirk Lichtenberg gehört. Denn ihre Schule ist eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Das heißt, mindestens 70 Prozent der Schüler und der Lehrer haben sich mit ihrer Unterschrift verpflichtet, sich gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule einzusetzen, bei Konflikten einzugreifen und eben regelmäßig Projekte zu diesem Thema durchzuführen.

Sich suchen nach guten Antworten auf die Plattitüden

Die Ardenne-Schüler haben gemeinsam mit ihrer Politiklehrerin Christine Lasch 29 Workshops vorbereitet. Fast alle der 800 Schüler und der 55 Lehrer nehmen daran teil. Sie sitzen in Klassenzimmern in Stuhlkreisen und suchen nach guten Antworten auf Parolen wie „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, sie reden auf dem Schulhof über den Moscheenbau in Pankow, und in der Aula zeigen Schüler auf der Bühne, wie man sich mit Judo verteidigen kann.

Rund 400 Schulen bundesweit sind Mitglied im Netzwerk „Schule ohne Rassismus“. Seit 1995 gibt es das Projekt in Deutschland. Seit diesem Monat darf auch die Lichtenberger Ardenne-Schule den Titel tragen. Sie ist die 21. Berliner Schule, die dem Netzwerk beigetreten ist.

Schüler müssen Eigeninitiative zeigen

Auffallend ist, dass zwei Drittel dieser Schulen zum Abitur führen. Die anderen Schulen sind in der Minderheit. Bundesweit ist das ähnlich. Woran liegt das? Gibt es an Schulen, die nur bis zur zehnten Klasse führen, mehr Rechte?

Nein, meint Ingo Grastorf, der Landeskoordinator von Schule ohne Rassismus. Er hat andere Erklärungen: Zum einen sei das eine Frage der Zeit. Ehe Schüler und Lehrer alle Unterschriften zusammen hätten und genügend Projekte durchführten, vergingen manchmal Jahre. Und Gymnasiasten hätten eben drei Jahre mehr Zeit, sich um den Titel zu bemühen. Zum anderen sei das schlicht eine Altersfrage, sagt Grastorf. 18-, 19-jährige Elft- und Zwölftklässler seien eben politisch interessierter als jüngere Schüler. Und sie engagieren sich eher. Und genau das ist nötig, um Schule ohne Rassismus zu werden: „Die Schüler müssen ja selbst Initiative zeigen, sich selbst bei uns melden. Wir unterstützen sie dann nur dabei“, sagt Grastorf.

Sie wollen Aufmerksamkeit erzeugen

Zum Beispiel stellt das Netzwerk Informationsmaterialien für die Workshops zur Verfügung. Damit die Schüler überhaupt von diesem Projekt erfahren, verteilen er und seine Kollegen Flyer auf Schüler- und Lehrerkonferenzen.

Denny und seine Mitschüler stehen voll hinter diesem Projekt, sie wollen aufrütteln, sagen sie. Sie möchten, dass ihre Mitschüler aufmerksam gegenüber Gewalt und Diskriminierung sind. Auch wenn es an ihrem Gymnasium kaum Probleme damit gibt, Gewalt und Diskriminierung kennen Denny und die anderen. Und sie kennen das Gegenteil von Courage.

Stefan, der am Antirassismustag seine Klassenkameraden über rechtsextreme Musik aufklärt, zum Beispiel. Der 19-Jährige fällt auf der Straße auf, zumindest in Lichtenberg. Er trägt ein schwarzes Basecap mit bunten Buttons, Kinnbart und fünf Piercings im Gesicht. Es war am S-Bahnhof, erzählt Stefan. Irgendwann vor zwei Jahren. Er war mit fünf Freunden auf dem Weg zu einem Konzert.

Erst spukten die Neonazis, dann schlugen sie - helfen wollte niemand

Plötzlich standen Neonazis vor ihnen, „zwei, die ganz normal aussahen, und zwei richtige Glatzen“, sagt er. Einen der fünf Freunde von Stefan kannten sie, sie wussten, der ist ein Linker. Erst spuckten die Neonazis, dann schlugen und traten sie. Stefan rief mit dem Handy die Polizei und rannte los, auf der Suche nach Hilfe. Aber niemand wollte helfen. Weder die Passanten noch der Mitarbeiter vom S-Bahn-Informationsstand. Er könne nichts tun, sagte er. Eine Viertelstunde später traf die Polizei ein, da war sein Freund schon blau geschlagen.

Überhaupt sind Rechte im Bezirk Lichtenberg präsent. In der Bezirksverordnetenversammlung sitzen drei NPD-Mitglieder. Auch wenn die meisten Rechten im Alltag gar nicht auffallen. Denny und Stefan kennen viele von ihnen, gerade die Jugendlichen. Vier Neonazi-Gruppen, sogenannte Kameradschaften, sind in Lichtenberg aktiv. Es gibt Kneipen, die Namen wie „Walhalla“ oder „Germanenhof“ tragen, und ganz in der Nähe ihrer Schule gibt es den Neonazi-Laden „Wearwolf“.

Vielleicht auch darum gibt es in Lichtenberg gleich vier „Schulen ohne Rassismus“ – die meisten in ganz Berlin.

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