Reportage : Fördern statt frustrieren

Von großen Prüfungen und kleinen Kindern: Eine Reportage aus einem Klassenzimmer Neuköllns.

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„Das ist ein Fffff – für F. Das Wort heißt Klassenfahrt“, erklärt Lena ihrer Schulkameradin Celine. Mit Bedacht malt die Erstklässlerin einen geschwungenen Bogen. „Genau so“, sagt Lena. Es ist die zweite Stunde in einer der jahrgangsübergreifenden Klassen der Neuköllner Karlsgarten-Grundschule. Dort lernen Erst- bis Drittklässler gemeinsam. „Die Großen vertiefen ihr Wissen, indem sie die Kleineren unterstützen und dabei die positive Erfahrung machen, etwas zu können – auch wenn es mit den eigenen Aufgaben nicht immer klappt“, sagt die Klassenlehrerin Hanna Rojczyk.

In acht Tagen geht es los, ins Schullandheim nach Wandlitz. Deshalb steht das Basteln eines Reisetagebuchs auf dem Programm. Badia und Selim werkeln an einem persönlichen Wunschheft, weil sie nicht mitfahren. Die Zweitklässlerin, weil es ihr die Eltern nicht erlauben, und der Erstklässler, weil er außer Haus nichts isst und deshalb nicht mitwill.

Das Gewusel in der Klasse ist groß. Es ist Zeit, die Titelseite des Heftchens zu gestalten. Schritt für Schritt erklärt Rojczyk der Klasse den Bastelvorgang. Als Ruhezeichen lässt die 53-Jährige immer wieder ein Glockenspiel erklingen. „Was ich mir für die Klasse wünsche“, lautet der Titel von Badias Heft. „Glück“, malt sie in großen Buchstaben aufs Papier. Die Zweitklässlerin ist fit im Lesen und Buchstabieren. So gut schreiben und erzählen wie sie können nicht alle Kinder in der Klasse. Die Drittklässlerin Taya, die sich eifrig meldet, versucht zu erklären, was ein Dorf ist. „Ein kleines Land?“ Rojczyk löst das Rätsel.

Dass Drittklässler im Vergleichstest auf ihre Leistungen überprüft werden, findet die Lehrerin ein Unding. „Wir arbeiten differenziert mit den Kindern – und plötzlich schreiben sie den gleichen Test, den die meisten inhaltlich nicht einmal verstehen.“ Das sei frustrierend für die Kinder und auch die Lehrer. „Wir kennen ihren Stand auch ohne den Test. Unsere Arbeit besteht in erster Linie auch im Nachholen und nicht nur im Vorantreiben der Kinder.“ Rojczyk fragt sich, was der Aufwand soll: „Nach den Tests fragt uns keiner, was wir hier an Brennpunktschulen brauchen.“ Stattdessen seien die Vorschule abgeschafft und die Integrationsstunden gekürzt worden. Und jedes Jahr sei es eine Zitterpartie, ob sie auch weiterhin einige Stunden zu zweit den jahrgangsübergreifenden Unterricht in den großen Klassen gestalten könnten. „Was wir hier brauchen, sind kleine Klassen.“

Was Grundschulen in sozialen Brennpunkten brauchen, hat sie mit mehr als 1000 Lehrern von 53 Grundschulen in einem Brandbrief an Senator Jürgen Zöllner deutlich gemacht. Der geplante Boykott der anstehenden Vergleichstests sei eine Möglichkeit, Druck auszuüben. Denn Grundschulunterricht in einem Bezirk wie Neukölln bedeute mehr als nur Lehrtätigkeit nach Hochglanzbroschüre. Bei 18 arbeitslosen Elternteilen von insgesamt 21 Schülern seien es in ihrer Klasse eigentlich nur die Kinder, die einen geregelten Alltag hätten. „Arbeitslosigkeit verändert Menschen. Es geht nicht darum, dass die Eltern ihre Kinder nicht unterstützen wollten, sie können es oft gar nicht.“ Deshalb sei es wichtig, dass die Kinder in der Schule sprechen lernten. „Die Kinder hier brauchen mehr Zeit, um sich zu entwickeln, weil sie die frühkindliche Förderung oft erst hier erleben“, sagt Rojczyk. „Und sie haben Potenzial.“ So wie Heimkind Robert, der sich in den Klassenalltag integriert – auch, weil er eine Aufgabe hat. Der Drittklässler kümmert sich um den Erstklässler Akin, der früher gehänselt wurde. Die beiden sind Freunde geworden.

Rojczyk glaubt, dass es kein Wunder sei, dass so viele Kinder später keine Lust mehr auf Schule hätten und viele von ihnen lieber Hartz-IV-ler sein wollten, ohne zu wissen, was das bedeute. Geduld, Lob und Zeit für Erfolgserlebnisse sei es, was die Kinder in der Grundschule bräuchten, um es später zu schaffen.

Elena ist fertig mit ihrem Titelblatt. Eine Blumenwiese mit blauem Himmel und einer Sonne mit neongrün unterlegten Strahlen. „Meine Klassenfahrt nach Wandlitz“, lautet ihr Titel. Die Überschrift hat sie extra mit Bleistift geschrieben, um etwaige Fehler korrigieren zu können.

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