Rhetorik : „This house believes...“

Auf Deutsch oder auf Englisch, sachlich oder theatralisch: Berliner Schüler lernen das Debattieren

Dorothee Nolte

Die Regierung sitzt heute Abend auf der linken Seite und besteht aus Simon, Clemens, Sheila und Sarah. Rechts hat die Opposition – Max, Lilly, Leon und Emma – Platz genommen und studiert noch kurz ihre Notizen, dann geht es los. Gesprächsleiterin Sandra stellt das Thema der Debatte vor: Die zwei Parteien, im wahren Leben Schüler des Kreuzberger Leibniz-Gymnasiums und Mitglieder des dortigen „Debating Clubs“, werden darüber streiten, ob Zeitungen ein zeitgemäßes Medium sind. Dann folgt der Startschuss: „Let us give a warm welcome to the first speaker of the proposition!“

Ein bisschen Förmlichkeit muss schon sein, denn heute Abend geht es britisch zu. Simon begrüßt in wohlgesetzten englischen Worten die Anwesenden und legt los: In Zeitungen passe viel weniger Information als in Online-Medien, sie seien weniger aktuell, weniger interaktiv und überhaupt, bei Nässe lösten sie sich auf! Sein Fazit, vorgebracht im Duktus der englischen Parlamentsdebatten: „This house believes that newspapers are an outdated concept!“ „Point of information!“, ruft Leon von der Opposition dazwischen, er möchte direkt zu diesem Punkt etwas entgegnen, wird aber durch ein scharfes „Declined!“ von Simon zum Schweigen gebracht: Die Regeln der Debatte besagen, dass der Redner Zwischenrufe zulassen kann, aber nicht muss.

Ob man nun nach dem „British Parliamentary Style“, dem „World Schools Style“ oder nach dem Schema des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend debattiert“ streitet: Debatten folgen stets Regeln. Es gibt eine vorgegebene Redezeit, meist eine vorgegebene Reihenfolge der Redner und bestimmte Rollen wie die des „opening speakers“ oder des Schlussredners: Die Schüler des Leibniz-Gymnasiums gehen damit souverän um. In nahezu perfektem Englisch tragen sie ihre Argumente vor, einige ruhig, andere leidenschaftlich wie Leon: Seit seinem neunten Lebensjahr sei er ein begeisterter Zeitungsleser, bekennt er – das tue er als Erstes am Tag, denn wer möchte schon den ganzen Tag auf den Bildschirm starren? Und seine Mitstreiterin Lilly bringt die Vorzüge des Mediums auf die einprägsame Formel: Zeitungen seien „reliable, enjoyable and irreplaceable“ – verlässlich, unterhaltsam und unersetzlich.

Das Thema der Debatte passt zu ihrem Ort, denn die Schüler sind ins Tagesspiegel-Verlagsgebäude gekommen, um ihre Künste vorzuführen – auch im Tagesspiegel gibt es einen Debattierclub, dessen Mitglieder jedoch stets auf Deutsch streiten. Den Leibniz-Schülern dagegen macht es besonderen Spaß, auf Englisch zu debattieren: „Das ist ein bisschen wie Theaterspielen, eine Rolle spielen“, sagt Lilly, „und man lernt die Sprache auf diese Weise sehr gut“.

Für Martina Kaltenbacher, Englischlehrerin und Leiterin des Debating Clubs, war das auch das entscheidende Motiv, einen Debattierclub an ihrer Schule ins Leben zu rufen: „Anfangs ging es mir nur um die Sprache: Wenn die Schüler sich auf eine Debatte vorbereiten, haben sie ja selbst ein großes Interesse daran, möglichst viele Wörter zur Verfügung zu haben. Sie fragen sie geradezu aus mir heraus, ich muss ihnen gar nichts vorsetzen“, sagt die resolute Frau mit den kurzen schwarzen Haaren.

Inzwischen sieht sie auch viele andere Vorteile im Debattieren: „Die Schüler lernen, Themen zu strukturieren, sich in die Gegenseite hineinzuversetzen, ihre Gedanken überzeugend vorzutragen. Diese Rückmeldung bekomme ich auch von Kollegen, die sie in anderen Fächern unterrichten.“ Im Debating Club des Leibniz-Gymnasiums sind Schüler von der 7. Klasse bis zur Oberstufe vertreten. Bei ihren wöchentlichen Treffen diskutieren sie Themen wie ein Verbot von Killerspielen, Flatrate-Partys oder von Kopftüchern in Schulen. Wer welche Position zu vertreten hat, wird ausgelost: „Sie sollen ruhig auch mal eine Meinung begründen, die sie nicht selbst vertreten – das übt ungemein. Und eines der wichtigsten Ziele beim Debattieren ist ja, dass man lernt, die Gegenseite und ihre Argumente zu verstehen.“

Angefangen hat alles vor knapp drei Jahren in der Britischen Botschaft. Dort gibt es ein „Debating Project“, in dessen Rahmen Berliner und Brandenburger Schulen zu einem Wettbewerb mit britischen Schulen geladen werden. Martina Kaltenbacher und andere Lehrer haben dort an einer Fortbildung teilgenommen – und seitdem gibt es englischsprachige Debattierclubs oder Debattier-AGs unter anderem am Leibniz-, Bertha-von-Suttner- und Schillergymnasium.

Debattieren macht Spaß, egal ob auf Deutsch oder auf Englisch. Auf Englisch aber etwas mehr – findet zumindest Andrew Walsh, Lehrer an der Berlin British School. Denn: „Die Deutschen sind so konsensorientiert“, sagt er – die seien doch glatt fähig, sich innerhalb einer Debatte auf einen Kompromiss zu verständigen! Im englischen Debattenstil dagegen sei klar: „Es kommt darauf an zu gewinnen – egal wie.“ Das mache die Debatten potenziell temperamentvoller, schärfer, polemischer und auch witziger.

Ein Blick nach England und in die USA zeigt auch: Das Debattieren steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. In den USA gebe es an rund 70 Prozent der High Schools Debating Clubs, sagt Kommunikationstrainer Jens Fischer, der vor sieben Jahren die „Berlin Debating Union“ gegründet hat, den Debattierclub der Berliner Universitäten: „Und wenn dort ein nationaler Wettbewerb ausgerufen wird, kommen bis zu 6000 Teams.“

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